Falsche Ausgewogenheit

In der Kleinen Zeitung berichtet Gil Yaron unter der dramatischen Überschrift „Bombardiert Israel im Juni den Iran?“ über die neuesten Entwicklungen im Streit um das iranische Atomwaffenprogramm. (Kleine Zeitung, 4. Feb. 2012) „Die Spannungen zwischen Jerusalem und Teheran“, so lässt er uns wissen, „erreichen einen neuen Höhepunkt“. Denn diese Woche sei „auf beiden Seiten ein Damm der Zurückhaltung gebrochen“. Ignoriert man den krampfhaften Versuch, in falsch verstandener Ausgewogenheit die Schuld an der Eskalation irgendwie beiden Seiten gleichermaßen zuzusprechen, bestätigt die darauf folgende Schilderung genau das, was die Israelis schon seit Jahren sagen: Die islamistische Diktatur im Iran stellt eine existenzielle Bedrohung des jüdischen Staates dar.

Sehen wir uns zunächst an, was in den letzten Tagen von der iranischen Seite zu hören war. Der oberste geistliche Führer des iranischen Gottesstaates, Ali Khamenei, bezeichnete Israel als „Tumor, der entfernt werden müsse“. Der Iran führe bereits heute mittels seiner beiden Verbündeten, der libanesischen Hisbollah und der palästinensischen Hamas, einen Stellvertreterkrieg gegen Israel. Und auch in Zukunft werde man, so Khamenei in einer Ansprache anlässlich des Jahrestages der „islamischen Revolution“ von 1979, „jeder Nation oder Gruppierung helfen, die gegen das zionistische Regime kämpfen will.“

Diese Ausführungen mögen zwar drastisch klingen, stellen aber mitnichten den von Yaron konstatierten Dammbruch dar – so oder so ähnlich verlautet es seit Jahr und Tag aus Teheran. Dass Israel ein „Tumor“, „Krebsgeschwür“ oder „Bazillus“ sei, der radikal ausgemerzt gehöre, ist Teil der offiziellen Staatsdoktrin des islamistischen iranischen Regimes und gehört zu jeder Festtagsansprache wie hierzulande das Amen in der Kirche. Dass Hisbollah und Hamas Handlanger der Mullahs in Teheran sind, wird vielleicht seltener in dieser Offenheit betont, ist aber genauso wenig ein Geheimnis wie das Angebot, all jene tatkräftig unterstützen zu wollen, die gegen den „zionistischen“ Erzfeind zu Felde ziehen wollen.

Was aber war nun von israelischer Seite zu hören, deren „Militärs und Politiker … ebenfalls in scharfen Worten vom Feind“ gesprochen hätten? Das Ergebnis ist reichlich mager: Führende Vertreter Israels hätten einen „Präventivschlag gegen Irans Atomprogramm“ angedeutet. Der Iran sei nicht mehr weit von einer Phase der „Immunität“ entfernt, in der er in seinem Streben nach Atomwaffen nicht mehr zu stoppen wäre. Zumindest könne Israel dies dann nicht mehr selbst tun und wäre auf Hilfe von außen (sprich die USA) angewiesen. Darauf wolle man sich nicht verlassen.

Auch bei diesen Bemerkungen handelt es sich schwerlich um einen Dammbruch, und selbst die angekündigten „scharfen Worte“ über den „Feind im Osten“ sind schwer auszumachen. Verteidigungsminister Ehud Barak, auf den hier Bezug genommen wurde, ging von zwei Voraussetzungen aus, die heute kaum mehr zu bestreiten sind: Erstens bezweifelt bis auf das islamistische Regime selbst und seine letzten unverbesserlichen Apologeten heute kaum jemand noch, dass der Iran an der Entwicklung von Atomwaffen arbeitet. Zweitens steht der im wahrsten Sinne des Wortes eliminatorische Israelhass der Mullahs völlig außer Zweifel. Tödlicher Hass gepaart mit dem Griff nach der ultimativen Waffe – das ist es, was die besondere Gefahr des iranischen Regimes ausmacht.

Obwohl die Israelis mit einem derart apokalyptisch anmutenden Szenario konfrontiert sind, versuchen sie nach wie vor, damit so rational umzugehen, wie es nur irgend möglich ist. Auch Yaron in der Kleinen Zeitung gelingt es beim besten Willen nicht, die Gleichsetzung zu untermauern, die die Rede vom „beiderseitigen Dammbruch“ oder von den „ebenfalls scharfen Worten“ suggeriert. Obwohl der israelische Verteidigungsminister Barak wahrscheinlich besser als jeder andere einzuschätzen vermag, welche Folgen Militärschläge gegen iranische Atomeinrichtungen haben könnten, zwingt ihn eine aus israelischer Sicht höchst rationale Abwägung dazu, auch diesen Schritt ernsthaft in Betracht zu ziehen. Sollte sich die internationale Staatengemeinschaft als unfähig erweisen, der iranischen Bedrohung entgegenzutreten, wird Israel nicht warten, bis es zu spät ist. Barak machte mit den zitierten Worten, in denen sich keinerlei Andeutungen von Hass oder Hetze finden lässt, in all ihrer Nüchternheit und betonten Sachlichkeit nur eines klar: der jüdische Staat wird sich gegen eine existenzielle Bedrohung zur Wehr setzen. Dies mit der kriegerischen Hetze aus Teheran gleichzusetzen, wie Yaron es in der Kleinen Zeitung tut, ist ein klassisches Beispiel für Journalismus, der an falscher Ausgewogenheit leidet.


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