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„Uns war schon bewusst, dass das der lange Arm des iranischen Regimes ist“

Demonstration von "Nasle Barandaz" vor dem "Islamischen Zentrum Hamburg"
Demonstration von "Nasle Barandaz" vor dem "Islamischen Zentrum Hamburg

Das „Islamische Zentrum Hamburg“ (IZH) bleibt umstritten. Zum einen mehren sich Belege, dass der Verein ein weisungsgebundener Außenposten der Islamischen Republik Iran ist. Zum anderen sollen im kommenden Jahr die Staatsverträge evaluiert werden, durch die das IZH mit dem Land Hamburg verbunden ist.

Während die einen bereits von der Erhebung in eine Körperschaft des öffentlichen Rechts träumen, fordern andere ein Verbot. Unablässig demonstrieren auch immer wieder verschiedene Gruppen vor dem Gebäude an der Außenalster, so auch am 7. August. Doch diesmal ging die Schura, der „Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg“, im Vorfeld zum medialen Gegenangriff über. Die geplante Kundgebung würde „Hass und Hetze gegen Muslime verbreiten und zum gesellschaftlichen Unfrieden anstiften“ war in einer dpa-Meldung zu lesen.

Für Mena-Watch sprach Jan Vahlenkamp mit den Kundgebungs-Organisatoren Amir, Jasmin und Ramin von der Gruppe Nasle Barandaz („Subversive Generation“).

Jan Vahlenkamp: Seid ihr zufrieden mit eurer Kundgebung?

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Jasmin: Wir sind zufrieden. Vor allem freut es uns, dass einige Pressevertreter hier waren.

Amir: Wichtig ist, dass die vom IZH wissen, dass wir hier stehen und keine Angst haben, nach all den Drohungen.

Jan Vahlenkamp: Was sind die Ziele und Aktivitäten eurer Gruppe Nasle Barandaz?

Jasmin: Wir wollen hier in Europa die Stimme des iranischen Volkes sein. Und das machen wir so lange, bis das Regime niedergerungen ist. Wir möchten auch die Politiker hier auffordern, das Regime nicht zu unterstützen und keine Geschäfte mit der Islamischen Republik abzuschließen.

Seit vier Jahren engagieren wir uns gegen das IZH. Wir möchten der Gesellschaft hier klarmachen, dass das keine Moschee im Sinne einer Gebetsstätte oder eines Gotteshauses ist. Wir möchten aufzeigen, was ihre wahren Ziele sind. Zum Beispiel ist mittlerweile allgemein bekannt, dass der Al-Quds-Tag in dieser Moschee geplant wird. Wir finden es wichtig zu sagen, dass das IZH aus Antisemiten besteht. Nach vier Jahren sehen wir, dass unsere Arbeit schon einigen Eindruck gemacht hat.

Jan Vahlenkamp: Das IZH ist also schon ein wichtiger Bezugspunkt für euch?

Jasmin: Bale. („Ja“ – Anmerkung des Verfassers) Uns war schon bewusst, dass das der lange Arm des iranischen Regimes ist. Alle bisherigen Leiter der Blauen Moschee sind direkt von Ayatollah Khamenei entsendet worden. Genau das hat der Verfassungsschutz vor kurzem auch veröffentlicht.

Jan Vahlenkamp: Wie lange lebt ihr schon in Deutschland?

Jasmin: Ich bin etwa fünfeinhalb Jahre hier. 2009 war ich Studentin, und wir dachten, dass die damalige Protestbewegung dem Regime ein Ende machen würde. Aber dann wurde ich verhaftet und war als Regimegegnerin gekennzeichnet. In der Familie gab es bereits viele Leute, die im Gefängnis waren oder wegen ihrer politischen Aktivitäten ins Ausland gehen mussten. Deshalb stand meine ganze Familie unter Beobachtung.

Ramin: Ich bin vor etwa fünf Jahren hierher gekommen. Ich hatte Probleme mit dem Regime, denn ich war nicht einverstanden damit, dass Andersdenkende hingerichtet werden. Außerdem war ich im Iran schon Atheist.

Amir: Ich bin seit fast 40 Jahren hier. Ich war früher im Iran nie in einer Gruppierung oder Partei. Aber ich habe viele Freunde gehabt und wir waren von Grund auf gegen das Regime, auch in der Familie, von Anfang an. 1981 lief ich mit einem Freund auf der Straße, auch damals gab es schon eine Studentenbewegung. Da hielt ein Auto an und drei Personen mit Waffen in der Hand kamen auf uns zu, schossen Menschen in den Kopf und stiegen wieder ein.

Solche Szenen haben wir erlebt. Ich habe drei Freunde verloren, mit denen ich schöne Zeiten erlebt hatte. Einer starb im Krieg, zwei im Gefängnis. 1982 bin ich dann zu Fuß in die Türkei geflüchtet und kam nach Deutschland.

Jan Vahlenkamp: Was meint ihr, wie viele Iraner in Hamburg stehen hinter dem Mullah-Regime?

Jasmin: Etwa 60% sind dagegen und etwa 40% sind dafür. Aber so einfach kann man das nicht bewerten. Wir Iraner sind verzweifelt, weil es keine richtige Alternative gibt. 2018, als es im Iran Massenproteste gab, haben wir mit etwa 2000 Leuten vorm Konsulat demonstriert und zu einer Demo in der Hamburger Innenstadt kamen etwa 1500 Leute. Aber die Presse hat überhaupt nicht darüber berichtet, was damals im Iran los war. An drei Tagen sind dort Tausende von Menschen auf den Straßen erschossen worden.

Ramin: Aktiv gegen das Regime sind nur etwa 10% der Iraner in Hamburg.

Jasmin: Viele sind zu ängstlich, um zu unseren Demos zu kommen. Manche reisen immer noch regelmäßig in den Iran. Deshalb trauen sich einige auch nur maskiert mit uns zu demonstrieren. Wir haben dieses Problem nicht. Wir möchten zwar gerne mal in den Iran zurück, aber erstmal haben wir damit abgeschlossen. Deshalb haben wir auch keine Angst.

Jan Vahlenkamp: Wie ist das IZH in der iranischen Community angesehen?

Amir: Die Blaue Moschee und das IZH werden oft in einen Topf geworfen. Wir sehen es aber als unsere Pflicht, zu sagen: Es gibt einen Unterschied zwischen Blauer Moschee und IZH. Auch wenn manche natürlich gerne alle Muslime vereint sehen würden. Die Blaue Moschee, mit ihren schönen Mosaiken und dem Innenraum, gibt es schon seit 60 Jahren. Ich habe nichts dagegen, dass Muslime dort zum Beten hingehen. Aber das Problem ist, dass der Verein IZH, der den langen Arm des iranischen Regimes bildet, sich in die Hamburger Politik einmischen möchte. So ein Verein ist für mich nicht mit einem Gesellschaftsvertrag vereinbar.

Was die iranische Community angeht, so würde ich deren Verhältnis zum IZH in drei Gruppen unterteilen. Es gibt die, die aktiv dagegen sind, die, die sich vom IZH einfach bloß fernhalten und die, die aktiv mit dem IZH sympathisieren. Aber allen ist bewusst, dass das IZH zum Regime gehört.

Jan Vahlenkamp: Werdet ihr von Leuten aus dem IZH-Umfeld bedroht?

Amir: Ja, oft. Es läuft auch gerade ein Verfahren gegen drei Leute, die Jasmin bedroht haben. Sie haben am Telefon gesagt: „Wir bringen deinen Sohn um und verschenken seinen Kopf.“ Wir haben dann Anzeige bei der Polizei erstattet und zwei sind verhaftet worden.

Ramin: Ich bin, zusammen mit einer Freundin, vorm IZH geschlagen worden. Die Polizei hat uns geraten, besser nicht mehr in die Nähe zu kommen. Im Internet steht über mich, dass ich die Todesstrafe verdient hätte, und dass man einen Dschihad gegen unsere Gruppe führen müsse. Drohanrufe habe ich auch schon erhalten.

Jan Vahlenkamp: Was sagt ihr zu dem Vorwurf der Schura, dass ihr Hetze gegen Muslime verbreiten und rechte Diskurse bedienen würdet?

Jasmin: Wir sind nicht gegen Muslime oder gegen den Islam. Wir sind gegen Islamismus und gegen Islamisten. Dieses Gedankengut ist schon seit 42 Jahren bei uns am Morden, Morden und morden.

Ramin: Unser Slogan ist „1400 Jahre Genozid im Iran“. Also sprechen wir über den Iran und nicht über Deutschland. Es kann nicht sein, dass man im Iran schon die Todesstrafe bekommt, nur weil man Alkohol trinkt.

Amir: Indem sie sagen, dass wir gegen eine bestimmte Religion wären, wollen sie uns mundtot machen.

Jan Vahlenkamp: Was meint ihr mit dem Slogan „1400 Jahre Genozid im Iran“?

Amir: Genozid bedeutet Völkermord. Die iranische Führung definiert sich in erster Linie nicht als Iraner, sondern als Muslime und als Nachkommen der islamischen Eroberer. In diesem Sinne stehen auf der einen Seite die Iraner und auf der anderen der muslimische Gedanke.

Als vor 1400 Jahren die Muslime den Iran angegriffen haben, wurde 200 Jahre nur getötet, auch wenn heute keiner davon redet. Die Großstädte wurden zerstört, die gibt es heute nicht mehr, man sieht nur noch Ruinen. Und das geht im Iran so weiter, unter verschiedenen Namen, von einer muslimischen Dynastie zur nächsten muslimischen Dynastie. Deshalb sprechen wir von 1400 Jahren Genozid.

Jasmin: Nachdem Khomeini 1979 in den Iran zurückkam, hat er an seinem ersten Tag dort gesagt, dass das Land jetzt die Kriegsbeute des Islam sei. Er würde nun befehlen, wie diese Beute verteilt wird. Wenn du das hörst, dann hast du keine nationale Identität mehr. Dann bist du nur noch Kriegsbeute und hast auch keine Rechte. Das ist schmerzhaft.

Amir: Nach der Eroberung durch den Islam waren Iraner Menschen zweiter Klasse. Sie waren Mawālī. Wenn z.B. ein Mawālī auf einem Pferd saß und ein Muslim kam, dann hatte er abzusteigen und zu Fuß zu gehen. Er durfte nicht über ihm stehen.

Jan Vahlenkamp: Wie glaubt ihr, wie wird sich der Iran in Zukunft entwickeln?

Jasmin: Die Islamische Republik wird sich vernichten und selbst zerfressen.

Amir: Das ist bei uns immer so passiert, in den 1400 Jahren. Es hat immer Umstürze gegeben. Aber die Identifikation als Nation, die sich behauptet, die scheiterte an zu wenig Wissen untereinander. Aber mittlerweile wissen die Menschen mehr über ihre Geschichte als früher. Und das ist gut.

Jasmin: Die Islamische Republik will den ganzen Nahen Osten an sich reißen und kaputt machen. Das sieht man in Syrien, im Irak und im Libanon. Demnächst dann auch in Afghanistan.

Jan Vahlenkamp: Und ihr glaubt aber, dass das zum Nachteil der Mullahs sein wird?

Amir: Die Mullahs haben ein hausgemachtes Problem. Khomeini hat mal gesagt, dass Wirtschaftswissenschaft etwas für Esel sei. Diese Mentalität muss man im Hinterkopf haben, wenn man sich anschaut, wo der Iran 1979 wirtschaftlich stand und wo er jetzt steht.

Ramin: Ich glaube trotzdem, dass das Regime noch mindestens 10 Jahre an der Macht bleibt, eher länger. Wenn es Aufstände gibt, dann werden sie einfach das Internet blockieren.

Jan Vahlenkamp: Das IZH gerät zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Seid ihr damit zufrieden?

Jasmin: Ja, das ist ein Sieg für uns, wenn die Politiker nicht mehr dahinterstehen.

Ramin: Vor vier Jahren kamen nur wenige Iraner hierher zum Demonstrieren. Sie meinten, wir sollen vor das Konsulat gehen und nicht vor die Moschee. Heute kommen deutlich mehr und das ist positiv.

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