Mena-Exklusiv

Wie die Boykottbewegung den Verkauf von israelischem Wein fördert

Von Stefan Frank

Der Tweet einer niederländischen Anti-Israel-Aktivistin, die eine Kaufhauskette dafür an den Pranger stellen wollte, dass sie israelischen Wein verkauft, ist in den Niederlanden, entgegen den Absichten der Verfasserin, zur wohl wirksamsten Reklameaktion des bisherigen Jahres geworden: Aus Sicht des Winzers, der Händler und all jener, die Aufrufe zum Hass auf Israel ablehnen, war die Aktion ein durchschlagender Erfolg. Das berichten u.a. die Jewish Telegraphic Agency (JTA) und die deutschsprachige Website Israelnetz.

Anlass war eine Aktion der Kaufhauskette HEMA. Jedes Jahr vor Pessah nimmt HEMA koscheren Wein aus Israel ins Sortiment. Man kann wählen zwischen dem roten und dem weißen, beide kosten 6,50 Euro pro Flasche und stammen von der Kellerei Hadar. Bislang hatte noch nie jemand Anstoß daran genommen. Bis zum Montag, den 25. März. Da nämlich entschied Mieke Zagt aus Rotterdam, dass es Zeit sei, israelischem Wein in niederländischen Kaufhausregalen den Kampf anzusagen. Zagt hat nach eigenem Bekunden Philosophie studiert, für Amnesty International gearbeitet und an dem „Cairos-Palästina“-Dokument mitgearbeitet, in dem zum Wirtschaftsboykott gegen Israel aufgerufen wird. In der Vergangenheit hat sie für die PFLP-nahe Website Electronic Intifada geschrieben und dort darüber berichtet, wie sie einmal erfolgreich einen niederländischen Bioladen unter Druck gesetzt habe, der israelisches Obst verkauft hatte. So würde es wieder laufen, dachte sie wohl, als sie am Montagmorgen um 6.46 Uhr folgenden an HEMA gerichteten Tweet schrieb:

„Hey @HEMA, ihr verkauft Efrat-Wein aus den Judäischen Hügeln, der in Israel hergestellt wurde. Kann das sein? Efrat und die Judäischen Hügel liegen im besetzten palästinensischen Gebiet. Efrat ist eine illegale israelische Kolonie. Könnt ihr die Herkunft kontrollieren?“

Dem Tweet hatte sie ein Foto der Flaschen im Regal beigefügt. In Wahrheit liegt die Kellerei bei Agur, ungefähr auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Kirjat Mal’achi, weit westlich der Waffenstillstandslinie von 1949, was HEMA ihr am nächsten Tag auch auf Twitter erklärte. Unterdessen hatten Freunde Israels, unter ihnen der in den Niederlanden geborene israelische Unternehmensberater Gideon van der Sluis, auf Twitter über den aggressiven und diskriminierenden Tweet der Anti-Israel-Aktivistin diskutiert. Einige von ihnen waren sogleich in ihren örtlichen HEMA gegangen, hatten den Wein gekauft und berichteten auf Twitter, wie vorzüglich er sei – unter dem Hashtag #tipvanMieke (Tipp von Mieke). Am Dienstag war #tipvanMieke der meistbenutzte Twitter-Trend der Niederlande. Viele Nutzer twitterten Fotos, die sie beim Kauf des Weines zeigten. Andere fotografierten die Flaschen zu Hause in dekorativem Setting, wieder andere machten Fotos von sich und einer Weinflasche in Großaufnahme oder Fotos, die zeigen, wie sie den Wein im Glas haben und trinken.

Die Geschichte geht weiter. Am Dienstag berichteten Zeitungen darüber, wie da jemandes Schuss nach hinten losgegangen war. Am Dienstagabend war der BDS-Flop Thema eines dreiminütigen Berichts in der Nachrichtensendung „EenVandaag“ des staatlichen Fernsehsenders NPO. Immer wieder war der Hashtag #tipvanMieke im Bild zu sehen. Yanki Jacobs, ein Rabbi aus Amsterdam und einer der beiden Direktoren des örtlichen Zweigs der internationalen Organisation Chabad on Campus, sagte JTA, er sei „beglückt“ über das Ergebnis der Kampagne: „Es ist eine Freude zu sehen, wie nur wenige Tage nach Purim aus etwas Bösem etwas Gutes wird.“

Es ist nicht der erste derartige Fall. Der israelische Unternehmensberater Adam Reuter, der die Auswirkungen von BDS auf die israelische Wirtschaft untersucht hat, schrieb kürzlich in einem Artikel über ein israelisches Unternehmen, das auch Filialen in Europa betreibt.

„Es war berichtet worden, das Unternehmen hätte einen Schaden erlitten, als BDS-Aktivisten während der Operation Protective Edge vor den Filialen standen und zum Boykott seiner Produkte aufriefen. Zu meiner Überraschung sagte mir der stellvertretende Vorstandsvorsitzende, dass sein Unternehmen keinen Schaden erlitten habe – im Gegenteil. Wie das? Die Aktivisten, die vor dem Geschäft in London demonstrierten, verschwanden nach zwei Tagen, als das journalistische Interesse erschöpft war. Nachdem sie verschwunden waren, war die Zahl der Kunden im Geschäft viermal so groß wie an einem normalen Tag. Es waren nichtjüdische Anwohner aus der Gegend, die Israel mögen und eben deshalb gekommen waren, um ihre Sympathie für Israel zu demonstrieren.“

„BUYcott“ nennt dies Shimon Fogel, der Vorsitzende des kanadischen Center for Israel and Jewish Affairs (CIJA). Das Wortspiel aus „Boykott“ und dem englischen Verb „to buy“ (kaufen) bedeutet, das Gegenteil von dem zu tun, zu dem die Boykotteure aufrufen, und die betreffenden Waren gezielt zu kaufen. In einem Beitrag, den Fogel letztes Jahr auf der Website Canadian Jewish News (CJN) veröffentlichte, erinnerte er an einen Fall aus dem Jahr 2009, der dem aktuellen Beispiel aus den Niederlanden sehr ähnlich war: BDS-Aktivisten hatten vor einem staatlichen Alkoholgeschäft in Toronto zum Boykott israelischen Weins aufgerufen. Rasch habe sich in der jüdischen Gemeinde die Idee eines „Gegenboykotts“ verbreitet. Bürger vor Ort seien von allen möglichen jüdischen Gruppen unterstützt worden, „alle vereinten sich um eine einzige Aufgabe: in dem ins Visier genommenen Geschäft israelische Weine kaufen“. „Obwohl nachbestellt wurde, um die erhöhte Nachfrage bedienen zu können, war israelischer Wein in der Filiale schnell ausverkauft. Die BUYcotters gingen energiegeladen und bestärkt daraus hervor. Die Erfolgsformel war gefunden.“

Seither habe die CIJA die „Macht der sozialen Medien“ benutzt, um „Zehntausende Menschen überall auf der Welt zu alarmieren, wann immer Produkte und Unternehmen von BDS-Aktivisten ins Visier genommen werden“. Dies sei so erfolgreich, weil auf diese Weise Botschaften an drei verschiedene Zielgruppen gesendet würden, so Fogel: „Erstens an Anti-Israel-Aktivisten: Wenn ihr israelische Waren boykottiert, werdet ihr nur die Nachfrage nach und die positive Beachtung für eben jene Güter in die Höhe treiben.“ BUYcotters hätten mit eigenen Augen gesehen, wie „demoralisierend es für BDS-Demonstranten ist, zu sehen, wie Kunden aus den Geschäften kommen und stolz israelische Waren in Händen halten, wohl wissend, dass dies ohne BDS nie geschehen wäre“.

Zweitens an Unternehmen, Konsumenten und die Öffentlichkeit insgesamt: „Ein Nachfrageschub schafft für Einzelhändler einen direkten Anreiz, weiterhin israelische Produkte zu kaufen. Wir ermuntern die BUYcotters, Fotos ihrer Käufe in den sozialen Medien zu posten, um einen positiven Wirbel um israelische Waren zu schaffen.“ Einsatz für Israel bedeute, „die zu erreichen, die weder proisraelisch noch antiisraelisch“ seien und ihnen zu zeigen, dass Israel „Heimat einer dynamischen Gesellschaft und Kultur und dynamischer Menschen ist“, so Fogel. Drittens seien solche Aktionen wichtig für die Juden selbst. „Jeder von uns kann etwas Greifbares tun, um BDS zu besiegen.“ Die sozialen Medien, so Fogel, trieben viele Menschen heutzutage dazu, ihre Energien auf Dinge zu verwenden, mit denen sie sich „gut fühlen“, statt etwas „Gutes zu tun“. „Die Fürsprache für Israel ist keine Ausnahme. Artikel teilen und die eigene Meinung sagen, ist wichtig in der Schlacht der Ideen im Internet, doch dies sollte niemals ein Ersatz dafür sein, im echten Leben strategische Aktionen zu unternehmen.“ Man müsse jenseits der „Echokammer gleichgesinnter Internetfreunde“ etwas unternehmen, „um der nichtjüdischen Welt zu zeigen, dass sich jeder dafür interessieren sollte, was Israelis anzubieten haben“, so Fogel.

Im aktuellen Fall ist dies weit über alle Erwartungen hinaus gelungen. HEMA in Hilversum zeigte sich dankbar über die Publicity und zollte der Initiatorin die Anerkennung, die ihr gebührt. Seit Mitte der Woche stehen die koscheren Weine dort unter einem Schild, auf dem steht: „# TIP VAN MIEKE“.

 

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