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Dramatischer Anstieg der Femizide in Nahost

Demonstration gegen Gewalt an Frauen in Ägypten
Demonstration gegen Gewalt an Frauen in Ägypten (© Imago Images / ZUMA Wire)

Anstatt für die Opfer einzutreten und die Täter zu verurteilen, fordert ein ägyptischer geistlicher Führer Frauen auf, einen Hidschab zu tragen, um von Männern nicht umgebracht zu werden.

»Innerhalb der letzten 72 Stunden wurden in Jordanien zwei Frauen von ihren Ehemännern getötet«, meldete die englischsprachige jordanische Website Roya News letzte Woche Mittwoch. Am Sonntag, den 21. August, tötete ein Mann im Gouvernement Zarqa im Norden des Landes seine Frau mit einem Messer. Laut Zeitungen sollen nicht näher bezeichnete »Streitigkeiten« der Tat vorangegangen sein. Der Mann wurde von der Polizei festgenommen und von der Staatsanwaltschaft wegen vorsätzlichen Mordes angeklagt.

Zwei Tage später, am Dienstag, den 23. August, tötete ein Mann seine Frau, eine Patientin des Al-Bashir-Krankenhauses in der Hauptstadt Amman, indem er 30-mal mit einem scharfen Gegenstand auf sie einstach. Als Motiv wurden in der Presse auch in diesem Fall vage »Ehestreitigkeiten« genannt. Wie Roya berichtet, hielt sich die Frau im Krankenhaus auf, weil sie auf eine Operation wartete. Der Grund: Zehn Tage zuvor hatte ihr Ehemann ihr durch Schläge den Kiefer gebrochen.

Femizid bezeichnet den Mord an einer Frau aus geschlechtsspezifischen Gründen. Das Opfer wird nicht getötet, um es etwa zu berauben, sondern weil es eine Frau ist. Popularisiert wurde der Begriff von den beiden US-amerikanischen Feministinnen Diana Russell und Jill Radford. In dem von ihnen 1992 herausgegebenen Buch Femicide. The Politics of Woman Killing schreibt Radford:

»Wie Vergewaltigungen sind die meisten Morde an Frauen durch Ehemänner, Liebhaber, Väter, Bekannte und Fremde nicht das Ergebnis einer unerklärlichen Abweichung. Sie sind Femizide, die extremste Form von sexistischem Terrorismus, motiviert durch Hass, Verachtung, Vergnügen oder ein Gefühl der Eigentümerschaft über Frauen.

Zu den Femiziden zählen Verstümmelungsmorde, Vergewaltigungsmorde, Körperverletzungen, die zu Mord eskalieren, die Verbrennung von Hexen in Westeuropa und von Bräuten und Witwen in Indien sowie ›Verbrechen der Ehre‹ in einigen lateinamerikanischen und nahöstlichen Ländern, wo Frauen, von denen geglaubt wird, dass sie ihre Jungfräulichkeit verloren haben, von ihren männlichen Verwandten getötet werden. Frauenfeindliche Morde als Femizid zu bezeichnen, lüftet den Schleier über nicht geschlechtsspezifische Begriffe wie Totschlag und Mord.«

Sowohl in Jordanien als auch in Ägypten gab es in den letzten Monaten eine Serie von bekannt gewordenen Femiziden. Auffällig ist, dass mehrere dieser Morde im öffentlichen Raum verübt wurden; dass es bei einem Mordfall zahlreiche Zuschauer gibt und die Tat womöglich sogar von Zeugen mit dem Handy gefilmt wird, ist alles andere als üblich.

Jordanien, Juni 2022: Mord an Eman Ersheed (18)

Die 18-jährige Eman Ersheed wurde auf dem Gelände von Ammans renommierter Privatuniversität für angewandte Wissenschaft (ca. 8.000 Studenten) aus der Nähe erschossen. Sie hatte an der Universität Krankenpflege studiert. Der Täter, der kein Student war, wurde verhaftet. Sein Motiv ist bislang nicht bekannt.

Ägypten, Juni 2022: Mord an Nayera Ashraf (21)

Fast zur gleichen Zeit wurde in Ägypten die 21-jährige Studentin Nayera Ashraf getötet, ebenfalls auf einem Universitätsgelände. In einem Bericht auf der Website des amerikanischen Fernsehsenders CBS News heißt es:

„Das schreckliche Video des Angriffs zeigt, wie sie am Boden liegend um ihr Leben kämpft, während Umstehende versuchen zu helfen und der Angreifer sie mit seinem Messer bedroht, bevor er seinem Opfer die Kehle durchschneidet. Später stellte sich heraus, dass Ashraf einen Heiratsantrag ihres Angreifers abgelehnt hatte. Der junge Mann wurde umgehend festgehalten, schließlich festgenommen, und die ägyptische Staatsanwaltschaft klagte ihn wegen vorsätzlichen Mordes an. Bei der ersten Anhörung in dem Fall sagten die Staatsanwälte, sie hätten auf Ashrafs Telefon Nachrichten gefunden, in denen er drohte, ›ihr die Kehle durchzuschneiden‹.«

Ägypten, Juni 2022: Mord an Shaymaa Jamal (42)

In Ägypten soll ein Richter seine Frau, eine 42-jährige Fernsehmoderatorin, ermordet und ihr Gesicht mit Salpetersäure verätzt haben. Anfang Juni hatte der mutmaßliche Täter Hajaj seine Frau als vermißt gemeldet. Rund drei Wochen später meldete sich ein Augenzeuge, der gesehen haben will, wie der Richter die Frau auf einem Bauernhof getötet habe. Dort fand die Polizei tatsächlich die Leiche. Es heißt, die 42-Jährige sei die geheime Zweitfrau des mutmaßlichen Mörders gewesen und dessen erste Frau habe davon nichts gewusst.

VAE, Juni 2022: Mord an der Jordanierin Lubna Mansour (20)

Lubna Mansour, eine Jordanierin palästinensischer Herkunft, wurde in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf einem Parkplatz in der Nähe ihres Wohnsitzes in der Stadt Sharjah mit mehreren Messerstichen getötet. Ihr Ehemann wurde als Verdächtiger identifiziert und innerhalb von zwei Stunden nach dem Mord von der Polizei verhaftet. Lubna Mansour war eine Absolventin der jordanischen Universität für Wissenschaft und Technologie.

Jordanien, Juli 2022: Mord an schwangerer Frau (22)

Ein Klempner hat in Jordaniens Gouvernement Zarqa eine 22-jährige schwangere Frau getötet. Ein Polizeisprecher sagte, die Polizei habe ein Geschäft in Zarqa durchsucht, nachdem sie Informationen erhalten hatte, dass ein Mann eine Frau getötet und ihre Leiche dort versteckt habe. Der festgenommene Täter habe gestanden, die Frau aufgrund von Streitigkeiten mit einem »scharfen Werkzeug« getötet zu haben. Das saudi-arabische Medienunternehmen Al Arabiya will darüberhinaus von einer anonymen Quelle aus dem Sicherheitsapparat erfahren haben, dass der Täter die Leiche der Frau in einem »Müllsack« verpackt und mit »Chemikalien« überschüttet habe, um sich der Leiche zu entledigen.

»Laut der Quelle schlug der Täter der Frau mehrfach mit einem Hammer auf den Kopf, brach ihr dabei den Schädel und fügte ihr schwere Hirnverletzungen zu. Die Frau sei auch mehr als zwanzig Mal in die Brust gestochen worden, sagte die Quelle und fügte hinzu, Stiche in Lunge und Herz hätten zu schwerem Blutverlust geführt.«

Ägypten, August 2022: Mord an Salma Bahgat (20)

Die 20-jährige Salma Bahgat wurde am Morgen des 9. August 2022 vor einem Gerichtsgebäude in der Stadt Zagazig erstochen. Der 22-jährige mutmaßliche Täter befindet sich in Untersuchungshaft. Berichten zufolge soll er Bahgat mit 17 Messerstichen ermordet haben, nachdem sie sich entschieden hatte, ihre Beziehung zu beenden. Beim Polizeiverhör trug er Tätowierungen mit dem Schriftzug »Salma« und »Salma, meine Liebe« auf seinem rechten Arm. Seiner Mutter gegenüber rechtfertigte er laut Presseberichten den Mord: Er habe 50.000 Ägyptische Pfund (umgerechnet etwa 2.600 Euro) für Salma ausgegeben, doch sie habe sich geweigert, ihn zu heiraten.

Ägyptischer Kleriker gibt Frauen die Schuld

Einer von Ägyptens wichtigsten geistlichen Führern hat den Mord an Nayera Ashraf zum Anlass genommen, Frauen zum Tragen des Hidschab zu ermahnen. Ohne Hidschab riskierten sie, dass man ihnen die Kehle durchschneide, sagte Scheich Mabrouk Attia, ein ehemaliger Vorsitzender der einflussreichen Al-Azhar-Universität und jetziger Fernsehmoderator, laut Berichten von CBS und Egyptian Streets:

»Als Scheichs über den Hidschab sprachen, hörten wir einige sagen: ›Es geht um persönliche Freiheiten!‹ Also schön, lass deine Haare über deine Wangen fliegen und trage enge Kleidung, und diejenigen, die sabbern, werden dich jagen und dich töten. Wenn dir dein Leben kostbar ist, gehe aus dem Haus wie ein Jutesack. Wieso? Weil diejenigen, die arm und sexuell begierig sind, dich sonst sehen und dir die Kehle durchschneiden, also mach weiter und lass dir die Kehle durchschneiden.«

Attia machte die Äußerung am Tag des Mordes. Er gab dem Opfer, Nayera Ashraf, die Schuld. Auch wenn er den Mord nicht ausdrücklich rechtfertigte, können zukünftige Täter aus den Worten des Scheichs für sich eine Rechtfertigung ableiten: Ist eine Frau unverschleiert, darf man ihr die Kehle durchschneiden. Es gibt indessen nicht einmal Hinweise auf einen Mord aus Affekt. Nayera Ashrafs Mutter sagt, der Täter habe einen »Groll« gegen ihre Tochter gehabt und sie »seit zwei Jahren« belästigt. Mit der Kleidung hatte das gewiß nichts zu tun.

Betrachtet man die Fotos von Eman Ersheed, Lubna Mansour und Salma Bahgat, fällt auf, dass sie alle, zumindest auf den Fotos, einen eng sitzenden Hidschab trugen. Dieser hat sie nicht davor geschützt, mit einer Pistole erschossen oder mit einem Messer aufgeschlitzt zu werden. Die Mörder handelten keineswegs aus einer plötzlichen Begierde heraus. Sie begingen ihre Taten planvoll. Sie hatten dem Opfer zuvor aufgelauert oder es an dem ihnen bekannten Aufenthaltsort aufgesucht.

Die Täter benutzten nicht ihre Fäuste oder einen zufälligen Gegenstand, um das Opfer zu schädigen, sondern hatten sich Waffen besorgt. Und sie gaben sich nicht damit zufrieden, die Frauen schwer zu verletzen, sondern handelten mit dem Ziel, zu töten. Sie ließen nicht eher ab, bis sie dieses Ziel erreicht hatten: das Leben der Frauen, ihre physische Existenz, auszulöschen.

Die Mörder von Eman Ersheed, Nayera Ashraf und Salma Bahgat haben auch nicht versucht, unerkannt zu bleiben, sondern wollten Zuschauer und eine Bühne haben. Es handelt sich gewissermaßen um öffentliche Hinrichtungen. Die Täter hatten keine Scham, sondern empfanden womöglich sogar Stolz – etwa, weil eine durch die Zurückweisung eines Heiratsantrags oder das Beenden einer Beziehung »gekränkte Ehre« vermeintlich durch den Mord wiederhergestellt werden sollte, vor den Augen der Welt.

Psychologische Erklärungsversuche

Der Psychologe Anthony Keedi von der Beiruter Frauenrechtsorganisation ABAAD sagt:

»Meiner Meinung nach ist der jüngste Anstieg der Zahl schrecklicher Vorfälle von Gewalt gegen Frauen, der im Juni beobachtet wurde, ein Ergebnis der immer geringeren Rechenschaftspflichtigkeit, was die Ausübung von Gewalt gegen Frauen betrifft. Viele der strukturellen Grundlagen der Länder in der MENA-Region gleiten entweder in ein beispielloses Ausmaß an Dysfunktion ab oder verfestigen sich in übermächtigen patriarchalischen kulturellen Normen, rechtlichen Rahmenbedingungen sowie politischen und wirtschaftlichen Strukturen.«

Er beklagt ein »patriarchalisches und gewalttätiges Wertesystem, das soziale Praktiken und Normen sowie wirtschaftliche, politische und rechtliche strukturelle Rahmenbedingungen stark prägt und beeinflusst«. Es werde selten versucht, »diejenigen, die Gewalt gegen Frauen in irgendeiner Form – sei es körperliche Gewalt auf häuslicher Ebene oder politische Gewalt auf struktureller Ebene – verüben, zur Rechenschaft zu ziehen«.

Gleichzeitig würden Menschenrechtsaktivisten als „Verräter der Kultur« angeprangert, als Individuen, die in ihrer angeblichen Naivität einer westlichen oder kolonialen Denkweise verfallen seien und damit ein Sakrileg begangen hätten.

»Nayiera und Eman sagten beide ›nein‹ zu einem Mann«

Die Mehrheit der hier aufgeführten Mordopfer waren gebildete, selbstbewusste Frauen, die entweder schon einen Hochschulabschluss gemacht hatten oder auf dem Weg dorthin waren. Es waren Frauen, die wussten, dass sie Optionen haben, zwischen denen sie wählen können, dass sie das Recht haben, sich für oder gegen etwas zu entscheiden.

Dass es in Ägypten und Jordanien viele solcher Frauen gibt, ist zweifellos eine kulturelle Errungenschaft. Leider gibt es aber auch noch viele Männer, die das nicht akzeptieren. Der Kampf, den sie gegen jene Frauen führen, kann verschiedene Formen annehmen. Man weiß etwa, dass Frauen, die in den sozialen Medien erfolgreich sind, in Ägypten schnell den Zorn der Machthaber auf sich ziehen; sie laufen dann Gefahr, unter fadenscheinigen Vorwänden eingesperrt zu werden. Frauen wiederum, die eine Liebesbeziehung beenden oder eine solche von vornherein ablehnen, riskieren, von in ihrer Eitelkeit gekränkten Männern ermordet zu werden.

»Nayiera und Eman sagten beide ›nein‹ zu einem Mann«, schrieb die Kairoer Psychologin und Kolumnistin Heba Yosri nach den Morden an Nayera Aschraf und Eman Ersheed. Sie seien durch ihre Familien und durch ihre Bildung ertüchtigt worden, nein zu sagen. Die Männer hätten ihre Ablehnung jedoch »nicht akzeptieren können und wollen«. Vielleicht, so Yosri, liege das Problem in der »Diskrepanz der Botschaften, die Frauen und Männern vermittelt« würden:

»Das Kernproblem dieser Tragödien ist der Mangel an Bildung. Verschiedene Initiativen haben sich an Mädchen und ihre Familien gerichtet, um die Idee zu verankern, dass Frauen wählen können, was sie wollen. Mädchen haben Einfluss auf ihren Körper und ihre Zukunft.«

Gleichzeitig aber, so Yosri, würde kaum etwas unternommen, um Jungen beizubringen, dass sie nicht einen angeborenen Anspruch auf das hätten, was sie sich wünschen. Während Mädchen »nach den Sternen greifen«, fehle es an Initiativen, Jungen zu Strebsamkeit zu ermuntern. Dieses »Vakuum« werde dann von „antiquierten Überzeugungen“ gefüllt, verstärkt durch eine „schlechte Erziehung, die den Jungen davon überzeugt, dass er der Mittelpunkt des Universums ist“.

Das schrieb Heba Yosri Ende Juni. Keine sieben Wochen später, nach dem Mord an Salma Bahgat, sah sie sich zu einem weiteren Kommentar zum gleichen Thema genötigt:

»Ich bin wütend. Über eine weitere ermordete junge Frau in Ägypten schreiben zu müssen, die getötet wurde, nur weil sie nein gesagt hat, ist herzzerreißend.«

Weil er Geld für Salma ausgegeben und sich ihren Namen auf den Körper tätowiert hatte, habe der Mörder geglaubt, sie als sein Eigentum reklamieren zu können:

»Ich denke, der Mörder hat wirklich geglaubt, dass er Salma liebt und dass sie es verdient hat zu sterben, weil seine Liebe sehr kostbar ist, und sie hat sie abgelehnt. Der junge Mann hatte das Gefühl, er sollte ihre Undankbarkeit und die Beleidigung bestrafen. Es ist üblich, dass männliche Jugendliche sich allein aufgrund der einfachen Tatsache, dass sie Männer sind, für einzigartig halten. Dieser junge Mann glaubte, leider wie viele junge arabische Männer, dass er Anspruch auf alles und jeden hatte, was er begehrte.«

Natürlich litten nicht alle arabischen Männer an einem solchen »aufgeblasenen, zerbrechlichen Ego«, so Yosri. Doch wenn es nicht gelinge, den Männern, die das noch nicht wissen, beizubringen, dass sie »nicht das Recht haben, zu bestimmen, wer lebt und wer stirbt«, werde es weitere »Nachrufe auf junge unschuldige Frauen« geben, fürchtet sie, und hat darum einen dringenden Rat:

»Für alle Mütter, die ihre Söhne vergöttern und sie davon überzeugen, dass sie alles haben können, was ihnen gefällt — denken Sie daran, ihnen zu sagen, dass andere Menschen nicht dazu gehören.«

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