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»Weiser der Generation«: Rabbi Chaim Kanievsky verstorben

»Weiser der Generation«: Rabbi Chaim Kanievsky starb am vegangenen Freitag
»Weiser der Generation«: Rabbi Chaim Kanievsky starb am vegangenen Freitag (Quelle: דודי פרידמן / CC BY-SA 3.0)

Letzten Freitag verstarb einer der größten jüdischen Gelehrten Israels. Die Lücke, die er hinterlässt, wird kaum zu füllen sein.

Am vergangenen Wochenende stand ganz Israel im Zeichen der Trauer. Der große Talmudgelehrte, den man mit ungeteilter Bewunderung den »Würdenträger der Tora« genannt hatte, Rabbi Chaim Kanievsky, war am Freitag im Alter von 94 Jahren in seiner Heimatstadt Bnei Brak gestorben.

Die Beerdigung fand Sonntag statt und war in ganz Israel ein in seiner Größe und Bedeutung bislang ungekanntes Ereignis: Fast eine Million Menschen erwiesen Rabbi Kanievsky die letzte Ehre.

Einzigartiges Begräbnis

Es war aber nicht nur die Größe des Publikums bei diesem Begräbnis, die Israel in Atem hielt. In dem Land, in dem sich in den letzten Jahren die Kluft zwischen Religiösen und Säkularen, aber auch zwischen den einzelnen religiösen Schattierungen immer bedenklicher auftut, waren plötzlich alle in Harmonie vereint.

Da standen, dicht aneinandergedrängt, Junge und Alte, Ultra-Orthodoxe und Atheisten, Traditionalisten, Kabbalisten und Chassidim, Mitglieder der Regierung und jene der Opposition, Freidenker und Paragrafenreiter.

Und alle, alle, wiegten sich in Harmonie zum klagenden Ton der Trauerreden und -gebete. Es war eine Atmosphäre wie sonst nur am Jom Kippur, jenem allerheiligsten jüdischen Feiertag, an dem sich Menschen ihrer Bestimmung besinnen.

Wunderkind mit fotografischem Gedächtnis

Dass das Begräbnis eine solch heterogene Menschenmasse anzuziehen vermochte, dass so viele es wagten, in Zeiten von wiedererstarkenden Coronazahlen an einer so exponierten Versammlung teilzunehmen, lag am Leben und Wirken des großen Gelehrten.

Rabbi Kanievsky wurde 1928 in Pinsk, im damaligen Polen, geboren und kam 1934 nach Bnei Brak. Schon früh erwies sich der junge Kanievsky, der einer aristokratisch-orthodoxen Familie entstammte, als Wunderkind, gesegnet mit einem fotografischen Gedächtnis und einer Leidenschaft für die Lehren der Tora und des Talmuds.

Der »Weise der Generation«

Schon bald wurde Rabbi Kanievsky als Autorität in jüdisch-legalen Fragen weltweit anerkannt. Er schrieb zahlreiche Bücher und galt als »Weiser der Generation«, ein Titel, der nur wenigen Menschen überhaupt und noch weniger schon zu Lebzeiten zuteil wird.

Nun möchte man meinen, eine solch hoch verehrte Persönlichkeit würde auch in entsprechend gehobenen Verhältnissen leben. Allein, das Gegenteil war der Fall.

Rabbi Kanievsky wohnte zeitlebens in einer überaus bescheidenen Zwei-Zimmer-Wohnung in Bnei Brak. Dort studierte er 17 Stunden täglich Tora; dort empfing er, ebenfalls täglich, Hunderte Menschen, hörte sich ihre Probleme an, erteilte wertvolle Ratschläge und half, wo er konnte.

Er empfing alle, die seinen Beistand suchten, ungeachtet ihrer Gesinnung und ihrer Position und gewann damit nicht nur die Bewunderung, sondern auch die Zuneigung der Bevölkerung.

Corona-Kontroverse

In den letzten Jahren verursachte aber auch dieser allseits beliebte Mensch eine landesweite Kontroverse. Zu Beginn der Corona-Krise, als ganz Israel, ja, die ganze Welt, im Lockdown war, hatte er darauf bestanden, die Talmudschulen weiterhin geöffnet zu lassen.

Zwar urgierte er beim Volk und besonders auch bei seinen ultra-orthodoxen Anhängern, alle Regierungsanweisungen in Sachen Corona akribisch zu befolgen, daheim zu lernen und zu beten, und sich – sobald die Impfungen verfügbar waren – impfen zu lassen. Auf die persönliche Erziehung der Kinder und Jugendlichen wollte er aber nicht verzichten.

Viele nahmen ihm diesen Standpunkt übel, geben aber heute zu, dass der Rabbi seiner Zeit voraus war. Viel später haben nämlich auch die offiziellen Stellen erkannt, dass die lange Schulpause (die in Israel im Übrigen länger dauerte als in irgendeinem anderen Land) beträchtliche Schäden bei den Kindern verursachte.

Zeit als hohes Gut

Besonders zuwider war dem Rabbi jede Art von Zeitverschwendung. Selbst während er Besucher empfing, lag der Talmud oder ein anderes Buch aufgeschlagen vor ihm, und er nutzte jeden Moment des Leerlaufs im Besucherstrom, um weiter zu studieren.

Jedes Jahr, so wird erzählt, studierte er den gesamten Talmud von Anfang bis Ende – eine Aufgabe, die bei besonders fleißigen Normalsterblichen gezählte sieben Jahre dauert.

Nicht ohne seine Frau

Besonders rührend war denn auch die Eulogie eines der Söhne des Rabbis, der insgesamt acht Kinder und zahlreiche Enkel und Urenkel hatte. So erzählte der Sohn, der Vater habe sich nie ohne seine Frau zu Tisch gesetzt. So sei er, wenn sie sich auch nur ein, zwei Minuten zum Essen verspätete, rasch wieder aufgestanden und habe zwischenzeitlich weitergelernt.

Gleichzeitig habe er aber auch alle Zeit der Welt aufgebracht, um Menschen zu helfen. Selbst wenn Kinder ihm schriftliche Fragen stellten, habe er ihnen ernsthaft mit einem Brief geantwortet. Denn, so der Rabbi, seine Antwort würde das Kind vielleicht bestärken, weiterzuforschen und zu studieren.

Rabbi Kanievksy hinterlässt eine große Lücke. Wer sie füllen wird, steht nicht fest.

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