Was an den iranischen Anti-Kopftuch-Protesten diesmal anders ist

„Wenn iranische Frauen sich gegen den Verhüllungszwang wehren, nimmt die Gefahr einer Spaltung und Desintegration des Landes allerdings ein Ausmaß an, angesichts dessen es sicherer zu sein scheint, die Frage gänzlich zu ersticken. Die hochangesehene amerikanische Feministin Kate Millett bemerkte dies anderthalb Jahrhunderte später, als sie 1979 in den Iran kam, um sich dem Frauenmarsch unmittelbar nach der Revolution anzuschließen. Männer und Frauen kämpften in der Iranischen Revolution gemeinsam, um ein nicht mehr zeitgemäßes und repressives Regierungssystem zu stürzen. Genauso wie bei anderen nationalistischen Revolutionen wurden die Frauen, die gemeinsam mit den Männern gekämpft und gesiegt hatten, anschließend gebeten, ihre Bürgerrechte aufzugeben, um die nationale Einheit zu wahren und ‚unnötige Spaltungen innerhalb des Volkskörpers’ zu vermeiden. Am Ende wurde jener Volkskörper von einem neuen Patriarchat regiert, dessen Rechtssystem schiitischen Männern zweimal so viele Rechte wie Frauen gewährte.

Allen Widrigkeiten zum Trotz hofften die Frauen, die verschiedenen Fraktionen würden sich auf ein Regierungssystem einigen, das im Gegensatz zu der vormaligen, von den USA installierten Monarchie das iranische Volk vertreten würde. Stattdessen fanden die Frauen sich mit einer neuen Regierung wieder, die sich darin vom Rest der Welt unterschied, dass sie für alle Frauen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit den Verhüllungszwang einführte. Am 1. Februar 1979 kehrte Khomeini aus seinem Pariser Exil in den Iran zurück, errichtete eine Theokratie und setzte ein Zivilgesetzbuch in Kraft, das ideologisch der Trennung und Ungleichheit der Geschlechter verpflichtet ist. Von jenem Tag an veränderte sich das Land, in dem ich geboren wurde, von dem Land meiner Jugend, in dem Frauen Miniröcke, Gogo-Stiefel und Beehive-Frisuren trugen, in ein Land, in dem die Keuschheit der Frauen zum Markenzeichen der nationalen Identität wurde.

Am 8. März 1979 demonstrierten hunderttausende verhüllte und unverhüllte Frauen Seite an Seite gegen den vom religiösen Staatsoberhaupt Ayatollah Khomeini verhängten Verhüllungszwang. Wie Millett erstaunt feststellte, ließen die iranischen Frauen sich durch nichts einschüchtern. Sie demonstrierten für ihre eigenen Freiheiten und sie demonstrierten für die Freiheiten der Männer und der Frauen. Aus der Ferne habe ich damals ehrfurchtsvoll zugeschaut. Meine Familie war 1975 weggegangen, als Khomeinis Revolution Wurzeln zu schlagen begann.

Neununddreißig Jahre später beobachte ich wieder aus der Ferne, was sich im Land meiner Geburt zuträgt. Was mir diesmal auffällt, wenn ich mir die Bilder der Frauen auf der Enghelabstraße ansehe, ist die Präsenz von Männern. In jedem Bild einer Frau, die ihren Schleier an einem Stock schwenkt, sind Männer zu sehen, die sich umdrehen, zusehen und hinschauen. In ihren Augen ist eine Spur von Ehrfurcht zu sehen. Männer filmen und fotografieren Frauen, die auf Stromkästen und Parkbänken stehen. Online und anderswo applaudieren Männer mit großem Stolz Frauen, die sich gegen die bestehenden Gesetze wehren, um gleiche Rechte zu fordern. Dies ist auffällig und unterscheidet sich maßgeblich vom Stand der Dinge in der Vergangenheit. Nach 39 Jahren haben sich Männer der Bewegung der ‚Frauen der Enghelabstraße’ angeschlossen. Dadurch erinnern sie die Welt daran, dass Revolutionen nicht immer in den Straßen beginnen. Im privaten Schutz ihrer Wohnungen haben iranische Männer und Frauen sich auf entscheidende Weise weiterentwickelt. Sie wollen sich von der Regierung nicht mehr vorschreiben lassen, wie sie sich verhalten sollen, und setzen sich solidarisch für konkrete Schritte ein, um die gleichen Rechte für alle durchzusetzen.“ (Negar Mottahedeh: „Women in Iran are protesting the veil – and this time is different“)

Mehr dazu auf Mena Watch: Warum iranische Männer Kopftuch tragen

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