Terror, Angst und Ideologie

Von Tilman Tarach

normandieDie Ereignisse der letzten Tage folgen wie alle Terroranschläge dem Muster „töte wenige, bedrohe dadurch Millionen“. Denn im Unterschied zu Opfern etwa von Verkehrsunfällen – dieser Vergleich wird zu Verharmlosungszwecken gegenwärtig ja gerne bemüht – spürt jeder den Nötigungscharakter der Attacken. Sie sollen die Menschen, die im Verdacht stehen, frei und glücklich zu sein, einschüchtern und zu einem bestimmten Verhalten veranlassen.

Jede Emanzipation von Natur und Gesellschaft ist dem Soldaten des Kalifates „haram“, also verboten im Sinne des Islam: Zivilisation und Kosmopolitismus, Weltzugewandtheit und Ausgelassenheit, Intellektualität, Vernunft und Zweifel, Müßiggang und Lust, Phantasie und Introspektion. Die verängstigten Menschen sollen erzittern schon beim bloßen Gedanken an eine Kritik der Religion (besonders der gewalttätigsten unter ihnen) und bei der Idee des Humanismus. Dessen Kernaussage besteht schließlich darin, dass nur der Mensch, nicht indessen ein „Gott“ im Zentrum menschlichen Handelns zu stehen hat – eine Position, die der Islam seit je explizit und zentral verurteilt.

Und so fürchtet man bereits jeden Funken von Vernunft und Glück, jede soziale Interaktion emanzipierter Individuen, schon den Kuss in der Öffentlichkeit und jede intellektuelle oder erotische Beziehung auf Augenhöhe.

Eine gewisse Angst wäre dabei noch verständlich, denn die Gefahr ist ja real. Doch schwach und erbärmlich ist der Mensch, weshalb er die islamistische Drohung nicht nur fürchtet, sondern allzu gerne verinnerlicht und anfängt, den ganzen reaktionären Unrat ernst zu nehmen, so als wäre die pure Gewalt tatsächlich ein Argument in der Sache; Gewalt führt in den Köpfen autoritärer Charaktere auf diese Weise zur Entstehung von Ideologie. Sie beginnt damit, die Zumutungen des Islam nicht mehr als solche wahrzunehmen.

Dieser Unterwerfungsreflex aufgrund einer Identifikation mit dem Aggressor scheint leider eine menschliche Konstante zu sein, auch in Bezug auf den Islam: Bereits nach den Anschlägen vom elften September 2001 gab es in Europa und Amerika massenhaft Übertritte zum Islam. Innerhalb von nur zwei Monaten nach 9/11 waren nach Angaben des „Council for American-Islamic Relations“ in Washington bereits 34.000 Amerikaner zum Islam konvertiert – mehr denn je. „Nach dem 11. September sind deutlich mehr Christen zum Islam übergetreten als zuvor“, bemerkte damals auch der Leiter des „Islamischen Zentralinstituts Deutschland“ gegenüber der Süddeutschen Zeitung, nämlich drei- bis viermal so viele pro Jahr.

Die neue Art des Terrors, die weithin noch schulterzuckend, wenn nicht schadenfroh zur Kenntnis genommen wurde, als Israelis die Opfer waren, wird nun also kaum zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der islamischen Ideologie führen, wie sie etwa Ahmad Mansour seit langem fordert. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die gefährlichen Kernelemente dieser Ideologie – die Tabuisierung der Sexualität, die Zivilisationsmüdigkeit und die Verachtung des Individuums – auch hierzulande Konjunktur haben.

Artikel zuerst erschienen auf Jungle Blog.

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