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Was denken die Menschen in Gaza über die Herrschaft der Hamas? 

Immer wieder schießt die Hamas auf Menschen in Gaza, die Israels Anweisungen zur Evakuierung Folge leisten
Immer wieder schießt die Hamas auf Menschen in Gaza, die Israels Anweisungen zur Evakuierung Folge leisten (Imago Images / UPI Photo)

Was denken Menschen in Gaza über die Hamas? Erfreut sie sich breiter Unterstützung in der Bevölkerung oder hoffen viele gar auf einen Sturz der Terrorgruppe?

Solche Fragen stellen sich dieser Tage viele und es ist schwierig, Antworten zu erhalten, die wenigstens einigermaßen verlässlich und verifizierbar sind. Nach fast zwei Jahrzehnten diktatorischer Herrschaft, welche die Opposition mit äußerst repressiven Methoden unterdrückte, sind Informationen, die aus dem Gazastreifen kommen, immer mit Vorsicht zu genießen.

Immerhin kam es dort 2019 zu Massenprotesten gegen die Hamas, die in Folge äußerst brutal unterdrückt wurden. Viele der Anführer dieser Proteste landeten im Gefängnis oder mussten aus dem Gazastreifen fliehen. Trotzdem fanden auch danach immer wieder kleinere Demonstrationen statt, zuletzt im Sommer dieses Jahres, die allerdings ebenfalls mit extremer Härte unterdrückt wurden.

»Zum dritten Mal in den vergangenen Tagen hatten die Protestführer zu Demonstrationen aufgerufen, doch eine starke Polizeipräsenz im gesamten Gebiet hielt die Teilnehmer davon ab, sich in großer Zahl zu versammeln«, hieß es damals in der New York Times: »Die Organisatoren der Proteste – einige von ihnen sind im Ausland lebende Palästinenser – erklärten, die geplanten Demonstrationen seien hauptsächlich eine Reaktion auf die autoritäre Herrschaft der Hamas und ihr Versagen, die katastrophalen Lebensbedingungen zu verbessern.«

Widersprüchliches aus Meinungsumfragen

Eine Meinungsumfrage, die kurz vor den Massakern vom 7. Oktober im Gazastreifen durchgeführt wurde, kam zu dem Ergebnis, dass eine Mehrheit der Menschen gegen einen Krieg mit Israel und die Hälfte für eine Anerkennung des jüdischen Staates votierte. Letztere Forderung steht in diametralem Gegensatz zum Programm der Hamas – und doch erfreuen sich die Hamas und der Islamische Dschihad weiterhin breiter Unterstützung. Das Washington Institute for Near East Policy schrieb dazu

»62 Prozent sprachen sich dafür aus, dass die Hamas den Waffenstillstand mit Israel einhält. Außerdem stimmte die Hälfte (50 Prozent) dem folgenden Vorschlag zu: Die Hamas sollte aufhören, die Zerstörung Israels zu fordern und stattdessen eine dauerhafte Zweistaatenlösung auf der Grundlage der Grenzen von 1967 akzeptieren.‹ Darüber hinaus hat die Hamas in der gesamten Region im Laufe der Zeit bei vielen arabischen Bürgern an Popularität verloren. Dieser Popularitätsrückgang könnte einer der Motivationsfaktoren für die Entscheidung der Gruppe zum Angriff gewesen sein. (…)

Nichtsdestotrotz ist die Popularität der konkurrierenden bewaffneten palästinensischen Gruppierungen einschließlich derer, die an dem Angriff beteiligt waren, weit verbreitet. Insgesamt äußern 57 Prozent der Gaza-Bewohner eine zumindest einigermaßen positive Meinung über die Hamas. Ähnliche Prozentsätze werden im Westjordanland (52 Prozent) und in Ostjerusalem (64 Prozent) erreicht, obwohl die Zahl der Gaza-Bewohner, die solch eine Meinung über die Hamas äußern, geringer ist als die Zahl jener, die eine positive Meinung über die Fatah haben (64 Prozent).«

Die Hunde der Hamas

Entsprechend mit Vorsicht sollten deshalb auch Interviews gelesen werden, die jüngst das Center for Peace Communications mit Menschen in Gaza geführt und in The Free Press veröffentlicht hat, könnte man den Eindruck gewinnen, die Mehrheit der Menschen sehne quasi den Sturz des Hamas-Regimes herbei. Dennoch sind die festgehaltenen Statements von Interesse:

»Eine trauernde Frau in Gaza schreit auf. Sie sagt: ›All das geschieht wegen der Hunde der Hamas.‹ Sie wird sofort – buchstäblich – zum Schweigen gebracht. … ›Die Hamas trägt die Verantwortung für all die Kriege, aber wir sind diejenigen, die den Preis dafür zahlen.‹

In der ersten Folge [von Voices of Gaza] teilt ein Bewohner von Gaza-Stadt die weit verbreitete palästinensische Sorge, dass die internationale humanitäre Hilfe für den Gazastreifen nicht die Menschen erreicht, die sie brauchen. ›Wenn die Hamas die Hilfe verteilt, bekommen nur Hamas-Mitglieder die Hilfe‹, so die Erfahrung der Gaza-Bewohner. Dasselbe gilt für das Gesundheitssystem, bei dem ›Hamas-Familien bevorzugt behandelt werden‹ und selbst die dringendsten Bedürfnisse anderer ›lange hinausgezögert werden können, damit Hamas-Loyalisten zuerst behandelt werden.‹ …

Als die Explosion in einem Krankenhaus in Gaza am 17. Oktober eine internationale Debatte über die Schuldfrage auslöste, hielten die Menschen vor Ort, mit denen wir sprachen, die Modalitäten dieser Debatte für falsch. ›Ich würde Ihnen lieber sagen, wer dafür verantwortlich ist, dass die Menschen überhaupt ins Krankenhaus gehen müssen‹, sagt ein Sprecher in Episode zwei. ›Die Hamas trägt die Verantwortung für all die Kriege, aber wir sind diejenigen, die den Preis dafür zahlen.‹ …

Der Hamas-Propaganda widersprechend, sagt eine Frau: ›Jung und Alt in Gaza fordern ein Ende der Hamas.‹ Für ihre Familie ist diese Forderung von sehr persönlicher Natur: ›Mein älterer Bruder wurde von der Hamas vor unseren Augen ermordet‹, sagt sie. ›Vierundfünfzig Schüsse auf seinen Körper, sein Blut floss vor den Augen seiner Kinder.‹…

›Ashraf‹, ein 28-jähriger Evakuierter aus Gaza-Stadt, der jetzt in Khan Younis wohnt, musste ebenfalls ansehen, wie sein Bruder von der Hamas ermordet wurde. Beide hatten sich an friedlichen Demonstrationen gegen die Organisation beteiligt. Wir wollten wissen, ob diese Aktivisten den Sturz des Regimes auch dann unterstützen würden, wenn dies mit dem hohen Blutzoll eines israelischen Bodenangriffs verbunden wäre:

›Wir begrüßen jede Veränderung, die uns vor diesem Ärgernis, das sich Hamas nennt, bewahrt‹, sagt Ashraf in Episode vier, ›ob nun von Juden herbeigeführt oder von Nicht-Juden‹. Aber er befürchtet auch, dass dieser Krieg ohne den Sturz der Hamas enden könnte: ›Wenn die Hamas bleibt, könnte es zum Beispiel einen Waffenstillstand geben, und in ein oder zwei Jahren würde die Hamas das gleiche Szenario wiederholen. In diesen zwei Jahren würde ich mich um fünfzig Jahre zurückentwickeln – und ich brauche zwei gute Jahre, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich habe kein Haus, kein Leben, nichts.‹«

Sturz der Hamas?

Die Sorge von »Ashraf« kenne ich persönlich aus Gesprächen mit Mitgliedern des Gaza Youth Committee, die federführend die Proteste von 2019 organisiert hatten. Immer wieder hörte ich von ihnen, dass Israel kein Interesse an einem Sturz der Hamas hätte, sie nur habe schwächen wollen. Nicht nur sie, auch Kritiker aus Israel haben der Netanjahu-Regierung immer wieder vorgeworfen, die Hamas eigentlich an der Macht lassen zu wollen.

Nach dem 7. Oktober soll es diesmal wirklich um ein Ende von Hamas & Co. in Gaza gehen. Dann wäre abzuwarten, ob und wie die Menschen in Gaza auf so einen Regimewechsel reagieren, vorausgesetzt, ihnen wird irgendeine Perspektive auf eine bessere Zukunft in Aussicht gestellt.

Dieser Text ist zuerst bei Jungleblog erschienen.

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