Mena-Exklusiv

Die Rolle deutscher Außenpolitik bei den antijüdischen Pogromen im Irak

Von Thomas von der Osten-Sacken und Thomas Uwer

Kürzlich jährte sich zum siebenunsiebzigsten Mal der Jahrestag des Farhud: der pogromartigen Ausschreitungen gegen Juden in Bagdad. Die Autoren beschreiben in diesem Artikel, welche Rolle die deutsche Nahostpolitik  dabei spielte. Der Artikel erschien ursprünglich am 23. 10. 2003 in der israelischen Tageszeitung Haaretz auf hebräisch.

„Deutschland, welches gegen unsere gemeinsamen Feinde kämpft, erstrebt der
islamischen Welt eine sichere und glückliche Zukunft. Es besteht deshalb kein Zweifel,
dass die aufrichtigen Muslime ihr Wohl nur in dem Zusammenschluss mit dem deutschen
Lager sehen, da in dem Sieg Deutschlands der Sieg ihrer Zukunft zu ihrer Errettung liegt.“

Amin Al-Husseini, Großmufti von Jerusalem 1944.

„In der augenblicklichen geschichtlichen Periode anders ausgedrückt im Schatten
nationaler Teilung, zionistischer Invasion und imperialistischer Herrschaft – kann
die arabische Revolution nicht eine einer Klasse sein, sondern nur der ganzen Nation.“

Schrift des irakischen Erziehungsministeriums

„Von der arabischen Wüste her wehte der Wind den feinen gelben Staub herüber, der, beim Hinweggleiten über den breiten Meeresarm mit Feuchtigkeit gesättigt, wie ein schwerer atembeklemmender Nebel über der in Gluthitze brütenden Hafenstadt Buschir am Persischen Golf lagerte.“ Mit Mühe versucht der Biograph Stimmung zu erzeugen. Es ist Frühjahr 1915, sein Held, Konsul Wilhelm Wassmuss, verlässt gerade das Persische Buschir und da ihm dort niemand nachtrauert, lässt er die Landschaft in Trübsinn verfallen. Dass Dagobert von Mikusch, Autor des 1937 in Berlin erschienenen Bändchens „Wassmuss, der deutsche Lawrence“, seine Heldenbiographie mit einer derart bemühten Naturbetrachtung beginnt, entspricht der Konvention. Denn wo immer sich deutsche Diplomaten und Forscher an „ihren“ Orient erinnern, tun sie dies in Zwiesprache mit der Natur, in der sie immer fort sich selbst entdecken.

„Wassmuss fühlte“, heißt es weiter, „daß mit dem Glauben an eine vom Geschick auferlegte Aufgabe die Frage von Recht und Unrecht sich auf eine andere Ebene verschob, sich heraushob aus der privaten Sphäre, auf die er selbst mangels einer seinem Volk zum Bewusstsein gekommenen höheren Bestimmung angewiesen blieb. Er selbst hegte deshalb so rege Sympathie für die Perser, weil es sich um ein unterdrücktes Volk handelte.“ Und ein ebensolches, dies ist der eigentliche Sinn des Fühlens und Ahnens, sind die Deutschen auch. So voller „Sympathie“ für die Perser war Wassmuss, dass er äußerlich kaum mehr unterscheidbar war von jenen Stämmen, deren Aufstand gegen die britischen und russischen Imperialisten er sich im Dienste des deutschen Kaisers über zwei Jahrzehnte verschrieben hatte. Er reiste in Stammestracht durchs Land, verteilte in Berlin gedruckte islamische Schriften und organisierte den Heiligen Krieg gegen das britische Empire. „O Perser“, rief er aus, „jetzt ist es an der Zeit, Euch der heiligen Sache zu weihen! Schreckt Ihr jetzt, wo der gesamte Islam vom ungläubigen Feind bedroht wird, vor dem Opfer zurück? Was wollt ihr dann dem Propheten am Tage des Gerichts antworten?“

Mehr als vor dem Tag des Gerichts schreckten die meisten seinerzeit jedoch vor Wassmuss zurück, weshalb sein Plan, Großbritannien und Russland aus der Golfregion zu verdrängen und einen deutschen Platz an der Sonne zu schaffen, scheiterte. Konsul Wassmuss wurde des Landes verwiesen, kehrte später als Privatmann zurück und scheiterte erneut, diesmal bei dem Versuch, eine deutsche Agrarsiedlung im Iran aufzubauen. Was blieb, waren die Erinnerungen eines Mannes mit höherer Aufgabe und die Idee einer indo-germanischen Sendung, die sich in den antikolonialen Kreisen Teherans bis hinauf zu Rezah Schah in das Selbstverständnis der jungen iranischen Nation einfraßen und in den 30er Jahren, unterstützt von Deutschland, in einem bizarren Arierkult kulminierten.

 

Deutsche Gegnerschaft zum Irakkrieg als Fortsetzung antikolonialer Orientpolitik

Die Konvention hat Bestand. Fast hundert Jahre später wirkt diese kleine Episode aus der Geschichte deutscher Orientpolitik wie ein Lehrstück zur jüngsten Nahostpolitik. Mit der Verkündung eines „deutschen Wegs“ durch Gerhard Schröder im vergangenen Jahr hat sich die deutsche Außenpolitik auf die Spuren der Vergangenheit begeben. Zweimal in der Geschichte hat sich Deutschland auf der Seite der „unterdrückten Völker“ des Nahen Ostens engagiert: unter Kaiser Wilhelm II und dessen „Drang nach Osten“ sowie unter Adolf Hitler. Beide hatten sich zur Durchsetzung ihrer Ziele nationalistischer und antibritischer Bewegungen nicht nur bedient, sondern entscheidend an ihrer ideologischen Entwicklung und Radikalisierung mitgewirkt.

Wie Reminiszenzen an vergangene Tage wirkten daher nicht nur der Vorwurf, der US-Regierung sei es lediglich an den irakischen Ölquellen gelegen, sowie der transatlantische Streit, den die kompromisslose Haltung der Bundesregierung ausgelöst hat – sondern auch jener an den Tag gelegte Rigorismus, selbst dann noch an dem bereits eingeschlagenen Kurs festzuhalten, als dieser sich längst als falsch oder doch zumindest schädlich herausgestellt hat. Denn misst man das Erreichte an den erklärten Zielen, so weist die jüngste deutsche Irakpolitik eine derart klägliche Bilanz auf, dass es in der Tat fraglich erscheint, welchen Vorteil sich die Regierung Gerhard Schröders von diesem „deutschen Weg“ versprochen hat.

Von ihrem Vorhaben, den irakischen Diktator Saddam Hussein zu stürzen jedenfalls haben sich die Vereinigten Staaten genauso wenig abbringen lassen, wie die Vereinten Nationen der deutschen Voraussage folgen wollten und in Staub zerfielen. Vom deutschen Projekt einer „gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik“ unter dem Vorsitz von Außenminister Fischer indessen ist kaum mehr die Rede, seit sich herausgestellt hat, dass ein nicht unerheblicher Teil Europas in außenpolitischen Fragen von Bedeutung den Amerikanern eher traut, als den europäischen Führungsmächten Deutschland und Frankreich, die sich von einem regelrechten Cordon Sanitaire der „Koalition der Willigen“ umschlossen fanden. Die deutsche Wirtschaft, die gerade dabei war, den irakischen Markt wieder für sich zu erschließen, wird auf absehbare Zeit einen schlechten Stand haben, wenn es darum geht, mit der künftigen irakischen Regierung ins Geschäft zu kommen. Keineswegs aus Einsicht, eine falsche Politik betrieben zu haben, sondern aus der Notwendigkeit heraus, nicht völlig von nahöstlichen Märkten vertrieben zu werden, sind ein knappes Jahr nach dem Sturz Saddam Husseins deutsche Politiker versöhnlicher geworden. So wenig man es sich ganz mit den USA verscherzen mag, so sehr hält man an der Überzeugung fest, recht gehabt zu haben.

Immer dann wenn die deutsche Politik nicht weiter weiß übernehmen Orientalisten, Archäologen  und andere Experten das Feld. Wenige Tage nachdem die Deutschen sich auf der Nato-Konferenz in München kooperationswillig zeigten, trafen sich in Beirut, geladen von der Friedrich-Ebert-Stiftung deutsche Nahostexperten mit Vertretern von Hizbollah und Hamas, um gemeinsam für Verständnis zwischen Europa und dem Islam zu werben.

Die gescheiterte außenpolitische Offensive gerät hier zur verständnissinnigen Grundlage eines neues Anlaufes, der sich gegen die erklärten Pläne der USA im Nahen Osten wendet und einmal mehr die Nähe zwischen deutschen und islamischen/arabischen Gelehrten zeigt. Und während zielsicher Nahostexperten und Orientalisten das Gespräch mit den Apologeten des islamischen Fundamentalismus suchen ruft daheim zum Jahrestag des Kriegsbeginns die Friedensbewegung zu Massendemonstrationen gegen die „Besatzung von Palästina und dem Irak“ auf und dürfte sich dabei nicht einmal bewusst sein, dass sie auf Slogans zurückgreift, mit denen zuvor Teile der Nazis Nahostpolitik betrieben.

Es mag an der Tendenz der Geschichtsschreibung liegen, Taten an ihren unmittelbaren Ergebnissen zu messen und nicht am Willen der Beteiligten, dass dem deutschen Wirken im Nahen Osten wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. In der Tat könnte man das Scheitern diplomatischer und militärischer Unternehmungen zum eigentlichen Markenzeichen deutscher Orientpolitik erklären. Von Wassmuss’ Perseraufstand über die berühmte Afghanistanexpedition oder die pénétration pacifique des Osmanischen Reiches unter Kaiser Wilhelm II endeten die militärischen und diplomatischen Abenteuer in Nahost regelmäßig im Desaster. Leichthin wird daher übersehen, dass der Kampf um deutsche Interessen in Nahost auch im Namen einer historischen Mission geführt wurde, in der sich Deutschland an die Seite der unterdrückten Perser, Muslime und später Araber geschlagen sah. Gerade die Misserfolge deutscher Nahost-Eroberung stellen das Kapital dar, mit dem die deutsche Außenpolitik immer wieder erfolgreich um die Gunst panislamischer und nationalistischer Bewegungen buhlte und die dem Berliner Außenamt bis heute in der Region den Ruf eines „ehrlichen Maklers“ (übrigens ein Begriff den das Auswärtige Amt schon 1941 als Selbstbeschreibung seiner Nahostpolitik benutzte) ohne koloniale Vergangenheit beschert.

 

Günstige Bedingungen für deutsche Nahostpolitik

Fritz Grobba mit dem irakischen König

Wie wirkungsvoll die deutsche Nahostpolitik auch dann war, wenn sie ihre unmittelbaren politischen und militärischen Ziele verfehlte, zeigt das Beispiel des Diplomaten Dr. Fritz Grobba, der von 1932 bis 1941 deutscher Geschäftsführer in Bagdad war und dort jene arabischen Nationalisten unterstützte, die im Irak seit 1936 in immer kürzeren Abständen Regierungen einsetzten und wieder stürzten. Wer nicht gleich im Sold der deutschen Botschaft stand, suchte doch zumindest deren ideelle Unterstützung, um sich gegen die wachsende pro-deutsche Falange abzusichern. Zum Ende der dreißiger Jahre wurde im Irak keine Regierung mehr gebildet, an deren Zusammensetzung das deutsche Außenamt nicht wenigstens durch Konsultationen beteiligt war. Als Grobba und sein Stab 1941 den Irak verließen, befanden sie sich auf der Flucht vor britischen Truppen. Sie hinterließen ein Land, das mit ihrer Unterstützung nicht nur die erste faschistische Diktatur der Region erlebt hatte, sondern in dessen Politik der Antisemitismus als feste Größe eingeführt war.

Natürlich hatte sich Grobba einen handfesteren Erfolg gewünscht. In den arabischen Nationalisten sah das Auswärtige Amt Verbündete im Kampf um die Vorherrschaft in der Mittelmeerregion. „Selbst wenn die arabische Freundschaft zu Deutschland von eigenen Interessen geleitet ist,“ berichtete Grobba seinem Dienstherren in Berlin, „so ist sie doch ein wichtiger Faktor, aus dem wir sowohl politischen, als auch ökonomischen Nutzen ziehen können.“ Ein Aufstand der Araber in den Kolonien und Mandatsgebieten, so hoffte Grobba, würde Frankreich und Großbritannien empfindlich schwächen. Deutsche Agenten unterstützen daher vom Maghreb bis in den östlichsten Teil der arabischen Halbinsel antikoloniale arabische Bewegungen. „Dieselben Agenten, die (…) in Palästina gearbeitet haben – gegen die Juden, aber auch gegen die Engländer – arbeiten heute in Algerien – gegen die Juden, aber auch gegen die Franzosen“, wird bereits 1937 in der Jüdischen Revue die deutsche Propaganda beschrieben.

Grobba sah, wie viele andere, in den nationalistischen Bewegungen der arabischen Halbinsel allerdings durchaus nicht nur Verbündete im Kampf gegen die Westalliierten, sondern Brüder im Geiste. In dem 1939 erschienen Buch „Ölkrieg“ beschreibt Anton Zischka, woraus die deutsche Liebe zu den Arabern entsprang: „Der Kampf um das Öl Mesopotamiens, um die Bagdadbahn und damit den Persischen Golf, war nur der Auftakt eines viel grausigeren Kampfes gewesen. Der ‚Drang nach Osten‘ war ja den Engländern längst ein Dorn im Auge und nicht der unwesentlichste Grund zur Weltkriegseinkreisung.“ Deutschland und Arabien erschienen dieser Fraktion der Nationalsozialisten als im gleichen weltanschaulichen Kampf um Raum und gegen die Macht internationaler Finanzmagnaten zu stehen. So verlautete eine österreichische Nazibroschüre schon vor dem Anschluss: „Von Tanger bis nach Indien hin erstreckt sich eine arabische Einheit, die eines Tages, je nach der geistig verwandten totalen Weltanschauung des Dritten Reiches und seiner starken, unterirdischen Muslimpropaganda (…) größte Erschütterungen erzielen kann. (…) Die panarabische Bewegung läuft parallel mit der pangermanischen in Europa. Jene baut sich auf die Totalität des Koran, diese auf der Bibel ‚Mein Kampf‘ auf. Pangermanismus und Panarbismus sind Bundesgenossen.“

Lange allerdings fehlte dem anvisierten germanisch-arabischen Bündnis die volle Unterstützung Adolf Hitlers, der es erst in seinem berüchtigten Testament aus dem April 1945 als Fehler bezeichnete, den arabischen Freiheitskampf nicht aus vollem Herzen unterstützt zu haben, sich Mitte der 30er Jahre allerdings über die Araber noch als „bemalte Halbaffen“ ausließ. Auch wenn deren bekanntester Vertreter, der Mufti von Jerusalem, nicht müde wurde, die Gemeinsamkeiten beider Völker immer wieder zu betonen zweifelte Hitler lange an der rassischen Qualität der Araber ebenso wie an ihrer Bündnistreue. „Unabhängigkeit ist der Vorwand für ungehinderte Spekulation. Freiheit der Schild für hemmungslose Ausbeutung der arbeitenden durch die herrschende Schicht“, meinte etwa der ein Legationsrat Rahn 1941 desillusioniert über die arabische Befreiungsbewegung. „Auch der rassisch bessere Teil, die Beduinen, sind der allgemeinen Korruption erlegen und folgen der jeweils stärksten Macht wie die Schakale dem Raubtier.“ 

Es gab allerdings eine bedeutende Gruppe innerhalb der deutschen Regierung, die solche strategischen oder rassischen Überlegungen nicht gelten ließ, sondern schon früh auf ein deutsch-arabisches Kampfbündnis setzte. 1934 veröffentlichte das Reichspropagandaministerium ein Memorandum zur „kulturellen Propaganda“ gegenüber „Ländern und Völkern in unserem Interesse“, in dem die gezielte ideologische Anbindung nationaler und Pan-Bewegungen an Deutschland propagiert wird. „Muß die Tatsache also noch bewiesen werden,“ heißt es dort, „daß Jugoslawen, Bulgaren, Türken und Ägypter, die deutsche Schulen besucht haben oder wenigstens deutschen Unterricht genossen oder an deutschen Universitäten studierten, weniger kosten und weitaus einflussreicher sind, als eine ganze Armee von Vertretern und Agenten für deutsche pharmazeutische Waren?“ – im Falle des Irak sicherlich nicht. Im Auftrag des Muftis von Jerusalem war im selben Jahr der Bruder des panarabischen Ideologen Sami Shawkat Nuri von Bagdad nach Berlin gereist, um Franz von Papen einen Brief zu überbringen, in dem der neuen deutsche Regierung zu ihrem Kampf „gegen die Demokratien und das internationale Judentum“ gratuliert wurde.

Entsprechend günstig waren die Bedingungen, auf die der Botschafter Grobba und seine Agenten in Bagdad stießen. Der Irak war von den Briten bei seiner Gründung unter die Regentschaft des Hashemiten-Königs Faisal gegeben worden, der für die Aufteilung der Region zwischen Frankreich und Großbritannien im Sykes-Piquot Abkommen entschädigt werden sollte. In London erhoffte man sich so die Gunst der panarabischen Elite zu erwerben, deren von Faisal angeführten Aufstand gegen die Osmanen man einst unterstützt, später aber fallen gelassen hatte. Statt Gunst jedoch beherrschten Unzufriedenheit und antibritische Sentiments die Eliten. Die neue Staatsklasse rekrutierte sich aus Offizieren und Beamten, die den Irak von Beginn an als unzureichenden Ersatz empfanden und deren eigentliches Ziel weit über die nationalen Grenzen hinaus in einem arabischen Großreich lag. Deutschland galt hier, nicht nur aufgrund der Erfahrungen, die viele Offiziere mit der preußischen Militärschule im Osmanischen Reich gemacht hatten, als Vorbild für die eigenen großarabischen Ambitionen.

 

Panarabismus und deutscher Nationalismus

Die Araber standen vor dem Problem, daß „sie keinen ‚arabischen‘ Staat hatten“, erklärt der Historiker Reeva Simon die germanophile Disposition der Panarabischen. Das bürgerlich-republikanische Nationsmodell, das die Existenz eines legalen Staates voraussetzt, kam für sie schon von daher nicht in Frage. „Nichtsdestotrotz waren sie (nach ihrer Vorstellung) eine Nation.“ Der kulturalistische deutsche Nationalismus, „mit seiner Trennung von Nation und Staat, von kulturellem ‚Sein‘ und legalen Institutionen, wurde folgerichtig zum Vorbild.“

Deutschland und die „arabische Nation“ hatten aus dieser Perspektive auch gemein, daß ihr nationales Programm an der Intervention derselben westlichen Staaten gescheitert war. In beiden Ländern erfreuten sich zudem jene Konzepte einer „nationalen Revolution“ oder eines „nationalen Sozialismus“ einer besonderen Beliebtheit, die sich sowohl gegen Kommunismus als bürgerlichen Parlamentarismus richteten. Im deutschen Sozialismus, der nicht für unterdrückte Klassen, sondern für junge bzw. proletarische Nationen kämpfte sahen die panarabischen Eliten ein Vorbild. So versuchte etwa der Mufti den Islam „als ausgesprochen soziale Religion“ zu propagieren, um den „mohammedanischen Völkern verständlich zu machen, dass sie aus eigener Tradition besser in der Lage sind, einen wahren Sozialismus durchzuführen als der völkerzersetzende Bolschewismus“.

Auch das schwerwiegende Manko des arabischen Nationalismus, aus der Niederlage heraus einen Nationalbegriff zu entwickeln, hatte Deutschland, das sich nach der Niederlage im Ersten Weltkrieges erneut zu einer Großmacht entwickelt hatte, in den Augen der Panarabischen beispielhaft gelöst. So entwarf der Theoretiker des arabischen Nationalismus, Sa’ti Husri, eine fast mystische arabische Kulturnation, die nur äußerlich durch nationale Grenzen voneinander getrennt sei. Husri, zu dessen Vorbildern neben Herder, Fichte und Ernst Moritz Arndt auch der radikale Antisemit und Pangermane Georg von Schönerer zählte, waren die aus dem Kolonialismus hervorgegangenen neuen Staaten genauso verhasst, wie die nicht-arabischen Minderheiten, die innerhalb dieser einen Anspruch auf Macht erhoben. „Husrismus“ bemerkte ein ägyptischer Autor damals, „drückt das Gefühl aus, daß die Arbeit für das Wohl der arabischen Nation die Annahme einer feindseligen Haltung gegenüber allen nicht arabischen Elementen verlangt, gleich ob diese innerhalb des arabischen Raumes leben oder außerhalb.“ Diese Feindseeligkeit richtete sich bei Husri, der engen Kontakt zur deutschen Gesandtschaft in Bagdad unterhielt, seit Mitte der Dreißiger immer offener gegen die Juden.

 

Die Juden rücken ins Zentrum

Erleichtert wurde die Arbeit deutscher Agenten auch durch die Widersprüche der imperialen britischen Politik. Formal unabhängig, waren der irakische Staat und seine militärisch-bürokratische Elite in der politischen Praxis nach wie vor weitgehend an Großbritannien gebunden. Innerhalb der Nomenklatura des Staates scheiterte der vor allem gegen die Briten gerichtete Panarabismus immer daran, daß seine Träger im Alltag praktisch ständig mit ihren Feinden kooperieren mußten.

Die Arbeit der deutschen Vertretung in Bagdad konzentrierte sich daher vor allem auf jene marginalisierten Zirkel arabischer Nationalisten, die im Hinblick auf die jüdische Immigration in Palästina offen mit der deutschen Rassepolitik sympathisierten und eine neue aufstrebende urbane Gesellschaftsschicht darstellten, die sich im Gegensatz zu den traditionellen Notabeln oder Stammesfürsten befand. Über diese „Palästina“-Komitees erfuhr die panarabische Idee eine neue Gewichtung. Galt den Panarabischen die jüdische Einwanderung nach Palästina lange Zeit als Ausdruck kolonialer Politik gegen die Araber – da die Briten diese doch duldeten – so konzentrierte sich die Wahrnehmung nunmehr gänzlich auf eine verzerrte und rassistisch begründete Beschäftigung mit dem Zionismus, bis die Rolle der Briten nur noch zu der von Helfern der eigentlichen „jüdischen Bedrohung“ geschrumpft war. Der Antisemitismus wurde so über Palästina zu einer ideologischen Konvention, mittels der sich die panarabische Überzeugung äußern konnte, ohne in direkten Konflikt mit der britischen Imperialmacht zu geraten.

Die Arbeit der deutschen Gesandtschaft richtete sich gezielt auf eine massenwirksame Verbreitung dieser Konvention. Unterstützung erhielt sie dabei seit 1939 von Hadj Amin Al-Husseini, dem Mufti von Jerusalem, der über Beirut nach Bagdad gelangt war und eine der zentralen Figuren der Panarabischen wurde, die sich um die deutsche Gesandtschaft versammelten. Zuvor hatte der Mufti seine Dienste den Deutschen angeboten und in seiner Person vereinigten sich kongenial die Frühformen der islamistischen Bewegung mit einem panarabischen Programm. Über den Archäologen Julius Jordan, der im Dienst des Reichspropagandaministeriums stand, wurden zuerst an den Universitäten Iraks, später auch an ausgewählten Schulen, deutsche Lehrkräfte eingesetzt. Die deutsche Botschaft lieferte Bücher und Hefte an Schulen, richtete einen Studienaustausch ein und lud Beamte des Erziehungsministeriums zur Fortbildung nach Deutschland. Mit durchschlagendem Erfolg.

Fadhil al-Jamali

Der Leiter der Behörde, Mohammad Fadhil al-Jamali zeigte sich vor allem fasziniert von dem „militärischen Geist“, der an deutschen Schulen herrsche, wo „Schülern nicht der Kopf verstopft wird mit Fakten, sondern wo es um die Herausbildung von Charakter“ gehe. Auch sein Kollege Sami Shawkat, der von Berlin mit SA-Uniform nach Bagdad zurückkehrte und der sich, wie es in den Bulletins des britischen Nachrichtendienstes heißt, gerne „besonders deutsch“ gab, war vor allem von der Hitler-Jugend fasziniert. In Anlehnung an die HJ gründete er die Studentenorganisation Futuwwa, über deren Aufgaben er 1939 der Zeitung Al-Bilal erklärte: „Wir wollen Krieg. Wir wollen unser Blut vergießen für das Heil des Arabertums.“

Dieser Gedanke schlug sich auch im Curriculum für die staatlichen Schulen nieder, in denen die „Geschichte der Araber„ nunmehr als völkische Überlegenheitsvision einer arabischen „Wiege der Zivilisation“ gegenüber den „zugewanderten und minderwertigen Völkern“ – Juden, Assyrer, Chaldäer – gelehrt wurde. Deutsch verdrängte Französisch als zweite Fremdsprache, die Geschichte des deutschen „Volkes“ wurde als Vorbild für das „arabische Erwachen“ obligatorisch. Shawkat empfahl sogar, in Anlehnung an sein deutsches Vorbild, eine öffentliche Verbrennung „unarabischer“ Bücher. Das Lehrmaterial sei ein „Katechismus des Hasses“ beschwerte sich eine besorgte Mitarbeiterin der britischen Botschaft bei der irakischen Regierung – ergebnislos.

Über den palästinensischen Arzt Amin Ruwayha, der später als Nazi-Spion von den Briten inhaftiert wurde, förderte die deutsche Gesandtschaft „Hilfsprojekte“ in irakischen Kliniken und nahm sich über den Präsidenten der medizinischen Fakultät, einem Bruder von Sami Shawkat, der Ärzteschaft an. Offiziell war Ruwayha Botschaftsarzt, inoffiziell arbeitete er als Mittelsmann zu jenen klandestinen Zirkeln, die illegal Waffen ins Mandatsgebiet Palästina schmuggelten und aus denen sich die spätere faschistische Regierung rekrutierte.

Die britische Vertretung in Bagdad hingegen konnte oder wollte lange Zeit diese Aktivitäten nicht wahrhaben. Noch 1938 wurde der Wunsch des irakischen Premierministers Nuri al-Sa’id zurückgewiesen, Grobba auszuweisen. Erst als es 1939 in mehreren Städten zu Unruhen kam, die in der Ermordung des britischen Konsuls Monck-Mason gipfelten, änderte sich die Wahrnehmung. Nachdem die verhafteten Organisatoren der Aufstände aussagten, ihre Flugblätter seien von deutschen Lehrern formuliert und mit Hilfe der Botschaft gedruckt worden, wurden rund ein Dutzend Deutsche, darunter auch der Archäologe Julius Jordan des Landes verwiesen. Damit war freilich nur ein kleiner Teil der deutschen Beteiligung aufgedeckt.

Die deutsche Legation, berichtete das Verbindungsbüro der Royal Airforce nun alarmiert nach London, finanziere nicht nur den Studentenbund Futuwwa, dem die Verhafteten angehörten, sondern sei finanziell stark an der arabischen Presse beteiligt und habe die Zeitung Al-Alam al-Arabi praktisch übernommen. Dort erschien seit 1938 unter anderem Hitlers „Mein Kampf“ auf Arabisch. Auf Grobbas Initiative wurden irakische Journalisten zu „Weiterbildungen“ nach Berlin eingeladen, Redaktionen wurden kostenlos mit deutschen Agenturmeldungen und „Fotographien aus dem Reich“ versorgt. 1937 hatte Grobba umgekehrt einen Besuch Baldur von Schirachs beim Studentenverband Futuwwa in Bagdad organisiert, woraufhin dieser ein Jahr später eine eigene Delegation zum Reichsparteitag der NSDAP nach Nürnberg entsandte. Daß all dies den britischen Behörden entgangen sein soll ist schwer vorstellbar. Wahrscheinlicher ist, daß diese dem Treiben so lange zusahen, wie dieses sich scheinbar nur gegen Juden richtete. Diese Haltung sollte sich bald rächen.

 

Die erste faschistische Diktatur des Nahen Ostens

Amin Al-Husseini und Rashid Ali Al-Gaylani

Im Juli 1940 dient sich ein Kreis panarabischer Offiziere den Achsenmächten als künftiger Verbündeter an. Sie erklären sich bereit, nach einer Machtübernahme mit Großbritannien zu brechen, sofern sie den Schutz der Achsenmächte genießen. Deutschland und Italien sollen zuvor eine Verpflichtungserklärung unterzeichnen, in der sie die nationale Unabhängigkeit arabischer Staaten anerkennen und erklären: „Deutschland und Italien anerkennen das Recht der arabischen Länder, die Frage der jüdischen Elemente, die sich in Palästina und in den anderen arabischen Ländern befinden, so zu lösen, wie es den nationalen und völkischen Interessen der Araber entspricht, und wie die Judenfrage in Deutschland gelöst worden ist.“

Während die Erklärung – mit Ausnahme des Selbstbestimmungsrechts arabischer Nationen – von Deutschland sofort akzeptiert und über Radio ausgestrahlt wird, verhindert Italien den geplanten Deal in letzter Sekunde. Grobba, der seit Kriegsausbruch aus dem Irak verbannt ist, drängt dennoch weiter auf eine Unterstützung der Putschisten. Ein erfolgreicher Militärstreich, so seine Begründung, würde die strategisch wichtige Nachschubroute britischer Soldaten unterbrechen, die vom indischen Subkontinent ans Mittelmeer verlegt wurden. Als im April 1941 der Putsch erfolgt und der irakische Faschist Rashid Ali Al-Gaylani die Anbindung seiner „Nationalen Notstandsregierung“ an die Achsenmächte propagiert, reist Grobba in eiliger Mission nach Bagdad, um die Unterstützung des neuen Regimes zu koordinieren. Als er eintrifft, befindet sich dieses bereits in arger Bedrängnis.

Während britische Landetruppen von der Hafenstadt Basra aus nach Norden vorrücken, haben die Jugendgruppen Futuwwa und al-Kata’ib al-Shabab unter Yunis al-Sabawi praktisch die Polizeigewalt übernommen und terrorisieren die Bevölkerung. Sabawi, der sich selbst zum Gouverneur mehrerer Provinzen ernennt, war zuvor Angestellter der deutschen Botschaft und übersetzte Artikel aus dem Stürmer und dem Völkischen Beobachter ins Arabische. Ende Mai verhängt er eine Ausgangssperre für Juden und kündigt deren Ermordung an.

Unter dem Eindruck des Terrors beteiligen sich in Bagdad nur wenige Menschen an den täglichen Aufmärschen unter der Führung des Muftis Al-Husseini. Schiitische Stämme im Süden, die Kurden im Norden und Teile des Militärs stehen dem Regime offen feindselig gegenüber und unterstützen die Briten. Grobba ist angesichts der Lage verzweifelt, kann aber dennoch bis Mitte Mai erwirken, daß Militärunterstützung von der deutschen Führung zugesagt wird. Als schließlich Jagdflugzeuge der Luftwaffe in Bagdad eintreffen, schießen irakische Soldaten versehentlich die erste Maschine mitsamt des deutschen Fliegeridols Major von Blomberg ab. Grobba, sollte ein deutscher Agent gegenüber US-Streitkräften später aussagen, sei ein „Idiot“ gewesen, mit der „Vision, als zweiter Lawrence von Arabien einen Aufstand anzuführen“. Er habe völlig übersehen, daß ein solcher Aufstand vorbereitet werden muss.

Die deutschen Waffen, die Grobba angefordert hat, erreichen Bagdad Anfang Juni. Gaylanis Regierung ist zu diesem Zeitpunkt bereits gestürzt. Im letzten Moment verläßt auch der deutsche Lawrence Bagdad, das bereits von britischen Truppen eingekreist ist. An Bord seiner Maschine befinden sich Gaylani und der Mufti von Jerusalem, die ihren panarabischen Kampf nunmehr von Berlin aus weiterführen. Ihre zurückgebliebenen Kampfgefährten verüben noch in der selben Nacht einen antisemitischen Pogrom, den ersten in der Geschichte des Irak. 179 irakische Juden werden ermordet, an die Tausend verletzt. In seinen Memoiren streitet Grobba später jede Verantwortung ab. Als Beleg für die „guten Beziehungen“ zwischen der deutschen Botschaft und den „gänzlich unpolitischen“ irakischen Juden führt er an, daß selbst der Rabbiner der Bagdader Gemeinde ihn konsultiert habe. Dieser hat Grobba in der Tat aufsucht. Er bat ihn vergeblich, den irakischen Freischärlern Einhalt zu gebieten.

Gaylani und der Mufti führten ihren Kampf von Berlin aus weiter, bis sie sich heillos zerstritten. Grobba stand an Gaylanis Seite und warb für seinen Schützling, bis die SS, die den Mufti bevorzugte, ihn ausschaltete und auf einen drittrangigen Posten in Italien abschob. Der Mufti intensivierte seine antisemitische Propaganda und war maßgeblich daran beteiligt war die gefürchtete SS-Legion Sandschak in Bosnien aufzustellen. Vor allem Heinrich Himmler zeigte sich gegen Ende des Krieges begeistert von den „Muselgermanen“, wie er sie nannte. Die „weltanschaulich geistige Erziehung“ der Division wurde eng mit dem Mufti koordiniert, der inzwischen auch ein islamisches Institut in Erfurt eingeweiht hatte. „Der Nationalsozialismus soll als völkisch bedingte deutsche Weltanschauung und der Islam als völkisch bedingte arabische Weltanschauung unter Herausstellung der gemeinsamen Feinde (Judentum, Anglo-Amerikanismus, Kommunismus, Freimaurerei) gelehrt werden.“

Im gleichen Jahr 1943 veröffentlichte in Damaskus die Baathpartei ihr erstes Manifest. Sie berief sich dabei explizit auf die Helden von 1941. Seit der ba’thistischen Machtergreifung von 1967 wird folgerichtig Gaylani in irakischen Schulbüchern als antiimperialistischer Held gefeiert, dessen Mission die Baathpartei zu Ende geführt habe.  Und erst die tatkräftige deutsche Unterstützung verhalf jenem Antisemitismus im Irak zum Durchbruch, der so grundlegend wurde für Ideologie und den Terror des Ba’thismus. Denn auch wenn der Mufti von Jerusalem mit seinen Versuchen eine arabisch-deutsche Kriegsachse zu bilden, scheiterte, so lebte in der Ba’th diese Idee weiter. Der britische Orientalist Bernhard Lewis konnte den Ba’thismus deshalb zu Recht auch als Klon des europäischen Faschismus und Nationalsozialismus bezeichnen.

 

Verwendete Literatur:

Klaus Gensicke: Der Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, und die Nationalsozialisten, Frankfurt am Main 1988.

Fritz Grobba: Männer und Mächte im Orient, Göttingen 1967

Fritz Grobba: Irak – Kleine Auslandskunde, Berlin 1941

Werner Otto von Hentig: Der Nahe Osten rückt näher, Leipzig 1940

Peter Hopkirk: Östlich von Konstantinopel. Kaiser Wilhelms Heiliger Krieg um die Macht im Orient, Wien/München 1996

Rashid Khalidi/Lisa Anderson/Muhammad Muslih/Reeva S. Simon: The Origins of Arab Nationalism, New York 1991

Dagobert von Mikusch: Wassmuss. Der deutsche Lawrence, Berlin 1937

Bernard Lewis: Saddam’s Regime is a European Import, in: National Post v. 9. 4. 2003

Rudolf Rahn: Ruheloses Leben, Düsseldorf 1949

Reeva S. Simon, Iraq between the Two World Wars. The Creation and Implementation of a Nationalist Ideology, New York 1986

Heinz Tillmann: Deutschlands Araberpolitik im Zweiten Weltkrieg, Berlin (Ost) 1965

Anton Zischka: Ölkrieg, Berlin 1936

 

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