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Weniger Attacken auf Israelis, aber kein Grund für Optimismus

Von Florian Markl

Statistiken der israelischen Armee zufolge hat die seit dem vergangenen Herbst andauernde Serie palästinensischer Terroranschläge im März deutlich nachgelassen. Wurden im Februar noch 56 Angriffe mit Schusswaffen, Messern und in Geschoße verwandelten Autos verzeichnet, so waren es im vergangenen Monat ‚nur‘ mehr sechs. Der Rückgang dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass die anti-israelische Terrorwelle verschiedenen Umfragen zufolge in der palästinensischen Bevölkerung deutlich an Popularität verloren hat. Die Meinungserhebungen zeigen aber auch, dass es nur wenig Anlass für Optimismus gibt: Die Unterstützung für die gelegentlich als „Messer-Intifada“ bezeichnete Terrorwelle dürfte vor allem abnehmen, weil sie als zu ineffektiv betrachtet wird. Immer mehr Palästinenser fordern demnach nicht etwa ein Ende der Angriffe auf Juden, sondern vielmehr eine weitere Eskalation der Gewalt bis hin zu einem regelrechten bewaffneten Aufstand.


Ende eines vergleichsweise ruhigen Monats

Die Daten im Einzelnen: Im März verübten palästinensische Terroristen im Westjordanland ein Schussattentat; im Monat davor waren es noch dreizehn gewesen. Dazu kamen drei Messerangriffe (nach 27 im Februar) und zwei Attacken mit Fahrzeugen, halb so viele wie im Vormonat.

Darüber hinaus blieb der Level palästinensischer Gewalt aber unvermindert hoch. Die israelische Armee notierte im insgesamt ruhigeren März immer noch 220 Fälle von Steinwürfen und 23 Attacken mit Brandbomben.


Proponent des „friedlichen Aufstands“ der Palästinenser

Insgesamt unternahmen palästinensische Attentäter in den vergangenen sieben Monaten in der von PLO-Chef Abbas als „friedlicher Aufstand“ verharmlosten Gewaltwelle über 200 Stech-Attacken, über 80 Schussattentate und über 40 Rammattacken mit Fahrzeugen. Dabei wurden bis Ende März 34 Menschen ermordet und über 400 verletzt, fast alles jüdische Israelis.


Verfolgte Angreifer

Trotz dieser erschreckenden Zahlen sieht eine Mehrheit der Palästinenser Umfragen zufolge sich selbst als Opfer israelischer Angriffe. Mehr als die Hälfte glaubt die antisemische Lüge, dass Israel die Al-Aksa-Moschee sowie den Felsendom am Tempelberg zerstören und an deren Stelle eine Synagoge errichten wolle. Über 90 Prozent sind darüber hinaus davon überzeugt, die israelische Regierung stehe hinter den herbeifantasierten Angriffen israelischer „Siedler“ auf den Tempelberg.

Auf der einen Seite sieht sich die Mehrheit der Palästinenser als Opfer von in der Realität nicht existierenden Angriffen. Auf der anderen Seite waren bei einer Umfrage im Dezember 57 Prozent der Meinung, viele der in den vergangenen Monaten von israelischen Sicherheitskräften neutralisierten getöteten Palästinenser seien in Wahrheit gar keine Attentäter gewesen und hätten keine Israelis attackiert. Und das, wie Daniel Polisar, der eine Reihe palästinensischer Meinungsumfragen ausgewertet hat, bemerkt:

„despite the widely available videos of the stabbings, despite the fact that family members of many of the perpetrators publicly took pride in what they had done, and despite the fact that leading Palestinian figures and media often celebrated these attacks.“


Abnehmende Unterstützung für die Terrorwelle

Im Dezember 2015 befürworteten noch 67 Prozent der befragten Palästinenser – egal ob im Westjordanland oder im Gazastreifen, ob Fatah- oder Hamas-Anhänger – Messerattacken auf Israelis. Mitte März war die Zahl auf insgesamt 58 Prozent zurückgegangen, im Westjordanland gar auf 44 Prozent.

Der Grund für diesen Rückgang dürfte sein, dass die Attacken zunehmend als ineffektiv gesehen werden. Im vergangenen Dezember gaben bei einer Umfrage 51 Prozent der Palästinenser an, die Serie an Angriffen auf Israelis würde der palästinensischen Sache mehr dienen als Verhandlungen. Im März wiederholten nur mehr 36 Prozent der Menschen im Westjordanland diese Ansicht. Wie Polisar betont, ist diese Entwicklung leicht zu erklären:

„All told, more than 200 stabbing attacks have led to a relatively modest total of fifteen deaths, most of them during the first three months of the uprising, with a comparable number of Israelis killed in the 120 car-rammings and shootings. The perpetrators have fared far worse, as virtually all have been killed, seriously injured, or arrested.“

Auch wenn die zahlreichen Anschläge ein Klima der Angst erzeugt haben, blieb ihre Wirkung doch weit geringer als etwa die der Selbstmordattentate der Jahre 2000ff. Zum Vergleich: Der Suicide Bomber, der sich am 27. März 2002 im Park Hotel Netanya in die Luft sprengte, tötete alleine fast so viele Israelis, wie alle Attentäter der vergangenen sieben Monate zusammen.

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Park Hotel Netanya nach dem Anschlag im März 2002


Der Schluss daraus: Die Gewalt weiter eskalieren

Terrorismus ist bis zu einem gewissen Grade immer auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Bei den Palästinensern scheint sich langsam die Einsicht durchzusetzen, dass die Terrorwelle in ihrer aktuellen Form mehr Nach- als Vorteile bringt. Der Schluss, den viele daraus ziehen, lautet allerdings nicht, den Weg der Gewalt als Sackgasse zu sehen. Dazu Daniel Polisar:

„To the contrary, recent surveys show that a majority of Palestinians have reached quite a different conclusion: namely, that stabbings and car-rammings are too low-octane to achieve their ambitious national goals, and that doubling down by resorting to more deadly violence would be more effective.“

So zeigten sich im Dezember 46 Prozent der Befragten überzeugt, ein regelrechter bewaffneter Aufstand würde der palästinensischen Sache mehr dienen als die am zweithäufigsten befürwortete Alternative, Verhandlungen mit Israel. 64 Prozent unterstützten auch Angriffe auf Zivilisten in Israel – mehr als während des blutigen Terrorkrieges zu Beginn des Jahrtausends, als fast täglich israelische Busse, Supermärkte oder Diskotheken zum Ziel palästinensischer Selbstmordattentäter wurden.

Glaubt man den Meinungsumfragen, so scheinen die Palästinenser die relative Sinnlosigkeit ihrer aktuellen Anschlagsserie zu erkennen, ziehen daraus aber mehrheitlich den Schluss, dass der nächste Schritt eine deutliche Steigerung der Gewalt sein müsse. Der vergleichsweise ruhige März könnte sich als die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm erweisen.

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