Mena-Exklusiv

Die Gefährdung der französischen Republik

Gastbeitrag von Karl Pfeifer

Am 19. März 2012 ermordete Mohamed Merah jüdische Grundschulkinder und ihren Lehrer in der Ozar-Hatora Schule in Toulouse. Seitdem ist Frankreich mit massivem islamistischem Terror konfrontiert. Die Familie von Merah wanderte aus Algerien ein und bei seiner Radikalisierung spielte eine Rolle, dass sein Vater wegen Drogenhandels aus Frankreich ausgewiesen wurde. Er wuchs in einem antifranzösischen Umfeld auf. Dazu kamen Kleinkriminalität sowie Reisen nach Pakistan und Afghanistan. Seine barbarische Tat verteidigte Merah mit dem Hinweis auf „Massakern an palästinensischen Kindern“. Mit derartigem antisemitischem „Antizionismus“ wurde bislang jeder Judenmord von Islamisten und ihren linken und rechtsextremen Weggefährten gerechtfertigt.

Die Beschuldigung, die Israelis würden einen „Genozid“ gegen Palästinenser betreiben, bedeutet, diesem Wort den Sinn zu nehmen. Die Islamisten, die in den Straßen Europas „Wir alle sind Palästinenser“ skandierenden, und ihre linken Verbündeten interessieren sich nicht für die Massenmorde, die Araber an Arabern und Muslime an Muslimen begehen. Den florierenden Staat der Juden, die als Volk des Buches schutzbefohlene Dhimmis sein sollten, erklären sich die Islamisten als Ergebnis einer „Weltverschwörung“. Ihr Judenhass wird so zum Muster für eine Welterklärung.

Der Muslimbruder (siehe hier, hier und hier) Tariq Ramadan publizierte bereits am 22. März 2012 einen Artikel unter dem Titel „Die Lehren aus Toulouse“, in dem er die französische Gesellschaft als „rassistisch“ denunzierte. Er behauptete, das „System der Ausgrenzung“ und „Diskriminierung“ hätten Mohamed Merah, „diesen frustrierten französischen Staatsbürger, der keinen Platz gefunden hatte in Würde und sinnvoll zu leben“ verleitet. Der „arme Junge“ hatte ein goldenes Herz, aber er wurde von der französischen Gesellschaft „vom Weg gebracht“ durch die französische Armee, die ihn nicht wollte. Seine Nachbarn lobten ihn als „ruhig“ und hilfsbereit. Er liebte die Mädchen, die Autos und die Nachtklubs, wie viele andere aus seinem Milieu. Er war arbeitslos und erhielt alle Zulagen, so dass er einen BMW fahren konnte. Laut Ramadan, hatte der arme Merah nichts übrig für „die Werte des Islam“ und war nicht geleitet von „rassistischen oder antisemitischen Gedanken“. Jüdische Kinder zu töten war für den „Verzweifelten“ eine „verzweifelte Aktion“. Dies ist ein Axiom der palästinensischen Propaganda, die jeden noch so barbarischen Akt des Terrorismus als einen Akt der Verzweiflung hinstellt.

Doch wie kam es, dass Merah während seines von ihm gefilmten Mordes „Allahu Akhbar“ rief? Sicherlich weil er sich „auf dem Pfad Allahs“ sah, dem Weg des Dschihads gegen „die Kreuzfahrer und die Juden“. In Frankreich kommt wie das Amen im Gebet nach jeder terroristischen Aktion die rituelle Beschwörung, das alles hätte nichts mit dem Islam zu tun. Doch wenn „Allahu Akhbar!“ gerufen wird, oder „Der Prophet Mohammed wurde gerächt“. wie das die Brüder Kouachi nach dem Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo getan haben, dann kann man nicht leugnen, dass die Täter sich damit auf den Islam beziehen. Und man kann auch nicht behaupten, dass der dschihadistische Geist dem Islam fremd wäre. Man kann nicht dementieren, dass den Journalisten von Charlie Hebdo „Blasphemie“ und „Islamophobie“ vorgeworfen wurde. Die beiden Brüder riefen am Tatort „Allahu Akhbar“ und „Ihr werdet bezahlen, denn Ihr habt den Propheten beleidigt“. Sigolene Vinson wurde die Maschinenpistole an die Schläfe gesetzt mit den Worten „Dich werden wir nicht töten, denn man tötet keine Frauen, aber Du wirst den Koran lesen.“ Doch die Jüdin Elsa Cayat, eine Psychoanalytikerin, sowie zehn andere in der Redaktion anwesende Personen wurden ermordet.

Im „rassistischen“ Frankreich gibt es seit den 70er Jahren eine Kultur der Entschuldigung, es wird über ein „islamophobes Klima“ geschwafelt in einem Land, in dem Intellektuelle und Journalisten wetteifern, wer öfter von der „Religion des Friedens“ oder „Der Religion der Liebe und des Friedens“ schreibt. Nachdem ein 80jähriger katholischer Priester am 26. Juni 2015 in einer französischen Kirche enthauptet worden, machten sich der antisemitische und den Holocaust leugnenden Komiker Dieudonné und der mit ihm zusammenarbeitende Essayist und Schaupieler Alain Soral über das durch diesen Mord hervorgerufene Entsetzen lustig. Am selben Tag enthauptete Yassin Salhi seinen Chef am Arbeitsplatz angeblich wegen eines banalen Arbeitskonflikts, und die Schönredner versuchten, dies mit den psychologischen Problemen des Täters zu erklären. Salhi hatte den abgeschlagenen Kopf seiners Arbeitgebers zwischen zwei islamistischen Parolen aufgehängt und das Foto einer Kontaktperson in Syrien geschickt.

 

Die Leugnung …

Bereits 2002 erschien in Paris das Buch „Die verlorenen Gebiete der Republik“ (Les territoires perdus de la République), in dem ein aggressiver Antisemitismus an den öffentlichen Schulen dokumentiert wurde. Es gab kein nennenswertes öffentliches Echo und auch nach der zweiten Auflage 2004 reagierten die französischen Medien kaum. Im Vorwort lieferte der Historiker George Bensoussan, damals unter dem Pseudonym Emmanuel Brenner, auf 92 Seiten den detaillierten Nachweis, was alles in französischen Schulen vor sich gehen konnte. Im Frühjahr 2015 erschien die dritte Auflage und wieder erhielt das Buch nur geringe Aufmerksamkeit. Zwar wurde der Titel des Buches von Medien und Politikern benützt, um aufzuzeigen, wie mit den Werten der französischen Republik umgegangen wird, doch auf den Inhalt es Buches ist das offizielle Frankreich nicht eingegangen. Diese Auflage wurde nach den Pariser Attentaten im Januar 2015 redigiert und Georges Bensoussan schrieb ein Nachwort, in dem er anmerkte, dass die Brüder Kouachi, die den Mord an den Mitarbeitern von Charlie Hebdo verübten und Ahmed Coulibaly, der im koscheren Supermarkt Hyper Cacher mordete, gerade 2002 in französischen Schulen sozialisiert wurden.

Diese Atmosphäre des Verschweigens und der Realitätsverleugnung durch die französische Elite ermöglichte eine Welle von Verbrechen. „Als das Buch erschien, gab es ein langes Schweigen der Medien und auch der Politik. Ein Schweigen, das aus der Linken kam, woher auch wir kamen“, schrieb Bensoussan: „Wir stießen auf diese Weigerung, der französischen Gesellschaft zuzuhören. Wir wurden als ‚Rassisten‘ und als ‚islamophob‘ abqualifiziert.“
2003 denunzierte Dominique Vidal in der linken Le Monde diplomatique dieses „schizophrene Buch“ – und das zu einer Zeit als junge Juden in den öffentlichen Schulen rund um Paris psychischen und physischen Aggressionen ausgesetzt waren.

Dieser „neue“ Antisemitismus in Frankreich ist mit einer schweren historischen Hypothek belastet, denn ein großer Teil der französischen Bevölkerung hatte 1940/41 kein Problem als die ersten antisemitischen Maßnahmen von der Regierung in Vichy getroffen wurden. Als die Universitäten auf Grund der Gesetze von Vichy 140 Professoren jüdischer Abstammung entließen, haben die Universitäten geschwiegen. Bensoussan zeigt auch Beispiele antisemitischer Aggression an französischen Universitäten der Gegenwart auf. An der Universität Paris-VIII (Saint-Denis) sah sich eine jüdische Lehrbeauftragte am Ende eines Semesters von zwei Studenten maghrebinischen Ursprungs konfrontiert, die ihr mitteilten, dass sie ihre Arbeiten „nicht durch eine Jüdin korrigieren lassen“ wollen. Bensoussan beanstandete auch, dass an der Universität Paris-X (Nanterre), die vom französischen Steuerzahler erhalten wird, eine Konferenz über die Schoah nicht abgehalten werden konnte.

Nach dem Mord an vier Juden im koscheren Supermarkt behauptete Dominique Vidal in Le Monde diplomatique (Februar 2015), es handle sich lediglich um ein „kurzes Aufflackern“. Der Titel seines Artikels: „Ein heftiger, doch marginaler Antisemitismus“ hatte es in sich. Vidal nahm wahr, dass seit 2006 in Frankreich neun Juden ermordet worden waren. Allerdings zählte er die Opfer des jungen Franzosen Mehdi Nemmouche nicht mit dazu, der im jüdischen Museum in Brüssel im Mai 2014 vier Menschen ermordet hatte. Zwar erkannte Vidal auch an, dass die Zahl der antisemitische Ausschreitungen zunimmt, doch er verharmloste und war sich sicher: „Der Antisemitismus als Geisteshaltung ist nicht sehr verbreitet.“ Im Übrigen resümierte er, wird dieser nur „empfunden“.

In der gleichen Woche, am 6. Februar 2015, veröffentlichte der Philosophielehrer Sofiane Zitouni in der Tageszeitung Liberation den Artikel „Weshalb ich an der Mittelschule Averroès gekündigt habe“. Zitouni hatte bereits am 15. Januar 2015 einen Artikel in Liberation unter dem Titel „Der Prophet ist auch Charlie“ publiziert. Deswegen wurde er gemobbt, was ihn bewog, diese staatlich subventionierte muslimische Schule zu verlassen. Zitouni erklärte:

„Zuallererst das immer wiederkehrende und zwanghafte Thema, die Juden… In meiner mehr als zwanzig Jahre dauernden Karriere im schulischen Milieu habe ich nie zuvor so viele antisemitische Aussprüche aus dem Mund von Schülern gehört wie in dieser Mittelschule! Eine Schülerin wagte es, eines Tages zu behaupten, dass ‚die jüdische Rasse eine von Allah verfluchte Rasse ist! Viele islamische Wissenschaftler sagen das!‘ Dieser fast ‚kulturelle‘ Antisemitismus einer Anzahl der Averroès-Schüler hat sich selbst dann manifestiert, als ich einen Kurs über den Philosophen Spinoza gab: Einer von den Schülern hat mich unumwunden gefragt, weshalb ich in meiner Einleitung nicht präzisiert habe, dass dieser Philosoph Jude war. Implizit hat man verstanden, dass das Wort ‚Jude‘ für ihn ein Problem bedeutete.“

… des aggressiven Antisemitismus

Von vielen Linken wird nur der Antisemitismus wahrgenommen, der von Neonazis oder Rechtsextremisten kommt; und wer es wagt, auf den Antisemitismus hinzuweisen, den es in linken und islamischen Kreisen gibt, dem wird vorgeworfen, die Geschäfte von Marine le Pen zu betreiben. Tagtäglich wird die arabische Welt im Fernsehen antisemitisch bearbeitet, und diese Sendungen werden auch in Europa konsumiert. Doch nur wenige kennen diese Realität und noch weniger Menschen sind bereit, sie zur Kenntnis zu nehmen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Das schlechte Gewissen, das mit der Kolonialgeschichte und dem Krieg in Algerien zu tun hat. Oder auch die bewusst hingenommene Blindheit, was die neuen kulturellen und sozialen Realitäten in Frankreich betrifft.

Bensoussan schreibt, dass man sehr schnell feststellen konte, dass zahlreiche Leiter von Schulen bevorzugten, sich zu arrangieren, „um keine Unannehmlichkeiten“ zu haben. Sie waren besorgt um den Ruf ihrer Institutionen, aber auch um ihre Karriere und ihre Beförderung. Viele haben die Vorfälle dem Unterrichtsministerium nicht gemeldet. Als im Mai 1990 ein jüdischer Friedhof in Carpentras geschändet wurde, gingen Massen von Franzosen auf die Straße. Doch das sollte sich ändern. Mona Ozouf wies am 24. Januar 2015 auf „die schrecklichen Gewissensbisse“ hin, während der Affäre Merah (März 2012) nicht demonstriert zu haben. Als man darüber hinwegging, dass die Schweigeminute – die vom Unterrichtsministerium nach dem Mord in der jüdischen Schule in Toulouse und dem Mord an französischen Soldaten in Montauban angeordnet wurde – in vielen Schulen nicht gehalten werden konnte, weil Schüler aus muslimisch-migrantischen Milieu dies verhinderten. Zwei Jahre später, als Mehdi Nemmouche im Mai 2014 vier Menschen ermordete, gab es ebenfalls keine Demonstrationen. Der Judenmord in Frankreich hat die französische Gesellschaft kaltgelassen. Erst als die Mitarbeiter von Charlie Hebdo im Januar 2015 ermordet wurden, kam es zu beeindruckenden Demonstrationen in Frankreich. Dies sind nicht alle antisemitischen Angriffe und Morde, die zu keinen Solidaritätskundgebungen geführt haben.

Der Antisemitismus eint. So verbünden sich extrem Rechte (z.B. Alain Soral) mit Antisemiten aus dem muslimisch-migrantischen Milieu und schwarzen Identitären wie Dieudonné. Der Antisemitismus blüht in den verlorenen Gebieten Frankreichs, während es an politischer Courage mangelt und man die antisemitische Aggressionen noch immer als „Gewalt zwischen Gemeinschaften“ maskiert. Die französische Menschenrechtskommission (CNCDH) stellte 2013 50 antimuslimische Aktionen fest. Gegen Juden gab es im gleichen Jahr 423 Aktionen, dabei gibt es zehnmal mehr Muslime als Juden in Frankreich. Wer geglaubt hatte, nach dem Mord an jüdischen Kindern in Toulouse würde der Antisemitismus zurückgehen, der irrte: In der Zeit zwischen dem 19. März und dem 30. April 2012 kam es zu 140 antijüdischen Angriffen. Abdelghani Merah, der Bruder des Mörders, brachte es auf den Punkt, als er vom „kulturellen Antisemitismus, dem banalisierten Judenhass“ sprach, den er in seiner Jugend in seiner Familie erfuhr.

An französischen Schulen wurden Tafeln angebracht, auf denen an die aus der Schule ausgeschlossenen jüdischen Schüler erinnert wird, die oft noch von französischen Polizisten eingefangen wurden, um sie in die Vernichtungslager zu deportieren. Gleichzeitig empfehlen die Direktoren dieser Schulen jüdischen Eltern, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen. 12 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe der „Verlorenen Territorien der Republik“, ist der Auszug jüdischer Schüler aus den öffentlichen Schulen massive Tatsache. Sie gehen in private oder katholische Schulen. Einzelne jüdische Kinder, deren Namen nicht zu jüdisch klingen, sind in den öffentlichen Schulen geblieben. In der Zeit von 2000 bis 2012 sind fast 30.000 Juden nach Israel ausgewandert, und 2014 gab es zum ersten Mal mehr jüdische Einwanderer aus Frankreich als sonst irgendwann nach 1948. Dazu kommt noch die Auswanderung nch Großbritannien, die USA, Kanada, Australien und Neuseeland. Hauptsächlich wandern junge Akademiker und religiöse Juden aus.

Der Gaza-Konflikt im Sommer 2014 provozierte einen beispiellosen Hassausbruch in den sozialen Medien. Die Gesellschaft Concileo, welche die Kommentare der Tageszeitungen Figaro und Libération überwacht, gibt zu, 25 bis 40 % der Kommentare blockieren zu müssen. Der Leiter dieser Gesellschaft erklärte: „Vom dem Moment an, von dem über Israel gesprochen wird, kristallisieren sich die Leidenschaften. Nach einem Artikel kommen 20.000 oder 30.000 Kommentare, von denen wir lediglich 5 bis 10 % zulassen.“ Im Gebiet Île-de-France (rund um Paris) wurden am 12. und 13. Juli 2014 drei Synagogen von pro-palästinensischen Demonstranten angegriffen, die sich unter der Fahne des Dschihads versammelt hatten und „Tod den Juden“ riefen, wobei sie versuchten, in die Gebäude zu gelangen. Sie waren mit Baseballschlägern und manche auch mit Metallstangen bewaffnet und wurden von der Polizei und den jüdischen Sicherheitsleuten zurückgedrängt. Laut Aussagen von jüdischen und nichtjüdischen Zeugen handelte es sich um einen „versuchten Pogrom“ in und um Paris. Am Abend dieser Ereignisse sowie am Tag danach berichtet die französische Presse fast nichts darüber. Es wurde über „Zwischenfälle am Ende einer Demonstration“ geschrieben, während  ausländische Medien ausführlich über die Ausschreitungen berichteten.

Der Konflikt zwischen Israel und Arabern führt in Frankreich zu einer Situation, die derart gewalttätige Demonstrationen auslösen kann, während das Massenabschlachten von Arabern durch Araber keinen Menschen interessiert. Nur Gaza konnte im Sommer 2014 Massen mobilisieren. Und das zu einer Zeit, als Syrien blutete und brannte und man damals dort bereits 175.000 Tote zählte.

Bensoussan fragte: „Warum wurden die Rowdies und die Aufrührer des Sommers 2014 nicht beim Namen genannt? Warum täuschte man vor, diese gewalttätigen Demonstrationen hätten nichts mit einer Gemeinschaft zu tun, während alle Filmberichte das Gegenteil zeigten? Warum befanden wir uns in einer Welt wie Orwell sie darstellte, in der schwarz als weiß und der Krieg als Frieden dargestellt wurde?“. Heute regiert die Verachtung im Namen des Guten, denn es ist Verachtung, wenn man sich weigert, die Wut und den Schmerz derjenigen anzuhören, die nicht von dieser Gewalt geschützt werden. Unter den Augen der Ideologen wurde aus Antisemitismus die „Unruhe zwischen Gemeinschaften“. Intellektuelle, Politiker und Medien haben die Realität verschwiegen und Frankreich hat deswegen nicht nur „Gebiete“ verloren, sondern auch jüdische Staatsbürger.

Der unermüdliche Aufklärer Georges Bensoussan hat 2017 eine 665 Seiten umfassende Dokumentation über das unterworfene Frankreich herausgegeben. Die Lage an französischen Schulen hat sich weiter verschlechtert. Doch in diesem Sammelband wird auch über islamistische Umtriebe in öffentlichen und privaten Spitälern berichtet. Es kommen Polizeibeamte, Sozialarbeiter, Funktionäre der lokalen Verwaltungen und Bürgermeister zu Wort, die den Einwohnern zu helfen versuchen. Die Bilanz ist erschreckend, die Vorgesetzen in der Hierarchie versuchen, allem mit Schweigen zu begegnen, und was noch schlimmer ist, sie beschuldigen die Aufdecker, sie würden die Konflikte, die sie aufdecken, selbst verursachen.

Nachdem der Historiker und Direktor des Pariser Shoa-Zentrums Bensoussan in einem Radiogespräch den weitverbreiteten Antisemitismus in der muslimisch-migrantischen Gesellschaft thematisierte, wurde er von Gesellschaften aus dem Dunstkreis der Muslimbrüder aber auch von antirassistischen Vereinen wie Licra und MRAP geklagt, in zweiter Instanz im März 2017 jedoch freigesprochen. (Mehr darüber in der Illustrierten Neuen Welt März/April 2017.) Alle Meinungsumfragen bestätigen, der Antisemitismus in manchen Vierteln, insbesondere in Banlieues, in denen überdurchschnittlich viele Muslime leben, ist stark verbreitet. Die Vorurteile gegenüber Juden sind unter den befragten Muslimen zwei- bis dreimal mehr vertreten als im landesweiten Durchschnitt; je religiöser sie sind, desto ausgeprägter sind diese Vorurteile. All die schönen Reden der Politiker haben nichts daran geändert.

 

Gefährdung der Werte der Republik

Einer der ökonomisch und militärisch wichtigsten Staaten Europas wird von wenigen Islamisten bedroht und steht vor der Wahl, so weiterzumachen wie bisher, sich zu unterwerfen oder energische Maßnahmen gegen die Verbreitung des Dschihadismus zu ergreifen. Das erste schlug Farhad Khosrokhavar – Soziologe an der Ecole des hautes études en Sciences Sociales (EHESS) und Autor des 2014 publizierten Buches Radicalisation – in der New York Times vor. Er griff das universalistische Ideal und den Säkularismus der französischen Republik an, die seiner Meinung nach die Schuld an den vielen Anschlägen in Frankreich tragen; er schlug vor, in Frankreich die Multikultur einzuführen. Khosrokhavar sprach von einem ausgesprochenen „Verdacht gegenüber jeder Religion“, die „eine streng private Sache“ sei, und beanstandete, dass die „Vollverschleierung und das kollektive Beten im öffentlichen Raum“ nicht gestattet sind. Er meint, „viele Ausländer und ihre Nachkommenschaft fühlen sich in ihrer arabischen und muslimischen Identität beleidigt“.

„Der unbeugsame Säkularismus scheint ihnen die Würde zu verweigern“, behauptete Khosrokhavar. Doch die Behauptung, seine Vorstellung von Multikultur würde Frankreich sicher machen, wurde gerade ab Ende Juli 2016 durch islamistische Anschläge in Deutschland ad absurdum geführt. Wenn aber der französische Säkularismus zur Zielscheibe der Islamisten wurde, dann weil gerade er den Vormarsch des Islamismus verhindern könnte, weil er alle Bürger gegen religiösen oder kulturellen Gruppendruck und Gruppenzwang schützen soll. Heute haben in einigen Gebieten Frankreichs die Islamisten das Sagen. Es wird zugelassen wird, dass im öffentlichen Raum die Muslime aufgerufen werden, „ihren Ursprung zu akzeptieren“, wobei die Prediger klar machen, dass man die Prinzipien der Republik ebenso ablehnen soll wie die Emanzipation, die Gleichheit zwischen Frau und Mann und den Säkularismus. Damit zeigen sie den Machthabern ihre Muskeln, denn ihr Diskurs wird vom Staat und den Lokalpolitikern, die dazu schweigen, legitimiert. So wird die Demokratie untergraben.

Es gibt in Frankreich keinerlei Einschränkung der philosophischen oder religiösen Überzeugung, solange nicht die Freiheit und die Rechte anderer verletzt werden. Laut Khosrokhavar ist „die nationale Identität Frankreichs“ problematisch, denn sie sei die Ursache des „Unbehagens der Jungen“ die hauptsächlich aus Nordafrika kommen, einer Region, „die in Schmerzen und Demütigung entkolonialisiert wurde“. Das ist natürlich ein Lieblingsthema aller Islamisten, die nach fünf bis sechs Jahrzehnten versuchen, vergessen zu machen, dass Frankreich eben den Kindern der früher Kolonisierten die Gleichheit gibt. Wenn es wirklich um die koloniale Vergangenheit Frankreichs ginge, dann müssten ja die vielen Vietnamesen, die in Frankreich leben die gleichen Probleme haben, doch davon kann keine Rede sein.

Khosrokhavar erklärt wider besseres Wissen, dass es allein in Frankreich „das Phänomen der Vororte in derartigem Ausmaß“ gebe und dass in Großbritannien die Lage wegen der Multikultur besser sei als in „einer mono-kulturellen“ Gesellschaft. Doch in England, wo mit Zustimmung von Richtern Sharia-Gerichte – ohne körperliche Züchtigung versteht sich – eingerichtet wurden, werden die Prinzipien des Patriarchats, die juristische Benachteiligung der Frau bis zur Zwangsehe, die einer legalisierten Vergewaltigung entspricht, legitimiert. Trotzdem blieb auch das multikulturelle Vereinigte Königreich nicht vom islamistischen Terror verschont. Khosrokhavar geht nicht darauf ein, dass es sowohl in England als auch in Deutschland junge Islamisten gibt, die sich als „Sharia Polizei“ ausgeben und es ganze „Zonen unter der Aufsicht der Scharia“ gibt.

Mit dem Argument, man würde das Geschäft des Front National besorgen, wenn man den Islamismus bekämpft, glaubt man, das Problem Islamismus verleugnen zu können. Als schwerstes Geschütz wird schließlich der Vorwurf der „Islamophobie“ ins Spiel gebracht, der hauptsächlich – aber nicht ausschließlich – von den Islamisten erhoben wird, um jede Kritik an ihren Aktionen verstummen zu lassen.

In Frankreich hat es nach 1968 eine breite ultralinke Bewegung für die Dritte Welt gegeben, die gescheitert ist. Das klassische „Proletariat“ ist den linken Parteien verloren gegangen, deswegen fehlt dieser Bewegung seit den 90er Jahren eine Massenbasis. Einige ihrer Anführer fanden den Ausweg, in dem sie sich vor die verschiedenen Gruppen von „Opfern“ und „Ausgegrenzten“ stellten, also vor die „Einwanderer“ und später vor die „Muslime“. So ist eine neo-antirassistische Bewegung entstanden, deren Hauptaktivität die Verurteilung der „Islamophobie“ ist, ein schwammiger Begriff, der nur die Islamisten schützt, nicht aber diejenigen, die wirkliche Diskriminierung erleiden. Und deswegen integriert auch der Dunstkreis der Muslimbrüder die pseudolinken Schlagwörter in seine Rhetorik. Und weil Islamisten und Ultralinke die gleichen Feindbilder haben, gelingt es ihnen oft, eine gemeinsame Front mit Schlagwörtern gegen den Rassismus zu bilden. Kein Wunder, wenn ein großer Teil der französischen Bevölkerung Angst davor hat, Frankreich könnte zu einem Libanon werden. Sogar Francois Hollande erklärte 2016: „Wie kann man die Teilung verhindern? Denn das ist sowieso bereits im Gang zu geschehen: die Teilung.“

Islamisten und ihre Verbündeten sind von der Idee besessen, dass Frankreich rassistisch sei. Doch im letzten Bericht über den Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Xenophobie, den die beratende Kommission für Menschenrechte für das Jahr 2015 erstellte, wurde festgestellt, dass Frankreich noch nie so tolerant gegenüber Ausländern war, wie heute. Laut einem jüngsten Bericht des Pew Research Center, haben nur 29% der Franzosen eine zweifelnde Haltung gegenüber Muslimen, was der niedrigste Prozentsatz in der EU ist. Die negativen Meinungen beziehen sich hauptsächlich auf die Selbstisolation der Muslime. Die französische Bevölkerung ist gewohnt, sich zu vermischen, denn sie hat Vertrauen in ihr Modell der Integration, aber sie lehnt prinzipiell ab, dass eine Minderheit ihren Lebensstil und ihre Freiheit gefährdet.

Die Anerkennung einer gewissen Verschiedenheit impliziert nicht den Multikulturalismus oder was die Franzosen den communautarisme nennen. Dieser versucht, Frankreich eine andere Außenpolitik aufzuzwingen, damit es seine Truppen aus Libyen, Syrien und Mali zurückzieht. Er versucht, davon abzulenken, weshalb sich die französischen Soldaten dort befinden: nicht aus Feindschaft gegenüber einer Religion, sondern um zu verhindern, dass Barbaren dort der muslimischen Bevölkerung ihren Willen aufzwingen – und Köpfe abschlagen, weil jemand ein Gebot nicht gehalten hat.

Letztendlich werden grundlegende Prinzipien der Republik gefährdet, weil man sie nicht schützt. Viele Bürger sehen sich von den Politikern, die sie vertreten sollten, verlassen. Es breitet sich eine „kulturelle Unsicherheit“ aus, ein Teil der Franzosen sieht seine Lebensgestaltung gefährdet und unterstützt deswegen den Front National (FN), der allerdings genauso wenig übrig hat für Werte der Republik, wie die Islamisten.

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