„Für euch sind Juden Fremde mit Schläfenlocken“

„Liebe Spiegel‐Redaktion,

So sehen für den „Spiegel“ Juden, „die unbekannten Fremden“, aus: Orthodoxe Juden aus Galizien in Wien 1915.

ich muss euch enttäuschen: Ich habe keine krumme Nase und keine Glubschaugen. Weder mein Vater noch meine Großväter trugen Schläfenlocken. Ich esse für mein Leben gern Schweinefleisch. Meine Tochter ist blond. Gestatten: die Unbekannte von nebenan – Jüdin. (…)

Zu meinen Vorfahren zählen Patrioten und Zionisten. Wohlhabende Großindustrielle und arme Kommunisten. Gläubige und Atheistinnen. So unterschiedlich ihre Biografien und Weltanschauungen auch waren – eines einte sie: Sie alle wurden in der Schoa ermordet, weil die Mehrheit sie als Unbekannte, als Fremde sah, die es auszulöschen galt. (…)

Nach dem Abitur hatte ich den Status des exotischen Vogels endgültig satt und wanderte nach Israel aus. Ich habe das Land und die Leute geliebt. Tue ich immer noch. Doch nach zehn Jahren Israel sehnte ich mich zurück nach Roggenbrot und Herbstblättern, nach der vertrauten Sprache und meinen Freunden. Ich ging nach Berlin. Hier, hoffte ich, könnte ich in der Multikulti‐Großstadtszene abtauchen. Endlich eine von vielen sein, ohne ständig auf meine Herkunft reduziert zu werden.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Doch spätestens seit Veröffentlichung der jüngsten Spiegel Geschichte-Ausgabe ist meine Hoffnung in ein tiefes Koma gefallen. Das Cover der Ausgabe zeigt zwei ärmliche Juden mit langen Bärten, Schläfenlocken und Kopfbedeckung. Die Illustration erinnert an ein ganz anderes deutsches Blatt aus der Vergangenheit. Dazu die Überschrift: ‚Jüdisches Leben in Deutschland – Die unbekannte Welt nebenan‘. (…)

Im Jahr 2019 sind deutsche Juden für euch noch immer die Fremden mit den Schläfenlocken. Und wenn nicht mit Schläfenlocken, dann zumindest mit direktem Draht zum Mossad, mit dessen Hilfe sie die deutsche Nahostpolitik manipulieren, wie ihr in einem anderen Artikel, der kürzlich in eurem Blatt erschienen ist, vermutet. Beweislage – versteht sich von selbst – gleich null.“ (Gabriele Hermer: „Liebe »Spiegel«-Redaktion …“)


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