Mena-Exklusiv

Drei Morde: Islamisten bekämpfen Verbreitung von Musik

Von Stefan Frank

Im Nahen Osten und am Horn von Afrika wurden in den letzten Tagen drei Menschen ermordet, die über Lautsprecher oder Radiosender Musik verbreitet hatten.

 

Syrien: Radiomoderator Raed Fares ermordet

Im syrischen Idlib wurde am 23. November der prominente Radiomoderator Raed Fares, Gründer des Radiosenders Fresh Radio, ermordet, berichtet die BBC. Radio Fresh ist dafür bekannt, sich über den syrischen Diktator Assad und den Islamischen Staat lustig gemacht zu haben, Frauen als Moderatorinnen zu beschäftigen und Musik zu spielen. Mehrmals waren in der Vergangenheit Anschläge auf Fares verübt worden. „Es war ihm sehr wohl klar, dass er nicht erwarten konnte, ruhig im Bett zu sterben“, sagte der französische Journalist Nicolas Henin der BBC. Fares, so Henin, sei „einer der beeindruckendsten Führer der syrischen Revolution“ gewesen; trotz der ständigen Bedrohung seines Lebens habe er sich geweigert, eine Waffe zu tragen.

Vor vier Jahren wurde das Büro der Radiostation von Milizionären gestürmt. Fares selbst wurde 2014, als er im Auto unterwegs war, von Terroristen des IS beschossen; Kugeln zertrümmerten mehrere seiner Rippen und verletzten seine Lunge, doch er überlebte.

Später befahl die dschihadistische Hai’at-Tahrir-al-Scham-Allianz Radio Fresh, keine Musik mehr zu spielen. Die Antwort des Senders bestand darin, lange Sequenzen anderer Geräusche zu senden: zwitschernde Vögel, gackernde Hühner, mähende Ziegen. „Sie haben versucht, uns davon abzuhalten, in den Sendungen Musik zu spielen“, sagte Fares im Februar 2017 der BBC. „Also haben wir angefangen, Tierstimmen im Hintergrund zu spielen, als eine Art sarkastische Geste gegen sie.“ Dschihadisten forderten den Radiosender zudem auf, keine Frauen mehr moderieren zu lassen. „Daraufhin haben wir die Stimmen [der Moderatorinnen] mit einer Computersoftware bearbeitet, die sie wie Männer klingen lässt“, sagte Fares in dem Interview. Viele seiner Freunde und Kollegen hatten Fares aufgefordert, Syrien zu verlassen, doch er weigerte sich. „Was können sie tun?“, fragte er. „Mich umbringen? Nun, lass sie mich umbringen. Ich werde nicht gehen und ihnen das Land überlassen.“

 

Somalia: Sufi-Kleriker Ali Elmi ermordet

Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, wurden am Montag, den 26. November, in der im Herzen Somalias gelegenen Stadt Galkayo ein „prominenter islamischer Führer“ und „mindestens 17 seiner Anhänger“ von radikalislamischen Terroristen der al-Shabab-Miliz ermordet und mindestens 20 weitere verletzt. Nach Angaben eines Polizeibeamten hätten sich zwei Selbstmordbomber vor einem Sufi-Schrein in die Luft gesprengt, dann hätten vier Bewaffnete das Gebäude gestürmt und dort um sich geschossen.

Als somalische Sicherheitskräfte am Tatort erschienen seien, habe es Gefechte gegeben, bei denen drei der Angreifer getötet worden seien. Al-Shabab bezichtigte sich des Anschlags, bei dem der Kleriker Scheich Abdiweli Ali Elmi getötet wurde. Wie AP berichtet, hat Ali Elmi „Hunderte“ von Anhängern und ist „umstritten“, „weil Videos zeigen, wie er und seine  Anhänger religiöse Gedichte mit Musik singen, was einige Extremisten für unislamisch halten“. Al-Shabab kontrolliert nur die südwestliche Hälfte Somalias (ohne die Hauptstadt Mogadischu), verübt aber im ganzen Land Anschläge, immer wieder auch in Mogadischu. Als dschihadistische Milizen im Jahr 2010 kurzzeitig die Kontrolle über Mogadischu hatten, war Musik dort verboten; Radiosender verzichteten sogar auf Jingles und leiteten ihre Sendungen stattdessen mit Vogelgezwitscher oder Autogeräuschen ein.

 

Libanon: Radiomoderator Gavin Ford ermordet

In der Nähe der libanesischen Hauptstadt Beirut wurde am Dienstag, den 27. November, der populäre Radiomoderator Gavin Ford ermordet. Seit Jahren hatte er die Morgensendung des 1984 gegründeten Senders Radio One moderiert, der nur Musik spielt. „Wenn man in Beirut ist, verbringt man viel Zeit im Auto, und Gavin zu hören, wurde zu meinem Morgenritual“, sagte Sarah Gharzeddine, Moderatorin des libanesischen Radiosenders NRJ, gegenüber The National, einer englischsprachigen Zeitung aus Abu Dhabi. „Es gibt viele englische Radiomoderatoren im Libanon, aber Gavin ragte heraus. Er war libanesischer als ich. Er liebte dieses Land.“

Gavin wurde in seiner Wohnung erdrosselt aufgefunden, die Arme hinter dem Rücken gefesselt. Die Polizei hat mittlerweile im Bekaa-Tal an der Grenze zu Syrien zwei Syrer festgenommen, die die Tat gestanden haben sollen. Über die Hintergründe des Mordes und ob die Tat etwas mit Fords beruflicher Tätigkeit zu tun hat, ist noch nichts bekannt.

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