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Irak: Kunstraub als Identitätsraub

Die Lamassu von Nimrod im Irak vor der Verüwstung durch den IS. (© imago images/Le Pictorium)
Die Lamassu von Nimrod im Irak vor der Verüwstung durch den IS. (© imago images/Le Pictorium)

Der Irak hat in den vergangenen zwanzig Jahren eine beispiellose Plünderung seiner Kulturschätze erlebt. Zahlreiche Raubgüter wurde mittlerweile an Bagdad zurückgegeben.

Der Irak ist reich an archäologischen Fundstätten. Das Zweistromland war ein Zentrum der ersten Hochkulturen; in der antiken Metropole Uruk lebten zu Beginn des dritten Jahrtausends bis zu 50.000 Menschen. Die Ruinen dieser Zivilisationen lockten seit dem 18. Jahrhundert europäische Forschungsreisende an. Im Jahr 1766 entdeckte der Deutsche Carsten Niebuhr die Mauern der assyrischen Hauptstadt Nimrod am linken Ufer des Euphrats. Der in Frankreich geborene und in England aufgewachsene Claudius James Rich rückte ab 1808 die Ruinen von Babylon neunzig Kilometer südlich von Bagdad ins Bewusstsein der Altertumsforscher. Derselbe Rich, der als Konsul die East India Company in Bagdad vertrat, untersuchte auch in Mossul Ruinen, die jedoch erst 1842 vom italienisch-französischen Archäologen Paul-Émile Botta als die Überreste des alten Ninive identifiziert wurden.

Tausende Fundstücke, Statuen und Architekturfragmente wurden damals außer Landes geschafft und schmückten fortan europäische Museen. Erst 1926 wurde mit dem Nationalmuseum in Bagdad die erste archäologische Dauerausstellung im Irak eröffnet. Einen Bauboom erlebten die Museen unter Saddam Hussein, der während seiner Regierungszeit elf Museen errichten ließ. Er idealisierte die Vergangenheit und stellte sich auf eine Stufe mit den als gottgleich verehrten Herrschern der Antike: gestern Nebukadnezar, heute Saddam Hussein.

Diebstahl und Zerstörung

Mit der US-geführten Invasion im Jahr 2003 setzte eine neue Welle an Zerstörungen und Plünderungen ein. Die Koalitionstruppen konnten das Regime zwar in wenigen Wochen militärisch besiegen, das darauf folgende Chaos brachten sie jedoch nicht unter Kontrolle. Als in Bagdad das große Plündern begann, verschwanden Tausende Antiken aus dem Nationalmuseum, um Jahre später bei Versteigerungen der großen Auktionshäuser in London, Paris und New York wieder aufzutauchen.

Im April 2003 errichtete die US-Armee in den Ruinen von Babylon ein Militärlager. Soldaten gruben bis zu zwei Meter tiefe Panzergräben und zerstörten auf diese Weise darunterliegende antike Siedlungsschichten. Ihre tonnenschweren Fahrzeuge rollten über die Reste der Prozessionsstraße aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. Um einen stabilen Untergrund für Parkplätze und einen Landeplatz für Helikopter zu schaffen, wurden weite Flächen des Grabungsareals mit Schotter begradigt. Dieses von anderen Orten herbeigeschaffte Schuttmaterial verunreinigte die archäologischen Schichten für künftige Grabungen.

Die Proteste irakischer und internationaler Archäologen gegen die Beschädigung der so bedeutenden Ausgrabungsstätte waren laut. Der Generalstabschef der dort stationierten Einheit der US-Marines bat im Nachhinein um Entschuldigung, stellte aber fest, dass ohne die Präsenz der US-Truppen möglicherweise ein noch viel größerer Schaden durch Plünderer entstanden wäre.

Museum in Trümmern

Aus den Jahren des Chaos, die dem Sturz Saddam Husseins folgten, erwuchs der sogenannte Islamische Staat. Im Juni 2014 eroberten die Dschihadisten Mossul und überzogen große Teile im Norden und Westen des Landes mit Völkermord und Kriegsverbrechen. Ins Visier gerieten auch Kulturgüter der vorislamischen Vergangenheit, die sie systematisch zerstörten.

In Mossul verwüsteten sie das Museum und zertrümmerten die Palastmauern von Ninive. Doch die Demolierungen förderten auch Neues zutage: Wenige Wochen nach der Machtergreifung der Dschihadisten sprengten sie jene Moschee, in der sich dem Volksglauben zufolge das Grab des Propheten Jonas befand. Nach der Rückeroberung Mossuls durch die irakischen Streitkräfte 2017 entdeckten Archäologen unterhalb der zerstörten Moschee ein mehrere hundert Meter langes Tunnelsystem. Die Dschihadisten hatten hier offenbar nach Antiken gesucht – und waren fündig geworden. Doch die mannshohen, assyrischen Reliefs waren zu schwer, um sie abzutransportieren. Das rettete die archäologischen Schätze, die jetzt von Forschern der Universität Heidelberg untersucht werden.

Nimrod pulverisiert

Die Ausgrabungsstätte von Nimrod fiel Anfang 2015 in die Hände der IS-Kämpfer. Der Bauer eines nahe gelegenen Dorfes berichtete dem Autor, wie in den folgenden Tagen zahlreiche, mit Holzkisten beladene Pickup-Trucks Richtung Mossul fuhren. Ein übliches Vorgehen der Dschihadisten: Zu schwere Stücke wie die Lamassu (Statuen von Schutzdämonen mit Stierkörper, Flügeln und menschlichen Kopf) zerstörten die Fanatiker mit Presslufthämmern, die Zikkurat (ein gestufter Tempelturm) machten sie mit Bulldozern platt, den Rest sprengten sie in die Luft. Handlichere Objekte ließen sie jedoch zuvor wegschaffen, um sie gewinnbringend am Schwarzmarkt zu verkaufen. Eine Parallele zum Regime der Nationalsozialisten, das die sogenannte »entartete Kunst« nicht nur vernichtete, sondern auch über Kunsthändler ins Ausland verkaufte.

Im November 2016 brachten irakische Streitkräfte die mit Sprengfallen übersäte Ausgrabungsstätte unter ihre Kontrolle. Mit den Soldaten eingetroffene Archäologen stellten fest, dass siebzig Prozent des historischen Nimrod zerstört waren.

Restauration und Rückgabe

Die Restaurationsarbeiten im Mossul-Museum, in Nimrod und in anderen vom Islamischen Staat verwüsteten Stätten werden Archäologen und Restauratoren noch lange Zeit beschäftigen. Letztes Jahr haben die USA 17.000 gestohlene archäologische Objekte an das irakische Nationalmuseum zurückgegeben. Darunter befand sich auch eine 3.500 Jahre alte Tontafel mit Fragmenten des Gilgamesch-Epos, die 2003 aus dem Irak geschmuggelt wurde und über London in ein Museum in Washington gelangte.

Das Material stellt nur einen Teil dessen dar, was an Artefakten in den letzten zwanzig Jahren aus dem Irak gestohlen wurde. Aber es ist ein wichtiger Schritt, um dem Land sein kulturelles Erbe und damit seine Identität zurückzugeben.

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