Studie: 27% der Muslime fallen durch anti-westliches Weltbild auf

Melisa Erkurt

„Seit Monaten wird in Österreich intensiv über Missstände an den Schulen diskutiert. Ausgelöst wurde dies zum einen durch die Flüchtlingskrise. Zusätzlich zu bestehenden Versäumnissen bei der Integration brachte sie Kinder ohne Sprachkenntnisse und teilweise ohne Schulbildung in die Klassen. Zum anderen thematisierten einige Lehrer erstmals, wie stark der Islam in Zentrumsregionen mittlerweile den Schulalltag beeinflusse. Gegenüber der Rechercheplattform ‚Addendum‘ sagte eine Lehrerin, die seit 25 Jahren im Wiener Arbeiterbezirk Favoriten unterrichtet, sie habe Klassen, in denen vier Fünftel der Kinder nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell erst zu integrieren seien. Für diese seien die Lehrer oft der einzige Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft. Zudem nähmen religiös motivierte Konflikte zu. Muslimische Kinder lehnten Musik und Tanz ab, selbst das Biologiebuch gelte einigen als ‚haram‘ (nach islamischer Tradition nicht erlaubt), weil darin nackte Menschen abgebildet seien. Viele Schulen gerieten mehr und mehr außer Kontrolle, erklärte die Lehrerin.

Die Aussagen sorgten für Aufsehen, zumal sie von einer sozialdemokratischen Gewerkschafterin stammten, die der rot-grünen Wiener Stadtregierung vorwarf, die Probleme aus politischen Gründen zu tabuisieren. Es handelt sich aber nicht um ein auf den Schmelztiegel Favoriten beschränktes Problem. Die Journalistin Melisa Erkurt arbeitet für das Migrantenmagazin Biber und besucht im Rahmen eines Projekts regelmäßig für eine Woche Brennpunktschulen in Wien. Vor anderthalb Jahren beschrieb sie in einem vielbeachteten Artikel die ‚Generation haram‘, muslimische Jugendliche, die mitten in Wien eine neue Verbotskultur prägten. Vor allem Knaben maßregeln demnach muslimische Kollegen, die rauchen, Mädchen mit tiefen Ausschnitten oder Lehrer, die sexuelle Aufklärung unterrichten. Dieser Trend sei umso stärker geworden, je mehr der Islam in Politik und Medien zum Thema gemacht worden sei, erzählt Erkurt. Es entwickle sich ein Solidarisierungseffekt. Oft seien es einige wenige Jugendliche, die sich als besonders gläubige Muslime aufspielten, und andere eiferten aufgrund des Gruppendrucks nach. Sie spornten sich beispielsweise gegenseitig zum Beten oder zum Fasten während des Ramadans an. Der Islam sei zu einer Art Jugendbewegung geworden, die als cool gelte.

Kenan Güngör

Diese Aussage bestätigt eine Studie des Soziologen Kenan Güngör, der auch Mitglied des Expertenrats für Integration der österreichischen Regierung ist. Für die Stadt Wien untersuchte er die Einstellung von Jugendlichen, die in Einrichtungen der städtischen Jugendarbeit betreut werden, mehrheitlich muslimisch sind und sozial schwachen Milieus entstammen. Die Arbeit kommt zum besorgniserregenden Schluss, dass 27 Prozent der befragten Muslime durch ein ‚westfeindliches‘ Weltbild auffallen und gefährdet sind, sich zu radikalisieren. Noch höher ist der Anteil derjenigen, die ihre Religion als überlegen empfinden und religiöse Vorschriften höher werten als staatliche Gesetze. Die Autoren schreiben aber auch, die oft zur Schau gestellte Frömmigkeit sei ein Mittel, sich Respekt zu verschaffen und Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu zeigen.“ (Meret Baumann: „Wenn das Biologiebuch in der Wiener Volksschule ‚haram‘ ist“)

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