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Putins Verantwortung für die Eskalation der Gewalt im Sudan 

Russlands Außenminister Lawrow zu Besuch beim Präsidenten des sudanesischen Übergangsrates Abdel Fattah al-Burhan
Russlands Außenminister Lawrow zu Besuch beim Präsidenten des sudanesischen Übergangsrates Abdel Fattah al-Burhan (© Imago Images / ZUMA Wire)

Der Konflikt im Sudan ist nicht nur ein Kampf zwischen rivalisierenden militärischen Fraktionen um die Kontrolle des Landes. Er stellt auch den Versuch Moskaus dar, eine russische Hochburg am Roten Meer zu errichten.

Con Coughlin

Das dramatische Aufflammen der Gewalt zwischen den Kriegsparteien im Sudan ist nur das jüngste Beispiel für das Chaos, das durch die vorsätzliche Vernachlässigung der globalen Verantwortung durch die US-Regierung Biden in der ganzen Welt verursacht wird. Es zeigt auch, wie Schurkenstaaten wie Russland in Ermangelung einer wirksamen amerikanischen Führung in Weltangelegenheiten bereit sind, die Lücke zu füllen, um ihre eigene ruchlose Agenda zu verfolgen.

Denn auch wenn die Hauptursache für die jüngsten Unruhen in der sudanesischen Hauptstadt Khartum in einer langjährigen Fehde zwischen rivalisierenden Fraktionen der herrschenden Militärjunta zu suchen ist, so ist doch unübersehbar, dass der bösartige Einfluss von Russlands allgegenwärtiger Wagner-Gruppe beim Schüren der Gewalt eine erhebliche Rolle spielt.

Erbitterte Rivalität

Im Mittelpunkt der Unruhen, die dazu geführt haben, dass ausländische Regierungen Rettungsmissionen zur Evakuierung gestrandeter Bürger gestartet haben, steht die erbitterte Rivalität zwischen der Militärjunta unter Führung von General Abdel Fattah al-Burhan und den Rapid Support Forces (RSF), einer eigenständigen paramilitärischen Truppe unter Führung von General Mohamed Hamdan Dagalo, im Volksmund auch »Hemedti« genannt.

Die RSF ist ein Ableger der berüchtigten sudanesischen Dschandschawid-Miliz, die während des blutigen Darfur-Konflikts um die Jahrtausendwende für Völkermord verantwortlich war. Wegen dieser barbarischen Taten wurde Präsident Omar al-Bashir, dem ehemaligen sudanesischen Diktator, die unwillkommene Ehre zuteil, vom Internationalen Strafgerichtshof als erstes amtierendes Staatsoberhaupt wegen Kriegsverbrechen angeklagt zu werden.

Die Dschandschawid wurden in der Folge zu einem Schlüsselelement bei der Bildung der RSF, die eine entscheidende Rolle bei dem Militärputsch spielte, der Bashir im Jahr 2019 entmachtete.

Die RSF stand an vorderster Front bei der brutalen Unterdrückung des friedlichen pro-demokratischen Sitzstreiks, der nach dem Staatsstreich vor dem Hauptquartier des Militärs in Khartum stattfand und bei dem Hunderte Menschen getötet wurden. Die RSF war erneut involviert, als ein Abkommen zur Teilung der Macht mit Politikern, welche die Proteste gegen Bashir angeführt hatten und das den Übergang zu einer demokratischen Regierung erleichtern sollte, durch einen weiteren Putsch im Oktober 2021 vereitelt wurde, bei dem mehr als hundert Demonstranten ums Leben kamen.

Die herausragende Rolle der RSF beim Machterhalt des Militärs in Khartum führte zu Spannungen, wobei Hemedti zunehmend frustriert über seine Position als Burhans offizieller Stellvertreter war. Als Burhan im vergangenen Monat beschloss, die Miliz unter die Kontrolle des Militärs zu stellen, reagierte Hemedti mit einem eigenen Versuch, die Junta zu übernehmen und löste damit die jüngste Runde der Gewalt aus, die das Land heimsuchte. Bei dieser Machtprobe wurde die RSF durch die Wagner-Gruppe, der russischen paramilitärischen Miliz, die Wladimir Putin als seine eigene Privatarmee nutzt, unterstützt.

Ausweitung des russischen Einflusses

Jüngste Dokumente, die vom Dossier Center, einem vom russischen Dissidenten Michail Chodorkowski ins Leben gerufenen Ermittlungsprojekt, veröffentlicht wurden, belegen eindeutig, dass die Gruppe Wagner von Jewgeni Prigoschin finanziert und geleitet wird, der wiederum direkt Putin unterstellt ist. In den letzten Jahren war sie vor allem im Nahen Osten und in Nordafrika aktiv, wo sie eingesetzt wurde, um Putins Ambitionen zu erfüllen, den Einfluss des Kremls im Nahen Osten auszuweiten – ein Ziel, dessen Erreichung erheblich erleichtert wurde durch die Bereitschaft von US-Präsident Joe Biden, die seit Langem bestehende Präsenz Washingtons in der Region aufzugeben.

Wagner-Söldner spielten eine aktive Rolle bei der militärischen Intervention Russlands in Syrien während des Bürgerkriegs, um das Regime von Baschar al-Assad vor einer sicheren Niederlage zu bewahren, und waren in jüngerer Zeit in Libyen und Mali als Teil von Putins Bemühungen, die Präsenz Moskaus in Nordafrika auszubauen, aktiv.

Die zunehmenden Beweise für das Engagement der Gruppe Wagner im Sudan sind daher keine Überraschung, und ihre Unterstützung für die RSF steht ganz im Einklang mit dem Engagement des Kremls, ein Netzwerk neuer Allianzen auf dem afrikanischen Kontinent aufzubauen.

Prigoschins Engagement im Sudan geht auf das Jahr 2017 zurück, als er eingeladen wurde, zur Stützung von Bashirs Diktatur beizutragen, nachdem dieser Putin in Moskau einen Besuch abgestattet hatte, bei dem er zusagte, das Land zu Russlands »Schlüssel zu Afrika« zu machen. Seitdem soll die Gruppe große Mengen an Waffen und Ausrüstung in den Sudan geliefert haben, darunter Militärlastwagen, Amphibienfahrzeuge und Transporthubschrauber. Es gab sogar Behauptungen, die Gruppe Wagner habe die RSF mit Boden-Luft-Raketen versorgt, um Burhan die Kontrolle über den Staat zu entreißen.

Wagners Engagement in der RSF hat auch wichtige wirtschaftliche Auswirkungen auf Moskau. Einer der Gründe, weshalb die RSF in der Lage ist, das sudanesische Regime herauszufordern, besteht darin, dass es enormen Reichtum aus der Kontrolle über die Goldindustrie des Landes zieht. Seit der russischen Invasion in der Ukraine im letzten Jahr sind Berichte aufgetaucht, wonach Wagner dabei geholfen habe, erhebliche Mengen Gold aus dem Land zu schmuggeln, um Putin dabei zu helfen, internationale Sanktionen zu vermeiden und seine Kriegsanstrengungen zu finanzieren. Im Gegenzug stellt Moskau der RSF hochentwickelte Waffen zur Verfügung.

Ein weiteres wichtiges Merkmal von Wagners Engagement in der RSF besteht darin, dass es Moskau dabei helfen könnte, seinen ehrgeizigen Plan zum Bau eines Marinestützpunkts in Port Sudan zu verwirklichen, eine Entwicklung, die der russischen Marine Zugang zu einer der wichtigsten Handelsadern der Welt verschaffen würde.

Eine Vereinbarung über den Bau eines Stützpunkts in Port Sudan wurde ursprünglich getroffen, als Bashir noch an der Macht war, ist aber wegen des Chaos, welches das Land seit dem Sturz des Diktators erfasst hat, in die Schwebe geraten. Die RSF deutete nun an, die Wiederbelebung des Projekts zu unterstützen, sollte es ihr gelingen, die Kontrolle über die Junta zu erlangen, was die potenzielle Bedrohung Moskaus für die Kontrolle des Suezkanals und die künftige Stabilität des Nahen Ostens und Afrikas erheblich verstärken würde.

Der Konflikt im Sudan ist also nicht nur ein Kampf zwischen rivalisierenden militärischen Fraktionen um die Kontrolle des Landes. Er stellt einen unverhohlenen Versuch Moskaus dar, eine russische Hochburg am Roten Meer zu errichten – ein Ziel, das ohne Bidens Bereitschaft, die globale Führungsrolle Washingtons aufzugeben, nicht möglich gewesen wäre.

Con Coughlin ist Redakteur für Verteidigung und Außenpolitik bei der britischen Tageszeitung Telegraph. (Der Artikel erschien zuerst beim Gatestone Institute).

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