„Statt sich mit der politischen Dimension der IS-Strategie zu beschäftigen, pathologisert man die Täter“

„Bei der Suche nach den Ursachen und Hintergründen von Gewalttaten von Muslimen zeichnet sich stets ein ähnliches Muster ab: Geltend gemacht werden vor allem psychische Probleme, Krankheiten oder Suchtverhalten, während man sich eine bewusste, religiös-politische Motivation der Täter kaum vorstellen kann oder will. Wenn der ‚Islamische Staat‘ (IS) Attacken wie jene in den USA, Frankreich und Deutschland ‚für sich reklamiert‘ – diese Formulierung hat sich in vielen deutschen Medien durchgesetzt –, hält man das vor allem für einen Propagandatrick. Weit verbreitet ist die Ansicht, dass ein Angriff oder Anschlag nur dann dem IS zugerechnet werden kann, wenn der Täter gewissermaßen einen Mitgliedsausweis dieser Terrororganisation vorlegen kann oder doch zumindest nachweislich von ihr beauftragt worden ist. Andernfalls geht man in der Regel lediglich von einem Amoklauf eines durchgeknallten Psychopathen aus, nicht aber von einer Überzeugungstat. Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach nach dem Würzburger Attentat von einem ‚Einzeltäter‘, der sich durch den IS bloß ‚angestachelt gefühlt‘ habe; es gebe jedenfalls keine Hinweise auf eine Anordnung des IS.

Nicht nur de Maizière begreift offenkundig nicht, dass es einer solchen Anordnung längst nicht mehr bedarf. (…) Denn wie hatte es der IS-Sprecher Mohammed al-Adnani schon im September 2014 formuliert? ‚Tötet sie, wie ihr wollt. Zertrümmert ihnen den Kopf, schlachtet sie mit einem Messer, überfahrt sie mit einem Auto, werft sie von einem hohen Gebäude, erwürgt oder vergiftet sie.‘ Zum ‚Soldaten des Kalifats‘ – so nennt der IS sein terroristisches Personal – wird man eben nicht durch einen förmlichen Beitritt, sondern indem man in seinem Namen mordet und verletzt. Dann, so das Versprechen aus Raqqa, gehört man posthum dazu, dann wird man zum ‚Märtyrer‘. (…) Doch statt sich mit der politischen Dimension der IS-Strategie zu beschäftigen – die darauf setzt, einen Konflikt zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu schüren, der in einen Bürgerkrieg mündet –, pathologisiert man in Deutschland die ­islamistische Motivation der Täter.“

(Alex Feuerherdt: „Märtyrer brauchen keinen Mitgliedsausweis“)

 

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