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Flucht vor Erdogan: Türkei droht Braindrain

Flucht vor Erdogan: Türkei droht Braindrain„Ahnenforschung ist derzeit eine beliebte Beschäftigung in der Türkei. Nicht aus Neugier oder wissenschaftlichem Interesse, sondern aus ganz praktischen Gründen: Viele Türken suchen nach Vorfahren aus heutigen EU-Staaten – weil sie auswandern wollen. (…) Der Grund heißt Recep Tayyip Erdogan. ‚Diese Regierung mischt sich mit ihrer islamischen Ideologie immer stärker in unser Privatleben ein‘, klagt Hasan. ‚Unser Motto ist: Leben und leben lassen. Aber das gilt in der Türkei nicht mehr.‘ (…) Viele denken wie Hasan. Belastbare Zahlen zur Auswanderung gibt es nicht. Aber nach einer Studie der Oppositionspartei CHP haben im vergangenen Jahr 113.326 Menschen die Türkei verlassen, 63 Prozent mehr als im Vorjahr. Andere Schätzungen kommen auf eine Größenordnung von 250.000. In diesem Jahr dürfte die Zahl weiter angestiegen sein, als Reaktion auf Erdogans entscheidenden Wahlsieg im Juni und den wirtschaftlichen Abschwung, der im Sommer einsetzte. Der typische türkische Auswanderer ist zwischen 20 und 35 Jahre alt. Die Mehrheit kommt aus den Ballungsräumen Istanbul, Ankara und Izmir. Fast die Hälfte sind der die Studie der CHP zufolge Frauen.

Die Auswanderer sind überwiegend gut ausgebildete Fachkräfte, vor allem aus der IT-Branche, aber auch Ärzte und Akademiker. Die meisten verlassen das Land nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil sie in dem politischen System unter Erdogan keine Zukunft für sich und ihre Familien sehen, stellt die Untersuchung fest. Eine große Rolle spielt dabei die Islamisierung des türkischen Bildungswesens. So darf die Evolutionstheorie an türkischen Schulen nicht mehr gelehrt werden. Während die Naturwissenschaften im Lehrplan an Bedeutung verlieren, nimmt der islamische Religionsunterricht eine immer größere Rolle ein. Wenige Tage vor der Wahl im Juni versprach Erdogan auf einer Massenkundgebung in Istanbul, sein Ziel sei es, ‚eine fromme Generation von Muslimen heranzuziehen‘. Seit Erdogans erstem Wahlsieg 2002 hat sich die Zahl der Imam Hatip Schulen, der Religionsgymnasien, von 450 auf 4500 verzehnfacht. Immer mehr reguläre Schulen werden in Religionsschulen umgewandelt. Sie bekommen aus dem Etat des Erziehungsministeriums durchschnittlich doppelt so viel Geld wie säkulare Gymnasien. (…)

Dass ausgerechnet viele der besten Talente auswandern, könnte für das Land gerade jetzt, wo ein wirtschaftlicher Abschwung eingesetzt hat, zum Problem werden. Der Türkei droht ein Braindrain.“ Gerd Höhler: „‚Nichts wie weg hier‘ – Warum junge Türken vor Erdogan fliehen“)

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