So entledigte sich Ägypten seiner Juden

„Ich heiße Israel Bonan und lebe in den Vereinigten Staaten. Wie meine Eltern wurde auch ich in Ägypten geboren. Als der Sechstagekrieg zwischen Israel und Ägypten 1967 tobte, wurde ich inhaftiert, weil ich Jude war, und deportiert oder, genauer gesagt, ausgewiesen mit einem Pass mit dem Stempel ‚Ausreise ohne Wiederkehr’. (…) In jenen Jahren [1945–1948] führten Pogrome und Sprengstoffanschläge auf die jüdische Bevölkerung und jüdische Geschäfte zu 108 Todesfällen, die niemals geahndet wurden. Hunderte wurden verletzt und mehr als 200 jüdische Geschäfte geplündert und zerstört. (…) Wie wurden also die Juden und andere Minderheiten aus Ägypten vertrieben? Die Maßnahmen entwickelten sich über viele Jahre hinweg und wurden von aufeinanderfolgenden Regierungen verfolgt, die alle der Parole ‚Ägypten den Ägyptern’ anhingen. Das Vorgehen folgte dem Muster Nazideutschlands und aller Formen des Faschismus. Die Stufen heißen: Verlust der Staatsbürgerschaft und des damit einhergehenden Schutzes, Verlust der Arbeit im privaten und im öffentlichen Sektor, keine Aussicht auf alternative Beschäftigung, Enteignung, Tod und Ausbürgerung/Ausweisung. (…)

Ägypten erließ 1929 ein Staatsangehörigkeitsgesetz, das der überwiegenden Mehrheit der ägyptischen Juden, die seit Jahrhunderten in dem Land lebten, ihre Staatsangehörigkeit, ihre Rechte als Staatsbürger und den damit einhergehenden Schutz aberkannte. Das Gesetz zwang die Juden in Ägypten, sich entweder um den Schutz ausländischer Regierungen zu bemühen, indem sie ihre Abstammung aus diesen Ländern plausibel machten, oder staatenlos zu bleiben. (…) Das 1947 erlassene Unternehmensrecht verfügte, dass 90 Prozent aller Beschäftigten und 70 Prozent aller Manager in privaten und öffentlichen Unternehmen ägyptische Staatsbürger sein müssen. So beraubte das Unternehmensrecht mit einem Schlag die meisten Juden, aber auch Armenier, Griechen und Angehörige anderer ethnischer Minderheiten ihres Lebensunterhalts. Bei diesem Doppelschlag handelte es sich um eine klassische Form der ethnischen Säuberung mit wirtschaftlichen Mitteln. Erst erklärt man sie zu Nicht-Ägyptern und dann schreibt man vor, dass nur Ägypter im privaten und öffentlichen Sektor arbeiten dürfen. Schnell lernten die Juden, dass sie niemals Arbeit finden würden. Mit dem Aufstieg des arabischen Nationalismus und dem Beginn der UNO-Debatte über die Teilung Palästinas wurde das politische Klima für die jüdische Bevölkerung immer bedrohlicher. (…)

Unsere Auswanderungspläne wurden durch meine Inhaftierung – zusammen mit allen anderen 18- bis 55jährigen jüdischen Männern – unterbrochen. Nachdem wir einen Zeitraum von wenigen Tagen bis zu drei Jahren im Gefängnis zugebracht hatten, wurde jeder Einzelne von uns ausgewiesen: Wir wurden vom Gefängnis direkt zum Hafen oder zum Flughafen gebracht. (…) Die Juden Ägyptens erkannten die Zeichen der Zeit. Würden sie ohne Arbeit, ohne Geld, ohne Aussichten auf Besserung, ihre Verwandten ausgewiesen oder in Haft, bleiben wollen, und würden sie es dürfen? (…) Heute besteht die jüdische Gemeinde nur noch aus einer Handvoll Frauen in ihren Achtzigern. Ägypten hat sich seiner Juden endlich entledigt.“ (Israel Bonan: „Our Passports Were Stamped ‚Exit, With No Return‘: The Real Story of How Egypt Expelled Its Jews“)

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