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Spannungen zwischen Pakistan und Iran: Ursachen und Zukunftsszenario

Pakistanische Zeitung berichtet über die kurzzeitige Herabstufung der diplomatischen Beziehungen zum Iran
Pakistanische Zeitung berichtet über die kurzzeitige Herabstufung der diplomatischen Beziehungen zum Iran (© Imago Images / Newscom World)

Der iranische Raketenangriff auf Pakistan und die Antwort Pakistans mit einem ähnlichen Angriff stellen eine neue Entwicklung in der wachsenden Unruhe dar, die den Nahen Osten seit dem Ausbruch des Gaza-Kriegs erfasst hat. Doch was waren die Gründe für diesen plötzlichen Zusammenstoß?

Die Spannungen begannen am Dienstag vor einer Woche, als die iranische Revolutionsgarde Einrichtungen auf pakistanischem Gebiet bombardierte, die angeblich zu Jaish al-Adl gehörten, einer separatistischen Bewegung, die sich gegen das iranische Regime stellt.

Am Tag nach diesen Angriffen beschloss Pakistan, seinen Botschafter in Teheran abzuberufen. Zugleich sagte die Sprecherin des pakistanischen Außenministeriums in einer Erklärung, ihr Land werde auch die Rückkehr des iranischen Botschafters, der sich zu diesem Zeitpunkt in Teheran aufhielt, nicht zulassen. Sie fügte hinzu, der Verstoß sei »eklatant, ungerechtfertigt und inakzeptabel« und wies darauf hin, dass »Pakistan sich das Recht vorbehalte, auf diesen illegalen Akt zu reagieren«.

Dass Pakistan von seinem Recht zu reagieren Gebrauch macht, ließ nicht lange auf sich warten. Vergangenen Donnerstag erklärte die pakistanische Armee dann, sie habe im Iran »präzise gezielte Angriffe« durchgeführt und dabei Drohnen, Raketen, Munition und andere Waffen eingesetzt, die »Ziele zweier terroristischer Gruppen« getroffen hätten, nämlich der Baluchistan Liberation Army und der Baluchistan Liberation Front. Dabei hätten »die Streitkräfte äußerste Vorsicht walten lassen, um Kollateralschäden zu vermeiden« hieß es in der Erklärung, in der »Dialog und Zusammenarbeit« gefordert wurde, um die Probleme zwischen »den beiden brüderlichen Ländern« zu lösen.

Das pakistanische Außenministerium teilte ebenfalls am Donnerstag mit, das Land habe »eine Reihe von sehr koordinierten und präzisen Militärschlägen gegen terroristische Zufluchtsorte in der iranischen Provinz Sistan-Baluchestan durchgeführt«, wobei »mehrere Terroristen getötet« worden seien.

Trotz dieser Spannungen, die am Donnerstag ihren Höhepunkt erreichten, einigten sich die beiden Länder am nächsten Tag überraschend auf eine Beruhigung der Lage. Pakistanische Medien berichteten, Pakistan habe beschlossen, die Krise mit dem Iran zu beenden

Der pakistanische Fernsehsender Geo TV bestätigte dies und zitierte Quellen, wonach bei einem Sicherheitstreffen, an dem der pakistanische Interimspremierminister Anwar Haq Kakar, der Armeechef und der Chef der Geheimdienste teilnahmen, eine Maßnahme zur Wiederherstellung der vollen diplomatischen Beziehungen zum Iran beschlossen wurde.

Auf dem Weg zur Deeskalation

Währenddessen erklärte das pakistanische Außenministerium, Islamabad und Teheran seien übereingekommen, die Eskalation zu verringern und die gegenseitige Souveränität der beiden Länder zu respektieren. Das Ministerium fügte in einer Meldung kurz nach einem Telefongespräch zwischen dem pakistanischen Außenminister Jalil Abbas Gilani und seinem iranischen Amtskollegen Hussein Amir Abdullahian hinzu, dass beiden Minister seien sich »einig über die Notwendigkeit einer verstärkten Zusammenarbeit auf Arbeitsebene und einer engen Koordinierung bei der Bekämpfung des Terrorismus und anderen Aspekten von gemeinsamem Interesse«.

Iran und Pakistan haben eine rund neunhundert Kilometer lange gemeinsame Grenze mit der pakistanischen Provinz Belutschistan auf der einen Seite und der iranischen Provinz Sistan-Belutschistan auf der anderen. Die beiden Länder kämpfen seit Langem gegen militante Separatisten in der unruhigen Region, durch die die Grenze verläuft.

Der auf den Nahen Osten spezialisierter Wissenschaftler Mark Gautalier sagte, dies sei das erste Mal überhaupt gewesen, dass Pakistan den Iran angreife. Er bestätigte jedoch, dass die beiden Staaten kein Interesse an einer Konfrontation haben, vor allem nicht in der aktuellen Situation. Allerdings könne  das Risiko einer Eskalation angesichts der instabilen regionalen Lage nicht ausgeschlossen werden, meinte der Experte und fügte hinzu: »Die Priorität des Irans liegt mit den Ereignissen in Gaza und dem Jemen derzeit auf dem Nahen Osten. Jeder Konflikt mit Pakistan erscheint da als unnütz und überflüssig.«

Für die pakistanische Seite sei es notwendig geesen, fuhr Gautalier fort, »auf das zu reagieren, was sie als iranische Provokation ansah« und die »im Klima bevorstehender Parlamentswahlen« erfolgte, was die interne Situation ohnehin sehr angespannt macht«. Auch wenn insofern eine Eskalation »nicht das wahrscheinlichste Szenario« sei, könne sie allerdings auch nicht ausgeschlossen werden, weil sich die Lage in Bewegung befindet.

Für den in Teheran ansässige und auf Konflikte im Nahen Osten spezialisierten Analysten Mustafa Najafi unterscheiden sich die iranischen Angriffe in Pakistan nicht von ähnlichen Angriffen im Irak und in Syrien in den vergangenen Tagen.

Seiner Meinung nach verfolgt der Iran mit diesen Angriffen das Ziel, »die bewaffneten Gruppen an seinen Grenzen zu schwächen, Bedrohungen zu beseitigen, seine Verteidigungskapazitäten zu stabilisieren und regionalen und internationalen Gegnern wie den Vereinigten Staaten und Israel die Botschaft zu übermitteln, dass er auf jede Bedrohung energisch reagieren wird«.

Zu den Chancen einer künftigen Eskalation zwischen den beiden Staaten meinte Arif Rafiq, Präsident von Vezir, einer in New York ansässigen Beratungsfirma für Politik und Sicherheit im Nahen Osten und in Südasien: »Keines der beiden Länder will einen Krieg an den gemeinsamen Grenzen führen, da sie von anderen Orten aus mit Bedrohungen von größerem strategischem Ausmaß konfrontiert sind.« Daher seien der Iran und Pakistan daran interessiert, einen die Obergrenze der Eskalation markierenden Deckel für diesen kleinen Konflikt« und einen Weg zu seiner Einhegung wenn nicht Beilegung zu finden.

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