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Marokko: Erste Frau als Schiedsrichterin in Pokal-Endspiel

Die marokkanische Schiedsrichterin Bouchra Karboubi
Die marokkanische Schiedsrichterin Bouchra Karboubi (Quelle: Arabian Records)

In der noch immer stark patriarchischen Welt des Nahen Ostens hat sich in Marokko eine 34-jährige Frau als Fußball-Schiedsrichterin bei von Männern ausgetragenen Spielen etabliert.

Zum allerersten Mal in der Geschichte Marokkos und der gesamten arabischen Welt wurde ein Fußballmatch von einer Frau als Schiedsrichterin geleitet. Die 34-jährige Bouchra Karboubi ist von Beruf Polizistin und in ihrer Freizeit leidenschaftliche Schiedsrichterin am grünen Rasen. Vergangenen Samstag pfiff sie im Stadion von Agadir das Fußballpokalendspiel zwischen dem AS FAR, dem Verein der marokkanischen Streitkräfte, und der Mannschaft von Maghreb Atletico de Tetouan.

Diese sensationelle Premiere wurde in Marokko »als Sieg begrüßt und hat wesentlich mehr Aufsehen erregt als die Soldaten, die den prestigeträchtigen Thronpokal mit drei zu null Toren gewannen«, berichtet die französische Tageszeitung Le Monde, die auch etliche Kommentare von marokkanischen Nutzern der sozialen Medien zitierten, die etwa lauten:

  • »Ein Riesenschritt im Marathon der marokkanischen Frauenrechte.»
  • «Kleine Schritte, aber wir machen Fortschritte!«
  • »Ein Tag wird kommen, an dem wir kein Bravo mehr sagen müssen, denn der Fortschritt von heute wird morgen der Normalfall sein.«

Zu Bouchra Karboubis Leistung als Schiedsrichterin auf dem Feld schrieb ein Nutzer:

»Sie war nie eingeschüchtert von den Spielern beider Teams und ihren jeweiligen Trainern. Besser noch, sie rief die Foul spielenden Spieler zur Ordnung und zeigte notfalls die rote und die gelbe Karte, ohne Übertreibung und ohne Selbstgefälligkeit.«

Karboubi stammt aus der Großstadt Taza im Nordosten des Landes, 120 Kilometer östlich von Fez, und ist das jüngste von fünf Geschwistern. Als Teenagerin habe sie mit Freunden auf improvisierten Plätzen gespielt, erzählte sie einmal einem Reporter der französischen Zeitung Ouest France. 2001 eröffnete in Taza eine Schiedsrichterschule für Männer und Frauen. Es wurden Fußballerinnen gesucht, die Lust hatten, Schiedsrichterinnen zu werden. Damals gab es in Marokko noch kein Frauenfußballmeisterschaft.

»Ich habe das Fußballspielen geliebt, aber ich habe mir gesagt: Warum nicht? Dadurch muss ich meine Leidenschaft nicht aufgeben, und ich konnte die Spielregeln lernen.«

Doch ihre Entscheidung wurde nicht von allen akzeptiert.

»Was habe ich von meinen Brüdern einstecken müssen! Sie ließen mich nicht aufs Feld. Für sie war Fußball ein Männersport, zu dem Beleidigungen dazugehörten.«

Als Mädchen kurze Hosen anzuziehen, sei Hchouma gewesen. Der Begriff bedeutet Schande oder auch Tabu. Ihre Mutter und ein Nachbar hätten sie vor den Vorwürfen ihrer Brüder in Schutz genommen, sagt sie. Sie erinnert sich:

»Einmal entdeckten meine Brüder eine Linienrichterfahne in meiner Tasche und zerrissen sie. Ich ging unter Tränen aufs Feld, mit der Nadel in der Hand, und nähte sie hastig zusammen.«

2007 zog Bouchra Karboubi in die Metropole und Universitätsstadt Meknès, wo sie Betriebswissenschaft studierte und gleichzeitig als nationale Schiedsrichterin in der zweiten Liga der Frauen arbeitete.

»Meine Familie hat verstanden, dass ich es ernst meine und ein Beruf für mich war. Eines Tages besuchte mich mein Vater beim Training in Meknès. Damals befahl er meinen Brüdern, meine Entscheidung zu respektieren.«

2014 bestand sie den Fitnesstest, der nötig ist, um Spiele der Männer pfeifen zu dürfen.

»Sobald ich ausgewählt worden war, begab ich mich in ein anderes Universum, viel strukturierter, mit einem Sporttrainer, der mir vom Verband zur Verfügung gestellt wurde.«

2016 wurde sie zur internationalen Schiedsrichterin ernannt und war im Jahr 2018 Schiedsrichterin beim Afrikanischen Nationen-Pokal (CAN) der Frauen in Ghana. 2020 pfiff sie als erste Frau ein Erstligaspiel der Profimeisterschaft der Männer in Marokko: Maghreb de Tétouan gegen Olympique de Khouribga. Le Monde berichtete:

»In der marokkanischen Presse erscheint sie als Ikone – eine Frau, die sich in einer von Männern monopolisierten Disziplin etabliert hat. Ganz allgemein ist sie ein Vorbild in einem Land, das, obwohl es die Gleichstellung der Geschlechter seit 2011 in seiner Verfassung verankert hat, immer noch vor immensen Herausforderungen steht, was die Teilhabe von Frauen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft betrifft.«

Das nächste Ziel von Bouchra Karboubi als Schiedsrichterin ist die Fußballweltmeisterschaft der Frauen 2023 in Australien und Neuseeland.

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