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Kampf um Frauenrechte im Irak: Aus Opfern werden Aktivistinnen

Beschädigte Wahlplakete einer weiblichen Kandidatin für die irakischen Parlamentswahlen
Beschädigte Wahlplakete einer weiblichen Kandidatin für die irakischen Parlamentswahlen (© Imago Images / ZUMA Wire)

Aufgrund der patriarchalen Kultur und der Verweigerungshaltung islamistischer Parteien ist die Frauenrechtslage im Irak nicht nur insgesamt schlecht, sondern es gibt noch nicht einmal ein Gesetz gegen häusliche Gewalt.

Im Irak mit seinen über 40 Millionen Einwohnern seien 2021 um die 17.000 Fälle häuslicher Gewalt bei der Familienschutzabteilung seiner Behörde gemeldet worden, erklärte der Mediensprecher des Innenministeriums, General Saad Maan, laut einem Bericht des kurdischen Nachrichtensenders Rudaw.

Die Fälle reichen von der Verheiratung Minderjähriger bzw. Kinder bis zu ökonomischen Zwängen, die gegen Frauen ausgeübt werden, wie jene wenigen Feministinnen und Anwälte erzählen, die sich dieser Schicksale annehmen und versuchen, Frauenrechte in dem überwiegend patriarchalen Land zu verteidigen bzw. zu etablieren.

Behindert wird deren Arbeit laut eigenen Aussagen hauptsächlich durch rückständige Gesetze und die Gleichgültigkeit der Behörden. Bis heute gibt es kein spezifisches Gesetz gegen Gewalt an Frauen, und das Strafgesetzbuch von 1969 beinhaltet immer noch einen Artikel, der es Vergewaltigern erlaubt, ihrer Strafe zu entkommen, wenn sie ihr Opfer heiraten.

Generell würden Richter die Konfliktparteien bei Fällen von häuslicher Gewalt auf »Versöhnung« drängen, wie der Vorsitzende der Familienschutzabteilung, Brigadier Ali Mohamed, erklärt.

Auch die Kinderehe ist laut einer Regierungsumfrage im Irak wieder auf dem Vormarsch. Für Mädchen unter 18 Jahren betrug die Quote im vergangenen Jahr 25,5 Prozent; im Vergleich zu 21,7 Prozent im Jahr 2011.

Menschenrechtsgruppen wie das Iraqi Women’s Network versuchen seit Langem, das Parlament dazu zu bringen, einen vorliegenden Gesetzesentwurf zum Thema häusliche Gewalt auch zu verabschieden, was von den islamistischen Parteien aber seit 2010 erfolgreich verhindert wird.

Einer der Hauptpunkte des Gesetzesentwurfs betrifft die Einrichtung von Frauenhäusern, in die Opfer von Gewalt fliehen können, die momentan so gut wie keine Möglichkeit haben, ihren Peinigern zu entkommen und einen sicheren Unterschlupf zu finden.

»Ich spürte, dass ich angesichts dieses Rechtssystems schwach bin«, erzählt die von Rudaw zitierte Azhar, der es gelang, sich nach Jahren harten Kampfes aus einer Zwangsehe mit einem gewalttätigen Mann zu befreien und die jetzt eine NGO führt, die Opfer häuslicher Gewalt in Rechtsfragen unterstützt.

»Ich helfe allen Frauen, die rechtliche Unterstützung als Opfer häuslicher Gewalt benötigen, damit diese Frauen sich ihrer Rechte bewusst werden und sich selbst verteidigen können.«

Bislang seien es die Frauen, die den Preis der rückständigen Gesetzeslage zahlen müssen, sagt die Vorsitzende der NGO Al-Amal, Hanaa Edwar, die seit fünfzig Jahren für Frauenrechte kämpft. Sie erklärt

»Die Erwägungen des Justizsystems in Fällen von häuslicher Gewalt oder bezüglich Frauenrechten im Allgemeinen sind viel schwächer als das patriarchale Bewusstsein der Richter.«

Viele der Frauen, die für Organisationen wie Al-Amal tätig sind, waren selbst Opfer häuslicher Gewalt und haben ihr Leben nun dem Kampf gegen dieses Phänomen verschrieben.

Eine von ihnen ist Lina aus Kirkuk im Nordirak, die mit 13 Jahren zwangsverheiratet wurde und von ihrem Vater und ihrem Mann für psychisch krank erklärt werden sollte, als sie aus der Ehe ausbrechen wollte, aus der sie sich im Alter von 25 Jahren schließlich freikämpfen konnte.

»Den Gerichtssaal als geschiedene Frau verlassen zu können, war, wie ein Gefängnis verlassen zu können.«

Nun hilft Lina mit ihrer Arbeit anderen Frauen, denen es noch immer so ergeht wie ihr früher.

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