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Wie jüdische Orthodoxe in Israel leben

Jüdische Orthodoxe im Vierte Mea Shearim. (© imago images/BE&W)
Jüdische Orthodoxe im Vierte Mea Shearim. (© imago images/BE&W)

Rund 15 Prozent der Israelis gelten als Haredim („Ultraorthodoxe“), weitere 10 Prozent als Nationalreligiöse. Ein Überblick.

Die jüdische Orthodoxie kennt zwei grundsätzliche Strömungen, die sich hinsichtlich der religiösen Bewertung des politischen Zionismus bzw. der Gründung des Staates Israel unterscheiden: Haredim und Nationalreligiöse.

Beiden gemeinsam ist der Glaube an eine unabänderliche göttliche Überlieferung in Form der schriftlichen Torah (5 Bücher Mose) und der mündlichen Torah (Mischna) die erst später zusammen mit der Diskussion der Rabbiner über die Mischna, der Gemara, im Talmud verschriftlicht wurde. Durch die Annahme der Torah hat das jüdische Volk einen Bund mit Gott geschlossen, dessen Erfüllung jüdisches Leben im Land Israel sichert. Wegen Nichterfüllung mussten die Juden ins Exil gehen.

Nationalreligiöse Juden bewerten die Rückkehr nach Zion (Aliyah) bzw. die Gründung des Staates als „Atchalta ha Geula“, als Beginn der Erlösung. Haredische Juden sprechen nur von ihrer Beziehung zu Erez Israel (dem Land Israel) – nicht zum Staat Israel, dem sie neutral bis negativ gegenüberstehen, da seine Errichtung für sie keine religiöse Bedeutung hat und im extremen Fall als profane Vorwegnahme von etwas gesehen wird, das dem messianischen Zeitalter vorbehalten ist.

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Haredim

Das hebräische Wort Haredim leitet sich vom biblischen Buch Isaiah 6:22 ab, wo davon die Rede ist, dass Gott mit Wohlgefallen auf jene schaut die bei seinem Wort zittern (v‘hared). Oft werden Haredim umgangssprachlich als „ultraorthodoxe“ Juden bezeichnet.

Ungenau werden damit nur jene bezeichnet, die die religiöse Tradition des osteuropäischen (aschkenasischen) Judentums und dessen soziale Strukturen und Erscheinungsform bewahrt haben. Die Männer sind dabei an ihrer schwarzen Kleidung erkennbar, die sich aus einer Kopie der Kleidung der polnischen Nobilität ableitet, die verheirateten Frauen an ihren Perücken und Hüten oder Kopftuch – dies, weil die weibliche natürliche Haarpracht bei fremden Männern unerwünschte Erregung auslösen könnte. Im Privaten bzw. unter einem Hut tragen die Männer eine schwarze seidene Kopfbedeckung (Kippa).

Relativ früh kommt es zu einer Geschlechtertrennung. Buben besuchen ab dem Alter von drei Jahren einen Cheder und später, nach der Bar Mitzvah (im Alter von 13 Jahren), eine Talmudschule (Jeshiva) unter Vernachlässigung profaner Bildung, nach der Heirat lernen viele Männer weiter in einem Kollel. Häufig gehen die verheirateten Frauen einer Arbeit nach, als Kindergärtnerin, Lehrerin oder heute auch im High-Tech Bereich, um für den Familienunterhalt zu sorgen.

Auch unter den Sephardim bzw. Mizrachim (den orientalischen Juden) gibt es Haredim, insbesondere bei den jemenitischen Juden (Temanim). Nachdem besonders orientalische Juden aus dem Jemen bei ihrer Masseneinwanderung nach Israel 1948/49 von der Regierung Israels einem massiven Assimilationsdruck ausgesetzt waren, kam es Jahrzehnte später zu einer Gegenbewegung, die zur Wahl Menachem Begins als Ministerpräsident mit beigetragen hat und später zur Gründung der eigenen orthodoxen Partei Shas durch Rabbiner Ovadia Josef führte.

In der aschkenasischen Orthodoxie sind historisch wiederum zwei Gruppen zu unterscheiden. Misnagdim (Litvaker = Litauer) und Chassidim.

Der Chassidismus entstand im 18. Jahrhundert, sein Gründer war der Rabbiner Israel ben Eliezer, auch genannt Baal Shem Tov (Meister des guten Namens). Der Chassidismus wurde von den Misnagdim unter Führung des Gaon von Wilna bekämpft, 1772 wurde über sie ein Bann erlassen und die russische Regierung um Intervention ersucht. 1804 wurde die chassidische Bewegung seitens der russischen Behörden legalisiert.

Während für Misnagdim das genaue Talmudstudium im Vordergrund stand, wurde seitens der Chassidim auch dem persönlichen, teilweise mystischen Erleben in direkter Beziehung zu Gott besondere Bedeutung beigemessen. Dies äußert sich in Freude bei Feiern, im Tanz zusammen mit anderen Chassisidim, und in mystischen Erlebnissen und „Wundern“, getan von den chassidischen Rabbinern, den Rebbes. Chassidim sind auch an der speziellen Kleidung der Männer erkennbar: Wochentags tragen sie ein langes Jacket, am Sabbat einen Pelzhut (Streimel) und seidigen Kaftan (Bekishe).

Im Zuge der Zeit und in der gemeinsamen Opposition gegen die Haskalah-Bewegung („Aufklärung“) im Osteuropa des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Annäherung zwischen Misnagdim und Chassidim.

Die heute existierenden chassidischen Gruppierungen sind jene von Satmar (etwa 26.000 Familien weltweit), Chabad (etwa 17.000 Familien), Ger (12.000), Wischnitz (10.000), Belz (7000) und kleineren Gruppen wie Karlin, Bobov, Bratslaw und andere. Insgesamt ging man bei einer Hochrechnung 2015 international von 130.000 chassidischen Familien aus. Oft sind die Familien der Rebbes miteinander verwandt und leiten ihre Familientraditionen von den Gründern des Chassidismus ab. Die Namen der Gruppen verweisen auf die Herkunftsorte. Ihre Gesamtzahl wird unter Berücksichtigung jener in Europa, den USA und Australien weltweit in einer anderen Berechnung auf 1, 8 Millionen geschätzt. Während es einerseits Fälle von jungen Haredim gibt, die ihre Stammgruppe verlassen, gibt es umgekehrt eine Baale-Teshuva-Bewegung von profanen Juden, die sich den Haredim anschließen.

In Israel sind ungefähr 15% der Bevölkerung Haredim, die Tendenz ist infolge der Familiengröße steigend.

Als einzige chassidische Gruppierung wendet sich Chabad (die „Lubawitscher“) missionarisch an andere Juden; andere orthodoxe Gruppen meiden genau solche Kontakte, die über das beruflich notwendige hinausgehen. Besonders konsequent in ihrer Ablehnung des Zionismus sind die Chassidim von Satmar, die mit der Eda Haredit, heute auch „Jerusalemer Fraktion“ genannt, eigene Gemeindestrukturen zu schaffen versuchten.

Die Partei der Agudat Israel, geprägt von den Misnagdim, legte im Laufe der Jahre ihre Ablehnung des Staates Israel immer mehr ab und nahm an Regierungen teil. Eine radikale Splittergruppe, die diesen Kurs nicht mitgehen wollte, sind die Neturei Karta (aramäisch für „Wächter der Stadt“). Ihre Aktionen beinhalten Kontakte zum Iran und palästinensischen Organisationen sowie zu rechtsradikalen Holocaustleugnern.

In Israel waren die politischen Parteien der Haredim wie Agudat Israel und Shas den jeweiligen Regierungen in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis verbunden. Einerseits dienten sie sowohl Regierungen der Arbeiterpartei als auch des Likud als Mehrheitsbeschaffer, andererseits sind ihre Institutionen von staatlichen Subventionen finanziell abhängig. Dieser Trend wird sich in Zukunft verstärken, da die Möglichkeiten privater Spender geringer werden, nicht zuletzt auf Grund ihrer geringer werdenden Zahl in den oberen Einkommensschichten. Durch eigene Fach- und Berufsbildungsschulen versucht man, diesem Trend gegenzusteuern.

Das Verhältnis zwischen Haredim und Mehrheitsgesellschaft ist in Israel gerade in Coronazeiten ein ständiges Diskussionsthema, da etwa im Gegensatz zu anderen Rabbinern der einflussreiche Belzer Rebbe zur Missachtung von Regierungsverordnungen, die eine vorübergehende Schließung der Talmudschulen vorsahen, aufgerufen hatte.

Ein weiterer ständiger Zankapfel ist die weitgehende Befreiung der Haredim vom Wehrdienst. Von Ministerpräsident Ben-Gurion seinerzeit als Wehrdienstbefreiung für einige wenige Rabbinatsstudenten vorgesehen, betrifft sie nun einen ganzen Sektor der Bevölkerung Israels. Die Zahl jener Haredim, die den Wehrdienst ableisten, steigt nur langsam, obwohl es mit Nahal Haredi eigene Einheiten für sie gibt, in der auf ihre religiösen Bedürfnisse besonders eingegangen wird.

Nationalreligöse (Dati Leumi) Orthodoxie

Der Übergang von Haredim zu Nationalreligiösen fließend. Die Hardal (Wortverbindung von Haredi und Dati Leumi) unterscheiden sich von den Haredim im wesentlich nur durch ihr Erscheinungsbild, sie sind modern gekleidet, die Männer haben jedoch wie chassidische Haredim Schläfenlocken (Peot), tragen eine gehäkelte, meist weiße Kippa und sind Kernelement der Siedlerbewegung in Juda und Shomron. Radikale Elemente unter ihnen stehen der israelischen Regierung skeptisch gegenüber, da sie eine Regierungsform ausschließlich basierend auf der Halacha (dem Religionsgesetz) anstreben.

Spezielles Kennzeichen sind bei den Männern die Kippot sruggot (gehäkelten Kopfbedeckungen), deren Größe etwas über den Grad der Religiosität aussagen kann. Frauen tragen meistens Röcke und bedecken ihr Haar nicht wie bei den Charedim mit einer Perücke, sondern mit einem Kopftuch oder angedeutet mit einem Haarband.

Die Nationalreligiöse Bewegung oder Misrachi ist eine orthodox-zionistische Bewegung. Sie wurde 1902 in Wilna von Rabbiner Isaac Jakob Reines gegründet. In Israel versuchte Rabbiner Abraham Isaac Kook, der aschkenasische Oberrabbiner des Britischen Mandats Palästina, die zionistische Bewegung mit jüdischer Orthodoxie in Einklang zu bringen. Im politischen Zionismus und der zionistischen Siedlungsbewegung von weitgehend linken, sozialistischen Akteuren sah er, wenn auch von ihnen nicht beabsichtigt, eine Erfüllung biblischer Prophezeiungen und damit des göttlichen Willens. Nach dem Sechstagekrieg befürworteten die Nationalreligiösen eine Besiedlung aller Teile des Landes Israel und lehnten eine Teilung ab.

Wenngleich beide von persönlicher gegenseitiger Wertschätzung erfüllt waren, erwuchs Kook in Rabbiner Sonnenfeld, der die haredische Eda Haredit ins Leben rief, ein entschiedener ideologischer Gegner. Die Jeshiva Mercaz HaRav (Zentrum des Rabbiners) soll an ihn erinnern.

Nationalreligiöse beteiligten sich an den Dachverbänden der Kibbuzbewegung und des israelischen Gewerkschaftsbundes, und eine nationalreligiöse Arbeiterbewegung wurde ins Leben gerufen. Neben dem staatlichen Schulsystem und jenem der Haredim wurde ein eigenes staatliches nationalreligiöses Schulsystem entwickelt, das orthodox-religiöse mit profaner Bildung verband und die Bar-Ilan Hochschule gegründet.

Nationalreligiöse leisten wie andere jüdische Israelis Wehrdienst, häufig in etwa 100 Jeshivot Hesder, wo Talmudstudium mit Militärdienst verbunden wird. Auch nationalreligiöse Mädchen leisten häufig Zivildienst.

Der Anteil der Nationalreligiösen an der Gesamtbevölkerung dürfte rund 10% betragen, sie wurden im letzten Jahrzehnt von den Haredim durch deren höhere Kinderzahl überholt.

Im Gegensatz zu den ersten Jahren nach der Staatsgründung reicht die Teilnahme Nationalreligiöser an der Politik über die Partei Misrachi hinaus bis zum Likud. Heute existieren die Partei Jewish Home (Ha-bayit Ha Yehudi) und Yamina, die sich auch an traditionelle Juden wendet, sich als neue Rechtspartei versteht und auch für Nichtreligiöse eine Alternative zu Netanyahu darstellen will. Sie liegt derzeit in Meinungsumfragen nur knapp hinter dem Likud und reicht somit im Wählerpotential weit über den nationalreligiösen Kern hinaus.

Die nationalreligiöse Siedlerbewegung hatte ihren Ursprung in der Gruppe Gush Emunim, die in der Zeit nach dem siegreichen Sechstage-Krieg entstand und die Ideologie Rav Kooks radikalisierte. Während frühere Oberrabbiner Israels die nationalreligiöse Linie Rav Kooks fortführten, wie Oberrabbiner Shlomo Goren, der nach der Wiedervereinigung Jerusalems für eine jüdische Präsenz am Tempelberg eintrat, stieg in der Folge der Einfluss der Haredim im Oberrabbinat. Sowohl der aschkenasische als auch der sephardische Oberrabbiner stehen heute den Haredim nahe.

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