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Israel und der Holocaust (Teil 1): Die Rolle des Holocausts in der zionistischen Bewegung

Der Herzl-Platz in Wien. Herzls Schrift Der Judenstaat erschien fast ein halbes Jahrhundert vor dem Holocaust. (© imago images/Viennareport)
Der Herzl-Platz in Wien. Herzls Schrift Der Judenstaat erschien fast ein halbes Jahrhundert vor dem Holocaust. (© imago images/Viennareport)

Der Zionismus ist lange vor dem Holocaust entstanden, doch der Massenmord verdeutlichte die Notwendigkeit eines jüdischen Staates.

Von Daniel Schuster

Die Anfänge des Zionismus

Die zionistische Bewegung, die das Streben nach einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina beinhaltete, entstand vor dem Hintergrund jahrhundertelanger Verfolgungen und der Diskriminierung von Juden in Europa. Doch der Zionismus war nicht nur als Reaktion auf den Antisemitismus zu verstehen, sondern auch im Kontext des allgemeinen Nationalismus, der Ende des 19. Jahrhunderts in Europa aufkam.

Der Wiener Theodor Herzl (1860–1904), oft als Vater des modernen politischen Zionismus betrachtet, wurde durch die Dreyfus-Affäre in Frankreich, bei der ein jüdischer Offizier fälschlicherweise des Verrats beschuldigt wurde, zum Handeln motiviert. Herzl erkannte, dass die Assimilation allein das Problem des Antisemitismus nicht lösen würde. In seinem Werk Der Judenstaat von 1896 schrieb er:

»Die Judenfrage besteht. Es wäre töricht, sie zu leugnen. Sie ist ein verschlepptes Stück Mittelalter, mit dem die Kulturvölker auch heute beim besten Willen noch nicht fertig werden.«[1]

Im Judenstaat argumentierte Herzl für die Schaffung eines jüdischen Staates als einzige Lösung, die in seiner Vorstellung auch ein Segen für die Welt war: »Wir sind ein Volk, ein Volk!«[2]

»Die Juden, die es wollen, werden ihren Staat erlangen. Wir werden endlich als freie Menschen auf unserem eigenen Boden leben und in unseren eigenen Häusern friedlich sterben. Die Welt wird durch unsere Freiheit befreit, durch unseren Reichtum bereichert und durch unsere Größe verherrlicht werden. Und was auch immer wir dort zu unserem eigenen Nutzen versuchen, wird sich mächtig und segensreich auf das Wohl der gesamten Menschheit auswirken.«[3]

1897 wurde in Basel der erste Zionistenkongress abgehalten, auf dem die »Basler Erklärung« verabschiedet wurde, die das Ziel der Bewegung als die Errichtung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk definierte. In den folgenden Jahren trafen sich Zionisten regelmäßig, um die Vision von einem jüdischen Staat voranzutreiben.

Kultureller, revisionistischer und religiöser Zionismus

Neben dem politischen Zionismus gab es auch andere zionistische Strömungen. Der kulturelle Zionismus, vertreten durch Ascher Hirsch Ginsberg (1856–1927), besser bekannt unter seinem Pseudonym Ahad Ha’am, betonte die Wiederbelebung der jüdischen Kultur und Sprache. Er vertrat die Ansicht, Juden müssten sich zuerst kulturell, geistig und körperlich erneuern, bevor sie in Palästina einen eigenen Staat gründen könnten. Der Herausgeber eines Bandes mit Texten Ha’ams fasste dessen Charakterisierung des Judentums so zusammen: »Das zentrale Merkmal des Judentums ist der unerschütterliche Glaube an universelle Gerechtigkeit und an die absolute Herrschaft des Rechts über die Macht.«[4]

Macht über Recht war die Devise der revisionistischen Zionisten, gegründet von Wladimir Zeev Jabotinsky (1880–1940). Aus diesem Zionismus ging die paramilitärische Untergrundorganisation Irgun Zwai Leumi hervor. Diese schreckte auch nicht vor Terroranschlägen zurück, wie auf das King David Hotel 1946 in Jerusalem. Jabotinsky sah das zu gründende Israel als ein Bollwerk gegen die Barbarei: »Es gibt keine Gerechtigkeit, kein Gesetz und keinen Gott im Himmel, sondern nur ein einziges Gesetz, das über die gesamte [jüdische] Besiedlung [des Landes] entscheidet und sie aufhebt.«[5]

Der religiöse Zionismus, vertreten durch Rabbiner wie Abraham Isaac Kook (1865–1935), sah die Rückkehr der Juden nach Palästina als Beginn der messianischen Erlösung. Sie glaubten, dass das Land Israel (Eretz Israel) ein ihnen von Gott gegebenes Land ist:

»Der Zionismus war nicht nur eine politische Bewegung von säkularen Juden. Er war vielmehr ein Werkzeug Gottes, um seinen göttlichen Plan voranzutreiben und die Rückkehr der Juden in ihr Heimatland einzuleiten – das Land, das er Abraham, Isaak und Jakob versprochen hat. Gott möchte, dass die Kinder Israels in ihre Heimat zurückkehren, um einen jüdischen souveränen Staat zu errichten, in dem die Juden nach den Gesetzen der Tora und der Halakha leben und die Mitzvot von Eretz Israel begehen können (das sind religiöse Gebote, die nur im Land Israel erfüllt werden können).«[6]

Die Balfour-Erklärung

1917 markierte die Balfour-Erklärung einen Wendepunkt für den Zionismus. Großbritannien erklärte darin seine Unterstützung für die Errichtung einer »nationalen Heimstätte für das jüdische Volk« in Palästina, das damals unter osmanischer Kontrolle stand und nach dem Ersten Weltkrieg unter britisches Mandat kam. Arthur Balfour schrieb darin an Walter Rothschild:

»Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, mit der Maßgabe, dass nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte.«[7]

Der Zionismus vor dem Holocaust war ein komplexes Amalgam aus politischen, kulturellen und religiösen Ideen und Bewegungen. Obwohl er sich vor dem Hintergrund des europäischen Antisemitismus entwickelte, war er auch tief in der jüdischen Geschichte, Kultur und Religion verwurzelt. Das Verständnis dieser Phase des Zionismus ist entscheidend, um die nachfolgenden Ereignisse, einschließlich der Gründung Israels und der Auswirkungen des Holocausts, in ihrem vollen Kontext zu begreifen.

Der Holocaust als Wendepunkt

Der Holocaust, bei dem sechs Millionen Juden vom nationalsozialistischen Deutschland und seinen Kollaborateuren ermordet wurden, bleibt das dunkelste Kapitel der menschlichen Geschichte. Als beispielloser Akt des Völkermords hat er nicht nur das kollektive Bewusstsein der jüdischen Gemeinschaft geprägt, sondern auch den Verlauf der zionistischen Bewegung und die Geopolitik des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflusst.

Der Holocaust hat die Dringlichkeit und Notwendigkeit einer sicheren Heimat für Juden hervorgehoben wie kein anderes Ereignis in der jüngeren Geschichte. Während zuvor viele Juden in der Diaspora mit der Vorstellung einer Rückkehr nach Palästina sympathisierten, wurde diese Idee nach dem Holocaust für viele zur dringenden Notwendigkeit. Das Gefühl, dass Juden nirgendwo in der Welt sicher waren., führte zu einem Anstieg der jüdischen Einwanderung nach Palästina, trotz der Einschränkungen durch die britische Mandatsmacht.

Die Entschlossenheit, einen jüdischen Staat zu schaffen, wurde durch den Holocaust weiter verstärkt. Zionisten weltweit sahen die Gründung eines unabhängigen jüdischen Staates als die einzige Möglichkeit, solch ein Verbrechen in der Zukunft zu verhindern. Dieser erneuerte Drang wurde auch durch die Tatsache befeuert, dass viele Überlebende des Holocausts heimatlos waren, da ihre Gemeinden vernichtet und ihre Häuser von anderen übernommen worden waren.

Die Gräuel des Holocausts schockierten die Welt. Dieses weltweite Entsetzen trug dazu bei, die internationale Unterstützung für die zionistische Sache zu stärken. Der internationale Konsens, symbolisiert durch den UNO-Teilungsvorschlag von 1947, spiegelte ein neues Verständnis der Dringlichkeit eines jüdischen Staates wider.

Die Schaffung Israels und der Einfluss des Holocausts

Als Israel 1948 gegründet wurde, war die Erinnerung an den Holocaust frisch und prägte das junge Land in vielerlei Hinsicht, von seiner Militärpolitik bis hin zur Integration von Holocaust-Überlebenden in die Gesellschaft. Der Holocaust-Überlebende und israelische Historiker Meir Dworzecki bezeichnete Israel als »survivor-land«[8], als ein Land von Holocaust-Überlebenden. Der Holocaust hat die Notwendigkeit der Selbstverteidigung und die Ablehnung von Passivität in der israelischen Politik und Kultur verankert.

Es ist wichtig zu betonen, dass der Zionismus als Bewegung nicht ausschließlich als Reaktion auf den Holocaust entstanden ist. Zionismus existierte unabhängig vom Holocaust als eine ernstzunehmende Bewegung im Judentum. Allerdings hat der Holocaust die Dringlichkeit und Bedeutung einer jüdischen Heimat in einem neuen Licht dargestellt.

Einige argumentieren, dass die Verknüpfung des Holocausts mit der Gründung Israels problematisch sei, da sie die palästinensische Perspektive und die daraus resultierenden Konflikte übersehen würde. Es ist jedoch unbestreitbar, dass der Holocaust eine tiefgreifende Wirkung auf das kollektive Gedächtnis der Juden und die geopolitische Landschaft des Nahen Ostens hatte, sodass er in jeder Strategie zur Lösung des Konflikts mitgedacht werden muss.

Fazit

Der Holocaust und der Zionismus sind zwei miteinander verwobene Kapitel der jüdischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Während der Zionismus bereits vor dem Holocaust bestand, hat der Völkermord an den Juden die Notwendigkeit einer jüdischen Heimat im Bewusstsein vieler Menschen weltweit verankert. Das Verständnis dieser Verbindung ist entscheidend für die Betrachtung des modernen Nahen Ostens und des israelisch-palästinensischen Konflikts.

(Lesen Sie morgen den zweiten und abschließenden Teil.)


[1] Herzl, Theodor:  Der Judenstaat (1896), http://www.literaturdownload.at/pdf/Theodor_Herzl_-_Der_Judenstaat.pdf, S. 4

[2] Ebd.

[3] Ebd., S. 3

[4] Leon Simon, zit. nach Schlesinger jr.: Achad Haam über das Auserwählte Volk der Juden, Cafe Tel Aviv, 12. August 2018, https://www.cafetelaviv.de/israel/achad-haam-ueber-das-judentum/.

[5] Zit. nach Quotemaster, https://www.quotemaster.org/qf02b91d76395f4587b0e8fae31bdd5a3.

[6] Samson, David/Fishman, Tzvi: Torat Eretz Yisrael: The Teachings of HaRav Tzvi Yehuda HaCohen Kook, Jerusalem 1991

[7] Zit nach. Schneer, Jonathan: The Balfour Declaration. The origins of the Arab-Israeli conflict, London 2010, S. 436

[8] Dworzecki, Meir (1956). Holocaust Survivors in Israel – Research of Demographic and Biological Problems of Holocaust Survivors (She’erit Hapleita Be’Israel – Mehkar ha’beayot ha’demographiot ve’ha’ biologiot shell aliyat nitzolei ha’shoah). Gesher (year 2) 1: 83–114

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