Erweiterte Suche

Die Lüge vom »jüdischen Giftmischer«

Arafat, eineinhalb Wochen vor seinem Tod: Nichts wies damals auf eine radioaktive Vergiftung hin. (© imago images/ABACAPRESS)
Arafat, eineinhalb Wochen vor seinem Tod: Nichts wies damals auf eine radioaktive Vergiftung hin. (© imago images/ABACAPRESS)

Auf der Titelseite der »Salzburger Nachrichten« wurde die antisemitische Lüge von einer Vergiftung Arafats durch Israel in den Raum gestellt.

Sehr geehrte SN-Redaktion,

man muss in diesen Tagen viele fragwürdige Analysen und Stellungnahmen zum aktuellen Krieg Israels gegen die Hamas im Gazastreifen lesen, aber Gerhard Schwischeis heutiger Leitartikel stellt einen diesbezüglichen Tiefpunkt dar.

Gleich zu Beginn bezeichnet er das Ziel, die Hamas zu zerstören, als »wenig realistisch, da hinter ihrem Terror die Absicht stehe, Israel zu vernichten«, und die könne man »mit noch mehr Blutvergießen (…) nicht ausrotten«. Schwischei vermischt hier das Ziel der Terrorgruppe (die Vernichtung Israels) mit dem Mittel (Terror), mit dem dieses Ziel erreicht werden soll. Die Absicht kann man militärisch in der Tat nicht zerschlagen, aber man kann den Mördergruppen sehr wohl die Kapazitäten nehmen, weitere Bluttaten zu begehen. Darum geht es – und nicht etwa darum, einem »Wunsch nach Vergeltung« nachzukommen, wie Schwischei behauptet.

Wirklich übel wird es dann aber in Schwischeis Bemerkungen zum Friedensprozess der 1990er Jahre. Für dessen Scheitern macht er offenbar ausschließlich Israel verantwortlich, denn über den palästinensischen Terror, der mit seinen zahlreichen Selbstmord- und sonstigen Terroranschlägen diesen Friedensprozess buchstäblich in die Luft gesprengt hat, verliert er kein Wort. Stattdessen präsentiert er die Verschwörungstheorie, dass es »Hinweise« auf eine radioaktive Vergiftung Arafats gegeben habe.

Außerhalb der Welt von Israelfeinden und Antisemiten, die immer schon von ihren Fantasien über jüdische Giftmorde getrieben wurden, gibt es nichts, was diese absurde Vermutung stützen würde. Von drei Untersuchungen, die Jahre nach Arafats Tod durchgeführt wurden, kamen zwei zu dem klaren Ergebnis, dass nichts auf einen unnatürlichen Tod hinwies. Nur ein Labor – zufälligerweise genau das, dessen Arbeit vom israelfeindlichen Fernsehsender Al-Jazeera bezahlt wurde – konnte »nicht ausschließen«, dass Arafat vergiftet worden sein könnte. Bestätigen konnte es das nicht.

Aber selbst dieses Labor schränkte sein Untersuchungsergebnis erheblich ein. Es existierten keine Proben mehr aus Arafats Todesjahr 2004. Das schließlich untersuchte Material war nicht nur acht Jahre alt (was es durch Verunreinigungen nahezu unbrauchbar machte), sondern für die Proben aus Arafats Reisetasche konnte die »chain of custody«, also die Überlieferungskette der Proben, nicht belegt werden – ihre Herkunft war also nicht nachvollziehbar, was sie als Beweis unbrauchbar machte.

Das radioaktive Polonium hat eine Halbwertszeit von 138 Tagen, nach acht Jahren war es praktisch nicht mehr nachweisbar. Und buchstäblich nichts deutete vor dem Tod Jassir Arafats auf eine radioaktive Vergiftung hin: Wer sich an die Bilder von Alexander Litwinenko vor dessen Tod erinnern kann, hat eine Ahnung davon, wie die Symptome einer akuten radioaktiven Vergiftung aussehen – Arafat sah im Gegensatz dazu vor seinem Tod alt und gebrechlich aus, mehr aber auch nicht.

Dass Schwischei die israelfeindliche und auf antisemitische Stereotype zurückgreifende Lügengeschichte vom Vergiftungstod Arafats durch israelische (sprich: jüdische) Giftmischer auf der Titelseite der SN in den Raum stellt, ist eine Schande nicht nur für ihn, sondern auch für eine Zeitung, die einen Qualitätsanspruch erhebt.

Mit freundlichen Grüßen
Florian Markl
Mena-Watch – der unabhängige Nahost-Thinktank

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren sowie ein Editorial des Herausgebers.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie einen unabhängigen Blick zu den Geschehnissen im Nahen Osten.
Bonus: Wöchentliches Editorial unseres Herausgebers!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!