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Wie Sittenwächterinnen Irans Sportlerinnen unter Druck setzen

Keine "unzüchtige" Kleidung, keine Musik, kein Nagellack: Sittenwächterinnen kontrollieren Irans Frauenteams
Keine "unzüchtige" Kleidung, keine Musik, kein Nagellack: Sittenwächterinnen kontrollieren Irans Frauenteams (Quelle: Melody Teherani)

Neben den sportlichen Fragen müssen sich die Mannschaften auch noch Gedanken darüber machen, wie die beauftragten Sittenwächterinnen zufriedenzustellen sind.

Melody Teherani

Während der vier Jahrzehnte des Bestehens des Islamischen Regimes im Iran ist jede Teilnahme iranischer Sportler oder Sportmannschaften an internationalen Wettkämpfen nur dann möglich gewesen, wenn ein Mitglied der Revolutionsgarden sie begleitet. Sportler dürfen nicht ohne Begleitung von Geheimdienstagenten reisen, die eigens für Sportereignisse abgestellt sind.

Diese Leute sind dafür verantwortlich, die Bekleidung, das Verhalten, die Schlafenszeit, das Pendeln, den Verkehr und alle persönlichen Angelegenheiten der Athleten zu überwachen, und sie werden dafür bezahlt, dies alles zu kontrollieren. Sie sind von außen her warm und freundlich, jedoch von innen her kalt und rau.

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Am Ende ihrer Reisen mit den Nationalmannschaften erstellen die Agenten Berichte für die Sicherheitsbehörden des Fußballverbandes und des Sportministeriums, die in die Akten der Athleten aufgenommen werden. Aufgrund dieser Akten entscheiden die übergeordneten Behörden der Verbände darüber, ob sich die Spielerinnen vorschriftsgemäß verhalten haben, oder ob sie für ein allfälliges „Fehlverhalten“ zur Verantwortung gezogen werden.

Das iranische Frauen-Fußballnationalteam reist nach Tadschikistan

Die Schariapolizistin des Sportministeriums während dieser Reise hieß „Samira Mohammadkhani“. Dieser Name könnte allerdings auch eines der Pseudonyme sein, wie sie viele der Agenten in den Verbänden oder im Sportministerium verwenden.

Der Anzug, den die Fußballerinen auf dem Hinflug trugen, stieß zwar von der Gesellschaft auf positive Resonanz, wurde aber von Hardlinern im Parlament angegriffen, weil er angeblich nicht lang genug war und nicht dem Image von einer muslimischen Frau entsprach, das sich die streng Religiösen wünschen.

Demgegenüber bezeichneten in den sozialen Netzwerken viele Nutzer dieses Outfit als elegant, im Gegensatz zur Bekleidung, die die iranischen Sportlerinnen bei der letzten Olympia-Eröffnung in Tokyo trugen. Doch nachdem sich die Kritik verschärfte, und das Sportministerium den Fußballverband zur Rechenschaft zog, mussten die Spielerinnen auf der Rückreise Trainingsanzüge tragen, was nicht zu den Kopftüchern passte.

Bevor die Nationalmannschaft entsandt wurde, war „Mohammadkhani“ die erste Person, die gegen die Anzüge der Sportlerinnen Stellung bezog; sie beanstandete, dass die Sakkos zu kurz seien. Doch da die Zeit für einen Austausch der Uniformen knapp war, musste sie persönlich ihre Vorgesetzten davon überzeugen, dass diese Uniformen angemessen sind. Auch sie selbst trug den gleichen Anzug und darüber noch einen schwarzen Vollschleier.

Schon während des Fluges forderte die Wächterin das ganze Team einschließlich der Trainerinnen auf, sich anständig zu kleiden und aufzupassen, dass ihre Kopftücher und Schlauchbonnets nicht rutschen und ihre Haare nicht sichtbar werden. Sonst müssten alle mit Konsequenzen rechnen, sobald sie wieder in Teheran ankommen – obwohl die Mannschaft mit einer Sondermaschine mit ausschließlich weiblicher Flugbesatzung flog.

Kaum war die Mannschaft in Taschkent angekommen, spitzte sich die Kritik an der Kleidung zu. Auch die Vizepräsidentin des Fußballverbandes betrachtete dieses Thema nun als Versäumnis der beauftragten Wachfrau bei Erfüllung ihrer Pflicht. Frustriert gab „Mohammadkhani“ den Druck an das Team weiter.

Männer, Musik und Nagellack

Da die Qualifikation für den Asian Women’s Cup in den islamischen Monat Muharram fiel, wurden die Spielerinnen noch strenger behandelt. [Muharram ist ein geheiligter Monat, und der zehnte Tag des Muharram, Âschûrâ genannt, ist der heiligste unter all diesen Tagen.]

Bereits im Vorfeld der Reise hatte die Schariapolizistin verhindert, dass Nusrat Irandoost, der technische Direktor, und Amir Jamaili, der Torwarttrainer, während des Turniers bei ihrer Mannschaft sein konnten. Die beiden Männer durften während des Turniers nicht an der Seite der Spielerinnen stehen. Vielleicht hätte der technische Direktor seine Arbeit am Spielfeldrand ausführen können, aber für den Torwarttrainer wäre es unmöglich gewesen, die Mädchen aus der Ferne zu trainieren.

„Mohammadkhani“ reagierte auch höchst empfindlich auf die Musik, die die Spielerinnen im Bus und auf dem Weg zum Stadion hören wollten und hatte das Musikhören während des Muharram komplett verboten. Und obwohl das Trainerteam die Schlafzeiten der Spielerinnen ohnehin penibel geregelt hatte, blieb die Wächterin bis tief in die Nacht auf dem Hotelflur, um die Sportlerinnen daran zu hindern, nachts ihre Zimmer zu verlassen.

Im Trainingslager fotografierte „Mohammadkhani“ die Finger von Spielerinnen, die sich die Nägel lackierten. Sie sagte, diejenigen, die Nagellack auftragen, beten nicht und erfüllen folglich ihre religiösen Pflichten nicht – der Nagellack lässt Wasser nicht bis zum Nagel durchdringen und verhindert demnach, dass die Gebetswaschung vorschriftsgemäß erfolgt.

Die Macht der Sittenwächterinnen

Eine Schariapolizistin hat mehr Macht als die sportliche Leitung der Mannschaft. Ihrem Wort muss gehorcht werden. Unter dem Druck, den eine solche Wache während der Wettkämpfe auf eine Sportmannschaft und deren Trainerteam ausübt, stehen nur iranische Mannschaften.

Zusätzlich zur Eigen- und Gegneranalyse und dem Training ihrer Mannschaft musste sich die Cheftrainerin der Frauen-Fußballnationalmannschaft auch noch Gedanken darüber machen, wie die beauftragte Wache zufriedenzustellen sei.

Die Gehälter der sogenannten Sittenwächterinnen im iranischen Fußball werden vom Fußballverband bezahlt; aber in Wirklichkeit sind sie Angestellte des Sportministeriums. Das Sportministerium lässt diese Frauen in allen Sportverbänden rotieren. Jede von ihnen arbeitet mehrere Jahre in einem Verband und begleitet die jeweilige Frauenmannschaft auf Auslandsreisen, dann tritt sie einer anderen Föderation bei.

So schützt das Sportministerium seine Wächterinnen. Die meisten dieser Frauen sind obendrein unter Pseudonymen tätig, damit ihr Privatleben und ihre Sicherheit nicht durch die Enttarnung ihres richtigen Namens gefährdet werden.

Manche Sittenwächterinnen sind wie ein Familienbetrieb im iranischen Sport präsent. So wie „Samira Mohammadkhani“, deren Mutter in den letzten drei Jahrzehnten ebenfalls Agentin im Sportministerium gewesen ist.

Epilog

Die iranische Frauen-Fußballnationalmannschaft verließ Teheran am 15. September, um an der Qualifikation zur Endrunde des Asiem-Cups 2022 teilzunehmen. Nachdem es ihr gelungen war, mit zwei Siegen unter die besten 12 Mannschaften aufzusteigen, kehrte sie am 26. Oktober in den Iran zurück. Der Asien-Cup wird vom 20. Januar bis 6. Februar dieses Jahres in Indien stattfinden.

Melody Teherani ist das Pseudonym einer iranischen Journalistin, die für Mena-Watch aus dem Iran berichtet. Name und Anschrift sind der Redaktion bekannt.

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