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Roger Waters in Wien: Das Schwein, die Stadt und der Jude

Von Thomas Eppinger

Manche Geschichten kann nur das Leben schreiben. Wie jene, in der sich ein Sohn von Holocaust-Überlebenden unter dem Banner der künstlerischen Freiheit dafür stark macht, einen rabiaten Antisemiten ausgerechnet in einer kommunalen Einrichtung jener Stadt agitieren zu lassen, in der Hitler den Antisemitismus gelernt hat. Aber der Reihe nach.

 

Das Schwein.

Roger Waters ist als Musiker unglaublich erfolgreich. 2012 führte das Forbes Magazin den Mitbegründer von Pink Floyd in der Liste der bestverdienenden Musiker der Welt nach dem Hip-Hoper Dr. Dre an zweiter Stelle. 88 Millionen Dollar soll er in nur zwölf Monaten verdient haben, fast alles davon mit seiner Live Tour „The Wall“. Zu den Grundelementen deren bombastischer Bühnen-Show gehört wie schon zu Zeiten von Pink Floyd ein aufblasbares Schwein. Nur, dass das Schwein bei Waters einen Davidstern aufgemalt hatte. Anfangs stand der Davidstern unmittelbar neben Dollarzeichen. Klar, Juden und Geld gehören ja bekanntlich irgendwie zusammen. Nach Protesten der Anti-Defamation League änderte Waters die Symbole rund um den Stern Davids, der Stern selbst blieb aber auf dem Schwein. Als die Antisemitismus-Vorwürfe nach einem Konzert in Belgien 2013 immer lauter wurden, wies Waters die geharnischte Kritik als „ungezügelt und bigott“ zurück. Er sei alles andere als antisemitisch, schrieb er auf Facebook, habe viele jüdische Freunde, darunter einen Neffen Simon Wiesenthals, und eine jüdische Schwiegertochter und damit auch jüdische Enkel, außerdem sei sein Vater im Zweiten Weltkrieg für England im Kampf gegen Italien gefallen. Der Davidstern repräsentiere Israel, und friedlich gegen Israels rassistische Innen- und Außenpolitik zu protestieren, sei nicht antisemitisch.

Sobald jemand seine vielen „jüdischen Freunde“ erwähnt, kann man sich so gut wie immer darauf verlassen, dass irgendeine antisemitische Unverschämtheit folgt. Nur ein Antisemit braucht jüdische Freunde als Deckung für seine Gesinnung, Waters ist da keine Ausnahme. Damit selbst ein symbolisches „Judenschwein“, das am Ende der Show vom Publikum zerstört wird, noch als legitime Kritik an der israelischen Regierung durchgeht, muss freilich auch noch die Verwandtschaft samt dem toten Vater herhalten.

Die „The Wall“ Tour lief von 2010 bis 2013. Sie war eine der erfolgreichsten Tourneen der Musikgeschichte und hat rund 450 Millionen Dollar eingespielt. Das Schwein schwebte bei 219 Auftritten über rund vier Millionen Zusehern.

Indes, das Schwein allein stillt Roger Waters’ Hass auf Israel nicht, also unterstützt er leidenschaftlich die BDS-Bewegung (‚Boycott, Divestment and Sanctions’). Die antisemitische Bewegung greift das Nazi-Motto „Kauft nicht bei Juden“ auf und zielt auf die Zerstörung Israels ab. Waters gehört zu ihren aggressivsten Protagonisten. Er übt zusammen mit anderen BDS-Supportern wie Brian Eno, Ken Loach, Julie Christie oder Aki Kaurismäki enormen Druck auf Künstler aus, um sie von Auftritten in Israel abzuhalten. Nick Cave, der wie Brian Adams in Tel Aviv auftrat, sagte über Waters’ Methoden: „Wenn du in Israel auftrittst, musst du dich einer Art öffentlicher Erniedrigung durch Roger Waters & Co. aussetzen, und niemand wird gern öffentlich bloßgestellt. Das ist, was wir in gewisser Weise am meisten fürchten: öffentlich gedemütigt zu werden.

In Zeiten, in denen immer mehr Juden nach Israel ziehen, weil sie in Europa nicht mehr sicher sind, ist die Delegitimierung des jüdischen Staates besonders brisant. Israel ist Schutzmacht und sicherer Hafen für alle Juden dieser Welt. Wer die Existenz Israels zur Disposition stellt, stellt die Existenz aller Juden zur Disposition. Wenn das nicht antisemitisch sein soll, was denn dann.

 

Die Stadt.

Wiener Stadthalle (Von Bildagentur Zolles, CC BY-SA 3.0)

Am 16. Mai 2018 soll Roger Waters in der Wiener Stadthalle auftreten. Das größte Veranstaltungszentrum Österreichs ist ein Tochterunternehmen der Wien Holding, gehört also der Stadt Wien.

Zur Erinnerung: Der junge Adolf Hitler wurde während seiner Wiener Jahre von 1907 bis 1913 von antisemitischen Politikern wie Karl Lueger und Georg von Schönerer geprägt. Vor allem Schönerer gilt als geistiger Ziehvater Hitlers. Die Historikerin Brigitte Hamann sprach in ihrem Standardwerk „Hitlers Wien“ sogar von Hitler als einer Kopie Schönerers. Der Führer der Deutschnationalen Bewegung („Alldeutsche“) nahm das spätere nationalsozialistische Programm bis in Einzelheiten vorweg, vom Arierparagraphen bis zur Aufforderung „Kauft nicht bei Juden“ – womit sich der Kreis zur BDS-Bewegung schließt. Die Wiege des Antisemitismus der Nazis stand in Wien, und ausgerechnet in einem Veranstaltungszentrum dieser Stadt soll nun einer der berühmtesten antiisraelischen Hetzer auftreten?

Aber auch ohne die Geschichte zu bemühen, ist „ein Auftritt in der Wiener Stadthalle, einer kommunalen Einrichtung der Stadt Wien, … aufs Schärfste zu verurteilen und abzulehnen, insbesondere nachdem es klar ist, dass Herr Waters in seinem Auftritt … wiederum gegen Israel, den Staat und seine Menschen, agitieren wird.“, wie der ehemalige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und Vizepräsident des Europäisch Jüdischen Kongresses, Ariel Muzicant, schreibt.

Muzicant hatte sich in einer E-Mail an die Stadthalle, den Bürgermeister und andere Amtsträger gewandt, und in aller Form [ersucht], dieses Konzert nicht in einem Objekt der Stadt Wien zuzulassen.“ Ein verständliches Anliegen, sollte man meinen. Wenn Waters schon seine Propaganda verbreitet, dann er muss das ja nicht unbedingt in einem Objekt der Stadt Wien tun. Eine Antwort kam prompt – und wir kommen zum Kern unserer Geschichte.

 

Und der Jude.

„Aus dem Antisemitismus könnte schon was werden, wenn sich nur die Juden seiner annehmen würden.“ (Roda Roda)

Der Jude, der sich Roger Waters’ annimmt, heißt Marek Lieberberg und ist einer der bekanntesten Konzertveranstalter und Künstlermanager Deutschlands. Lieberberg organsierte Tourneen internationaler Topstars von Aerosmith bis Springsteen, holte Ikonen wie Madonna und Shakira nach Deutschland, und seine Agentur ist unter anderem für Rock am Ring und Rock im Park verantwortlich. Sein Mailverkehr mit Muzicant beginnt mit einer Antwort auf das oben zitierte Schreiben, in der es nach einer kurzen Einleitung heißt:

„Als Kind von Holocaust-Überlebenden und Jude verstehe ich natürlich Ihre Sensibilität. Dennoch würde ich gerade deshalb eine sachliche Herangehensweise begrüßen. Es macht angesichts der realen Bedrohung jüdischen Lebens in Europa wenig Sinn, irrelevante Schattengefechte zu führen. Dafür eignet sich Roger Waters überhaupt nicht!“

Hm. Ich bin weder Jude noch Kind von Holocaust-Überlebenden und kann Muzicants „Sensibilität“ eigentlich ganz gut nachvollziehen. Warum betont Lieberberg seine Herkunft gleich zu Beginn, wenn er dieser zum Trotz Muzicants Sensibilität nicht aufbringt, sondern ihr nur gönnerhaft Verständnis entgegenbringt, um sie in der Folge als unsachlich abzukanzeln? Und wie dreist oder wie unreflektiert muss man eigentlich sein, um „angesichts der realen Bedrohung jüdischen Lebens in Europa“ die Frage nach der Existenz eines jüdischen Staates als „irrelevantes Schattengefecht“ kleinzureden? Denn es ist ja genau jenes Wesensmerkmal Israels, ein jüdischer Staat zu sein, wogegen Roger Waters kämpft.

In der Folge führt Lieberberg aus, dass er Waters seit den Anfängen von Pink Floyd 1969 betreue, dieser „zwar ein erklärter Gegner der israelischen Politik“ sei, aber dies noch lange nicht rechtfertige, „ihn als antisemitisch oder antijüdisch zu diffamieren“.

Klar, fanatische Israelkritik richtet sich ja nie gegen Juden, sondern gegen, ähm, ja, gegen wen eigentlich? Egal. Interessieren würde mich jedenfalls, wo bei Herrn Lieberberg Antisemitismus beginnt. In Österreich gibt es ja zum Beispiel ganz unterschiedliche Vorstellungen darüber, ab wann nationalsozialistische Verbrechen vielleicht problematisch sein könnten: „So lange nicht bewiesen ist, dass er eigenhändig sechs Juden erwürgt hat, gibt es kein Problem“, legte der ehemalige ÖVP-Generalsekretär Michael Graff die Latte im Zuge der Waldheim-Affäre ziemlich hoch. So betrachtet wäre Waters ziemlich sicher kein Antisemit. Nach der IHRA Antisemitismus-Definition, die auch von Österreich und Deutschland offiziell übernommen worden ist, ist er es hingegen auf jeden Fall. In dieser Definition werden als Beispiele zur Illustration nämlich unter anderem angeführt:

  • Das Absprechen des Rechts auf Selbstbestimmung des jüdischen Volkes, beispielsweise durch die Aussage, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Projekt.
  • Die Verwendung von Symbolen und Bildern des klassischen Antisemitismus (z.B. die Juden hätten Jesus getötet oder das Motiv des Ritualmords), um Israel oder Israelis zu charakterisieren. 

Was uns direkt zum nächsten Punkt bringt. Lieberberg betreut Waters „seit den Anfängen von Pink Floyd 1969“ und der „Davidstern auf dem Schwein – womit die israelische Besatzung kritisiert werden sollte – ist auch nach Interventionen meinerseits inzwischen längst verbannt worden.“

Klar, wenn ich einen Davidstern auf einem Schwein sehe, denke ich automatisch an die israelische Besatzung, wer würde das nicht. Rabbi Abraham Cooper vom Simon Wiesenthal Center vielleicht, der beklagte, dass Waters eine „klassische abscheuliche mittelalterliche antisemitische Karikatur einsetzte, die weithin sowohl von der Nazi- als auch von der Sowjet-Propaganda verwendet wurde, um Hass gegen Juden zu entzünden.“ Aber was weiß der schon. Der hat wahrscheinlich nicht einmal einen Verwandten Wiesenthals zum Freund.

Das Schwein mit dem Davidstern gehörte zur „The Wall“ Tour von 2010 bis 2013. Die neue Tour „Us+Them“ startete 2017. Wenn der Davidstern auf dem Schwein „längst verbannt worden“ ist, liegt das also weniger an den unermüdlichen Interventionen von Herrn Lieberberg, sondern vielmehr am Umstand, dass die Tour vor vier Jahren endete. Freilich, wenn es das „Judenschwein“ nicht in die neue Tour geschafft hat, muss man Herrn Lieberberg zu seinem Einsatz gratulieren. Was für ein Erfolg, nach sieben Jahren.

 

Die Freiheit der Kunst

Lieberbergs Antwort endet mit einem Verweis auf Demokratie und künstlerische Freiheit und dem bekannten, fälschlicherweise Voltaire zugeschriebenen Satz von der Meinungsfreiheit. Nun, ich würde mein Leben nicht dafür einsetzen, dass ein Antisemit seinen Müll verbreiten kann, aber das nur nebenbei. Die Korrespondenz mündet jedenfalls in einer bemerkenswerten Ermahnung Lieberbergs:

„Ich bedaure sehr, dass Sie die tatsächliche Situation nicht anerkennen und sich darauf versteifen, die Freiheit der Kunst in Abrede zu stellen. Ihre Forderung weise ich hiermit ausdrücklich zurück, insbesondere weil das Konzert inhaltlich über Ihre Kritik erhaben ist. Ich empfehle Ihnen die Toleranz zu leben, die Sie gegenüber anderen anmahnen.“

An Lieberbergs Stellungnahmen verstört nicht nur seine Ignoranz gegenüber der offensichtlichen antisemitischen Agitation Waters’. Er hält die Verbreitung antisemitischer Stereotype für Freiheit der Kunst. Das ist schlimmer als ein Verbrechen, das ist eine Dummheit. Denkt man Lieberbergs Äußerungen konsequent zu Ende, fällt „Jud Süß“ genauso unter Freiheit der Kunst wie die Karikaturen im Stürmer. Und die „Protokolle der Weisen von Zion“ gingen als literarisches Format allemal durch. Nun, wenn jemand meint, dass man die Freiheit der Kunst in Abrede stellt, wenn man „Jud Süß“ nicht vorführen will, kann man nur hoffen, dass dieser jemand nie ein Kino kauft.

Ähnlich skurril wirkt in diesem Zusammenhang Lieberbergs Mahnung zur Toleranz. Der eine ist ein Fan von Bayern München, der andere halt Antisemit, die Menschen sind eben verschieden. Will er uns das damit sagen? Begreift er wirklich nicht, dass die Verbreitung antisemitischer Propaganda keine Frage der künstlerischen Freiheit ist? Es geht nicht um die Musik oder Texte von Roger Waters. Es geht einzig und allein darum, ob man einen Antisemiten dabei unterstützt, öffentlich gegen Israel zu agitieren. In Wien, an einem Ort, der im Eigentum der öffentlichen Hand steht.

Nun habe ich selbst ja ein sehr radikales Verständnis von Meinungsfreiheit. Mir ist es lieber, wenn ein Nazi alles sagen darf und ihm keiner zuhört. Und falls doch, kennt man wenigstens seine Gegner. Doch nicht alles was man darf, soll man auch tun. Man scheißt nicht ins eigene Wohnzimmer. Und man macht nicht gemeinsame Sache mit Antisemiten. Ob man nun „Kind von Holocaust-Überlebenden und Jude“ ist oder nicht.

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