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Wie Israel arabisch-israelische LGBT-Jugendliche schützt

In Haifa eröffnet demnächst Israels erste Unterkunft für arabisch-israelische LGBT-Jugendliche. (© imago images/ZUMA Press)
In Haifa eröffnet demnächst Israels erste Unterkunft für arabisch-israelische LGBT-Jugendliche. (© imago images/ZUMA Press)

LGBT-Jugendliche im arabischen Sektor werden oft angefeindet und bedroht. Ein neues Projekt in Haifa will speziell ihnen einen Schutzraum bieten.

Der Staat Israel wird demnächst seine erste Unterkunft für arabisch-israelische LGBT-Jugendliche eröffnen. Das hat das Ministerium für Wohlfahrts- und soziale Angelegenheiten in Jerusalem angekündigt, berichtet die auf den Nahen Osten spezialisierte englischsprachige Nachrichtenwebsite The Media Line.

Das Projekt geht auf die Initiative von Knesset-Abgeordneten zurück, die es als »historisch« werten. Zudem sollen in der nordisraelischen Hafenstadt Haifa zwei weitere Wohnanlagen für arabische LGBT-Erwachsene entstehen. Hintergrund der Maßnahme sei, dass arabisch-israelische LGBT-Jugendliche sich bislang nur an Einrichtungen wenden konnten, die von jüdischen Israelis betrieben werden, es dort aber häufig keine Sozialarbeiter gibt, die Arabisch sprechen.

Sie habe mit Angehörigen der arabischen LGBT-Gemeinschaft gesprochen und gefragt, was ihr dringendster Bedarf sei, sagt die israelisch-arabische Filmemacherin und Knesset-Abgeordnete Ibtisam Mara’ana, die seit Beginn dieser Legislaturperiode für die derzeit an der Regierung beteiligte Arbeitspartei im Parlament sitzt und sich sehr für diese Unterkunft eingesetzt hat. »Die einhellige Antwort, die ich erhielt, war, dass ein Rahmenwerk von Notunterkünften fehlt, ebenso wie provisorische Wohnungen für LGBT-Jugendliche aus dem arabischen Sektor.«

Die Unterkunft werde in einem Gebiet mit großer arabischer Bevölkerung entstehen, der genaue Ort stehe aber noch nicht fest, sagte sie. In der Einrichtung werde Arabisch gesprochen, zudem werde auf die besonderen soziokulturellen Bedingungen Rücksicht genommen. »Ich hoffe, dass die Einrichtung dieses Zentrums ein jahrelanges Tabu in der arabischen Gesellschaft in Bezug auf die LGBT-Gemeinschaft bricht, die richtige Antwort für junge Frauen und Männer in Not bietet und auch der arabischen LGBT-Gemeinschaft hilft, die Anerkennung und Legitimität zu erlangen, die sie verdient hat.«

Ein Sprecher des Ministeriums für Wohlfahrt und Soziales sagte gegenüber The Media Line, dass das Zentrum in etwa sechs Monaten eröffnet werde. Ziel sei es, sicherzustellen, dass arabisch-israelische Jugendliche »sich wohl fühlen, da die Jugendbetreuer ihre Sprache sprechen«.

16-Jähriger in Lebensgefahr

Die Idee, speziell auf den arabischen Sektor ausgerichtete Unterkünfte zu eröffnen, entstand im Jahr 2019, berichtet Or Keshet, der Direktor für Regierungsbeziehungen bei Aguda, Israels größter Organisation für LGBT-Rechte mit Sitz in Tel Aviv. Damals wurde ein 16-jähriger arabischer Israeli vor einer LGBT-Unterkunft in Tel Aviv von zwei seiner Brüder und einem von deren Freunden überfallen. Laut der Anklageschrift hatte einer der Brüder herausgefunden, dass der 16-Jährige eine Beziehung zu einem anderen Mann hatte. Daraufhin begann für den Jugendlichen eine Leidensgeschichte, die beinahe mit seiner Ermordung geendet hätte.

Zuerst hielt einer seiner Brüder ihm vor dem anderen Bruder und der Mutter ein Messer an die Kehle und sagte: »So, wie ich andere Leute getötet habe, habe ich kein Problem damit, dich zu töten. Ich werde dich erschießen und niemand wird wissen, dass ich es war.« Dann ohrfeigte, boxte und trat er ihn bis zur Bewusstlosigkeit. Nachdem der 16-Jährige Anzeige bei der Polizei erstattet hatte, sperrte die Familie ihn zu Hause ein. Dennoch gelang ihm die Flucht zu Beit Dror, einer LGBT-Unterkunft in Tel Aviv. Am Tag des Überfalls erkannte der Freund der beiden Brüder den 16-Jährigen vor dem Gebäude von Beit Dror. Als der Jugendliche an die Tür hämmerte, um sich ins Innere zu retten, fuhr einer der beiden Brüder ihn mit dem Auto an. Der andere Bruder sprang aus dem Wagen und stach mit einem Messer auf ihn ein. Als er um Hilfe rief und sich Passanten versammelten, flohen die Täter. Das Opfer wurde in kritischem Zustand mit drei lebensbedrohlichen Wunden an Hals, Brust und Magen ins Krankenhaus gebracht. Bei einer Notoperation mussten die Gallenblase und ein Teil des linken Lungenflügels entfernt werden.

Schutz vor Gewalt

»Aufgrund dieses Vorfalls haben wir und andere LGBT-Organisationen einen Prozess mit dem Ministerium für Wohlfahrt und Soziales eingeleitet, um herauszufinden, wie das Ministerium die Bedürfnisse der Gemeinschaft im arabischen Sektor besser erfüllen kann«, sagte Keshet gegenüber The Media Line. Viele arabische Israelis fühlten sich aufgrund »kultureller und sprachlicher Barrieren« in regulären Unterkünften fehl am Platz. Die meisten queeren arabischen Israelis würden von ihren Gemeinschaften gemieden und manche litten unter häuslicher Gewalt, wenn ihre sexuelle Orientierung ans Licht komme, so Keshet. »Einige sind in ihren Häusern eingesperrt und gefesselt.« Obwohl Tel Aviv als eine der LGBT-freundlichsten Städte der Welt bekannt sei, werde eine abweichende sexuelle Orientierung in vielen Teilen der arabisch-israelischen Gesellschaft als behandlungsbedürftige Störung angesehen.

Und auch die Helfer haben es nicht leicht, denn diejenigen, die arabischen LGBT-Jugendlichen Anlaufstellen bieten wollen, geraten schnell selbst ins Kreuzfeuer. Wie etwa die arabisch-israelische Christin Julia Zaher, der das Unternehmen Al Arz gehört. Al Arz mit Sitz in Nazareth ist einer der größten israelischen Hersteller von Tahini (Sesampaste). Es wurde zum Ziel einer arabischen Boykottkampagne, nachdem die Firma in Zusammenarbeit mitAgudaPläne zur Finanzierung einer Krisenhotline für LGBT-Jugendlicheangekündigt hatte. Dem Unternehmen wurde vorgeworfen, »Abweichungen in der palästinensischen Gesellschaft« zu fördern. In den sozialen Medien waren Videos zu sehen, die zeigten, wie arabische Lebensmittelhändler das Tahini von Al Arz aus ihren Regalen entfernten – was nur einmal mehr bewies, wie notwendig solche Hilfsangebote sind.

Auch die Knesset-Abgeordnete Mara’ana ist wegen des von ihr auf den Weg gebrachten Projekts nun unter Beschuss. Der Abgeordnete Walid Taha von der islamischen Ra’am-Partei schwor, dass er die Eröffnung einer solchen Unterkunft nicht zulassen werde. »Als arabische Frau in Ihrer Partei, Ibtisam, würden Sie besser daran tun, sich mit den brennenden Problemen der arabischen Gesellschaft auseinanderzusetzen«, sagte Taha. »Menschen in der arabischen Gesellschaft, Frau Ibtisam, halten an ihrer Religion und ihren Werten fest und stimmen nicht zu, dass ein Mann einen anderen Mann heiratet und eine Frau mit einer anderen Frau zusammen ist.«

Taha habe nicht verstanden, worum es geht, sagt Keshet. Mit gleichgeschlechtlicher Ehe habe das Projekt nichts zu tun. »Letztlich sprechen wir über etwas, das Leben retten kann. Der Zweck dieser Unterkünfte ist es, Menschen von der Straße zu holen und zu verhindern, dass sie in Prostitution, Armut oder Drogenabhängigkeit geraten. Das sind Menschen, die aus ihren Häusern vertrieben wurden und von ihren Familien sexuell, körperlich und verbal missbraucht wurden. Das Ziel ist es, ihnen einen warmen Ort, ein Bett, Essen und eine grundlegende menschliche Versorgung zu bieten.«

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