Entwicklungshelfer, die vor allem sich selber helfen

(Volker Seitz) Die Anzeige: „Entwicklungshilfe. Du willst helfen, auch ohne Vorkenntnisse“ erscheint häufig im Internet. Entlarvend ist dieses „ohne Vorkenntnisse“. Wer solche Anzeigen aufgibt will Geld verdienen und damit zuerst sich selber helfen. Die jungen Leute müssen für ihren Aufenthalt teuer bezahlen. Die Frage nach dem Nutzen für diejenigen denen geholfen werden soll, darf man allerdings nicht stellen. Vor Ort stellen sie dann fest, dass sie ohne professionelle Ausbildung nicht wirklich gebraucht werden. Eine ganze Industrie lebt davon, dass junge Leute in armen Ländern Erfahrungen sammeln möchten. Je ärmer, je wertvoller ist die Abenteuerreise.

Die Armen haben keine Möglichkeiten sich zu wehren. Da werden junge Leute, die dies auch noch bezahlen müssen um die Welt geschickt, um die Jobs zu erledigen, für die in den betreffenden Ländern genügend Personal zur Verfügung stünde, man müsste sie nur anleiten und angemessen bezahlen. Man stelle sich mal den Aufschrei an einer hiesigen Schule, Kindergarten vor, wenn ein dortiger Schulabgänger hierhin käme um einheimischen Kindern das Englische zu lehren oder Kinder zu hüten. Da würde wohl erst einmal nach seiner Qualifikation gefragt. Ohne nennenswerte Lebens-und Berufserfahrung kann man keine Entwicklungshilfe leisten. Auch braucht man die unabdingbare Sensibilität für Menschen und Situationen in einem völlig fremden Umfeld. Das Bemühen als Hobby-Helfer etwas Gutes für die Völkerverständigung zu tun reicht nicht. In Afrika zählen persönliche Beziehungen und Vertrauen.

Man sollte sich genau überlegen wieso man ins Ausland möchte, gute Organisationen machen Vorbereitungskurse die meist ein halbes Jahr dauern und schauen genau ob man geeignet ist. Außerdem vermitteln sie genaue lokale Kenntnisse. Neben der fachlichen Kompetenz ist sprachliche Souveränität mit fließend englisch oder französisch Pflicht. Etwas Lebenserfahrung und Gelassenheit ist nicht von Nachteil. Wer daheim nicht zurechtkommt, wird das kaum in der Fremde können. Sprösslinge unserer demokratischen Gesellschaft suchen sich autoritär geprägte Länder in Afrika die sie zu Kulissen ihrer Selbstverwirklichung machen. Selbst wenn ihre Egotrips ins Elend nicht viel Schaden anrichten, sie dienen aber nicht den Menschen, denen sie doch helfen wollen.

Jugendlichen mit dem deutschen „Weltwärts“-Programm mit Steuergeldern einen Abenteuerurlaub zu finanzieren mag innenpolitisch gewünscht sein, aber es hat mit Entwicklungshilfe nichts zu tun. Zumal die meisten Entwicklungsländer – wie ich es erlebt habe – nicht gefragt wurden, ob sie diese Art „Hilfe“ überhaupt wünschen. Manche Politiker wünschen sich, dass durch das Programm die Jugendlichen eine berufliche Orientierung erhalten. Sollten wir uns nicht endlich fragen, ob Entwicklungshelfer ein Beruf sein sollte? Aus meiner Sicht kann Entwicklungshilfe keine lebenslange Aufgabe sein, wenn noch irgendetwas dran sein sollte, dass die Hilfe sich in wenigen Jahren überflüssig machen muss. Das sagen wir aber schon seit über 50 Jahren. Also machen wir etwas falsch.

Es ist schön wenn sich junge Menschen für positive Veränderungen einsetzen, aber sie müssen sich dann auch kritische Fragen stellen. Wo können er oder sie als Abiturient und ohne Ausbildung und Erfahrung tätig werden? Was könnte ein ungelernter Einheimischer nicht auch leisten und dabei etwas verdienen, um seine Familie zu ernähren?

Volker Seitz war 17 Jahre als Diplomat in Afrika tätig. Sein Buch „Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann” erschien 2014 bei dtv in 7. überarbeiteter und erweiterter Auflage.

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