Mena-Exklusiv

„Für uns stehen der einzelne Bürger und seine Rechte im Vordergrund“

Interview mit Bassam al Kuwatli, dem Präsidenten von „Ahrar“, der „Syrian Liberal Group“. Al Kuwatli lebt in Istanbul und leitet dort eine Firma, die in Syrien tätige lokale und internationale NGOs berät. Das Interview führte Thomas von der Osten-Sacken mit ihm in der Türkei.

Mena Watch: Können Sie kurz Ihre Organisation, die „Syrian Liberal Group“ vorstellen?

Bassam al Kuwatli: Wir haben uns gegründet als eine Gruppe von Oppositionellen, von denen die meisten inzwischen leider als Flüchtlinge im Ausland, etwa hier in der Türkei leben, um eine Alternative anzubieten. Wir glauben an moderne Werte, wollen ein demokratisches, säkulares, plurales und rechtsstaatliches Syrien, diskutieren und entwerfen Ideen, wie dies aussehen könnte und wie man trotz aller Rückschläge ein solches Ziel erreichen kann. Für uns stehen das Individuum oder der einzelne Bürger und seine Rechte im Vordergrund, sie sollen der Ausgangspunkt sein. Und das meint, wir müssen aufhören immer nur daran zu denken, was dieser oder jener internationale oder regionale Akteur will, und wie wir uns strategisch zu ihm verhalten. Wir müssen aufhören in Kollektiven zu denken. Ins Zentrum müssen endlich die einzelnen Menschen als syrische Bürgerinnen und Bürger gerückt werden. Von diesem Punkt aus hoffen wir auch eine gleichberechtigte Kooperation mit westlichen und anderen internationalen Institutionen und Staaten zu entwickeln, die eben keine völlige Abhängigkeit mehr sein sollte, so wie es heute leider meist der Fall ist.

Aber das Ausland nimmt doch immer mehr Einfluss. Wie sehen Sie daher die Lage in Syrien nach dem letzten türkisch-russisch-iranischem Treffen?

Das letzte Treffen hat einmal mehr gezeigt, dass das Schicksal Syriens seit langem nicht mehr von Syrern entschieden wird, sondern von ganz anderen regionalen oder internationalen Akteuren. Wenn Syrer noch eine Rolle spielen, dann fast ausschließlich als Stellvertreter oder Handlanger dieser Akteure. Und da zeigt sich wieder unser größtes Problem: Wir Syrer haben kaum noch Einfluss. Eine unserer zentralen Forderungen ist deshalb auch: Dies muss sich ändern.

Die USA scheinen jetzt ernst machen zu wollen und sich aus Syrien zurückzuziehen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Einerseist ist es schwierig, weil die Lage in den kurdischen Gebieten chaotisch und unübersichtlich ist. Auf der anderen Seite hat es unter Umständen auch sein Gutes, wenn weniger internationale Akteure im Spiel sind. Dann fällt es den Syrern vielleicht leichter, ihre Geschicke wieder selbst in die Hand zu nehmen. Ich versuche hier nur eine positive Seite zu sehen bei dem Ganzen. Aber auch dann müssten sich die verschiedenen syrischen Parteien und Gruppierungen, ich meine natürlich hier nicht das Regime, zusammensetzen und eine gemeinsame Agenda entwickeln. Das müsste eine syrische Agenda sein, keine, die ausländischen Staaten oder Akteuren dient. Dies hieße aber für die PYD auch, sie müsste einen Dialog mit der Türkei suchen, denn es geht nicht, dass Nachbarstaaten von Syrien aus bedroht werden. Syrien heute ist voller ausländischer Kämpfer, die im Auftrag anderer Länder oder Organisationen kämpfen, und uns muss es jetzt um eine Renationalisierung oder so etwas in der Richtung gehen.

Das gilt für alle Gebiete, die nicht vom Regime kontrolliert werden. Inzwischen haben überall andere Mächte das Sagen, ob das nun die Türkei oder (noch) die USA sind. Dass wiederum heißt allerdings nicht, dass Syrer überhaupt keinerlei Einfluss mehr hätten. Wir können momentan kaum irgendwo den Abzug fremder Truppen fordern. Aber wir können an Veränderungen arbeiten, an lokalen Wahlen, der Schaffung repräsentativer Institutionen und vor allem einheitlicher Sicherheitskräfte.

Wenn zum Beispiel Idlib eine Zukunft haben soll, dann nur wenn es gelingt, dass moderate und demokratische Kräfte die Oberhand gewinnen und wir es schaffen, dieses Gebiet in eine Art alternatives demokratisches Syrien zu verwandeln. Wir brauchen auch eine Armee statt der Milizen. Ich halte eine solche Entwicklung immer noch für möglich und gangbar. Das allerdings erforderte den Willen nicht nur der Syrer, sondern auch der involvierten ausländischen Mächte, vor allem Europas und der Türkei.

An der jetzigen Lage trägt auch die syrische Opposition eine Mitverantwortung, oder?

Ja, auch wir haben in den letzten Jahren viele Fehler gemacht. Ich möchte hier zwei nennen. Der erste war vielleicht nicht unbedingt ein Fehler, sondern eher ein gescheitertes Experiment, eine Erfahrung, die wir wohl so machen mussten. Ich spreche von dem Bündnis, dass die säkularen Kräfte mit den Islamisten eingegangen sind. Am Anfang ging es um eine möglichst breite Front gegen das Assad-Regime, die alle Oppositionellen mit einschließen sollte. Das war unser Verständnis von Demokratie damals. Dieser Ansatz ist gescheitert, aber ich denke die Syrer mussten diese Erfahrung machen. Heute wissen wir, dass dieser Ansatz falsch war. Deshalb zum Beispiel haben wir ja auch die „Syrian Liberal Group“ gegründet, die ein ganz klares Programm hat. Nur wenn an dieses Programm glaubt, ist auch willkommen bei uns mitzuarbeiten.

Der zweite Fehler war, am Anfang der Revolution zu glauben, dass es ein kurzer Konflikt werden wird und der Westen uns in diesem Kampf unterstützt und es mit den Werten, die er predigt, auch ernst meint. Deshalb gab es auch keine langfristigen Planungen und keine Vorbereitungen für einen langen, sogar bewaffneten Konflikt.

Ich denke, das beruhte damals auf Gegenseitigkeit. Auch die internationale Gemeinschaft ging ja davon aus, dass der Sturz des Regimes schnell gehen würde. Sie unterschätzten die Widerstandskraft des Assad-Regimes und dessen Willen, notfalls sogar das ganze Land zu zerstören. Zugleich verriet der Westen seine eigenen Werte, unterstützte nicht die säkulare Opposition, sondern delegierte diese Aufgabe halbherzig  an die arabischen Golfstaaten, die dann verschiedene islamische Gruppen auf Kosten der säkularen unterstützten und aufrüsteten.

Es heißt heute vielerorts, Assad habe den Krieg gewonnen. Wie sehen Sie das?

Ich denke nicht, dass Assad gewonnen hat. Alle in diesem Krieg sind nämlich Verlierer. Assad hat nicht gewonnen, denn er übt keine Kontrolle mehr in Syrien aus, er wird vielmehr von den Russen und Iranern kontrolliert. Und es ist ja nicht so, dass es den Leuten im Regimegebiet gut geht: Auch sie leiden unter Mangel, Versorgungsengpässen und hohen Preisen, das gilt selbst für seine Milizionäre und Soldaten. Und natürlich leiden sie auch weiterhin unter der brutalen Repression des Regimes.

Also stellt sich die Frage: Ist trotzdem eine bessere Zukunft möglich? Nun, ich denke trotz allem: Ja. Heute gibt es eine ganz neue Generation von Syrern, die einerseits all die Grausamkeiten des Krieges erlebt hat, aber eben auch ganz andere Erfahrungen gemacht hat. So viele sind inzwischen im Ausland, haben dort sehr viel gelernt und sich organisiert. Früher war Syrien ein abgeschottetes Land, heute leben überall auf der Welt Syrer und stehen in Kontakt miteinander. Politisch war Syrien eine Wüste, regiert von einer Diktatur, die keine andere Meinung zuließ. Das alles wird Syrien verändern, denn es gibt kein Zurück zur Zeit vor 2011. Damals dachten die Menschen irgendwie, was sie in Syrien erleben, sei ganz normal, so sei es eben. Ich erinnere mich, damals selbst so viel für völlig normal gehalten zu haben. Heute sieht die Situation ganz anders aus und auch wenn Assad noch immer regiert, wissen Millionen von Syrern inzwischen wie das Leben in anderen Gesellschaften aussieht oder aussehen kann.  Zugleich haben wir aber auch leidvoll lernen müssen, dass es zu keinem schnellen Sturz des Regimes kam. Das und die jüngsten militärischen Siege des Regimes und seiner Verbündeten aber sind kein Grund, jetzt zu glauben, Assad hätte gewonnen.

Wir müssen jetzt eben auch langfristig denken und wirkliche Alternativen entwickeln. Ich hoffe, dass sich in Idlib positiv entwickeln wird und wir dort zeigen können, wie ein anderes Syrien aussehen könnte. Und selbst wenn nicht, früher oder später wird das Assad-Regime ein Ende haben.

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