Der Ehrbegriff unterdrückt Mädchen und Frauen

„Gerüchte spielen in diesen traditionell patriarchalisch orientierten Kreisen eine sehr große Rolle. Sie reichen bereits aus, um ungeheuren sozialen Druck aufzubauen“, sagt Döndü Dede. Ein Gerücht kann lauten: ‚He, Mustafa, deine Tochter benimmt sich wie eine Hure. Sieh nur, wie sie rumläuft! Wie viel Schande soll sie noch bringen? Hast du keine Kontrolle mehr?‘ Schande? Das Mädchen macht wahrscheinlich nur, was Andere in seinem Alter machen. Es will leben, es will gefallen. Das Normale aber kann das Leben kosten. (…) Das Verständnis von Ehre, das uns als Wertvorstellung befremdet, wird im Türkischen, um nur ein Beispiel zu nennen, mit dem Begriff ‚Namus‘ erfasst. Diese Ehre ist gekoppelt an das Sexualverhalten der Frauen, an Begriffe wie Keuschheit, Reinheit und Zurückhaltung vor der Ehe, Treue in der Ehe.

Dieser Ehrbegriff ummantelt eine Doppelmoral: Der Mann darf vor der Ehe sexuelle Erfahrungen sammeln, zumeist mit nicht muslimischen Frauen. Die Frau verletzt, wenn sie es tut, die Ehre. Bei diesem Verständnis von Ehre spielt die Untreue des Mannes in der Regel keine Rolle. [Die türkischstämmige Polizeibeamtin] Dede verweist auf ein türkisches Sprichwort: Der Mann wasche sich, und dann sei alles wieder in Ordnung. Bei der Frau gehe der Schmutz nicht weg. ‚Wir müssen diese Denkmuster und die verinnerlichten Machtstrukturen aufbrechen und das das Thema noch stärker in die Öffentlichkeit bringen. Wir müssen noch mehr aufklären‘, fordert Dede. Jetzt noch umso mehr, da hunderttausende Flüchtlinge Zuflucht suchen. ‚Sie bringen ja ihre Kultur und die Traditionen ihrer Herkunftsländer mit.‘ Das ist kein Problem, so lange es im Einklang mit den verbindlichen Regeln unserer Gesellschaft steht. Aufklärung sei auch Hilfe für jene, die sich lösen von Ehre als Gewaltlegitimation. ‚Viele junge Männer wollen das, sie wissen, dass es nicht richtig ist. Sie werden aber von Älteren unter Druck gesetzt: ‚Willst du der Verräter deiner Familie sein?‘“ (Wolfgang Degen: „Wenn die Ehre über allem steht: Sozialer Druck führt oft zu verhängnisvollen Kettenreaktionen und Verbrechen“)

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