Verkehrte Welt

Von Florian Markl

„Der Bundespräsident hält nichts von einem präventiven Atomschlag Israels“, lässt der heutige Kurier seine Leser wissen. Die Aussage ist weniger wegen ihres Inhaltes bemerkenswert – nur die gegenteilige Behauptung wäre eine Schlagzeile wert –, sondern weil diese Frage überhaupt ernsthaft zur Sprache kam.

Auf die erste Frage im Kurier-Interview – „Droht ein Atomkrieg?“ – macht sich Heinz Fischer noch die Mühe, die Journalisten auf den aktuellen Stand der Auseinandersetzungen um das iranische Atomprogramm hinzuweisen: „Die Drohung ist nicht ein Atomangriff, sondern ein konventioneller Militärschlag.“ Aber Helmut Brandstätter und Josef Votzi wollen partout nicht von ihren apokalyptischen Fantasien ablassen und setzen nach: „Würden Sie verstehen, wenn sich Israel präventiv gegen den befürchteten Atomangriff des Iran wehrt?“

Dass die Gefahr einer iranischen Bombe nicht allein und nicht vorrangig darin besteht, dass die Mullahs diese tatsächlich einsetzen könnten, diese Erkenntnis hat sich offenbar noch nicht bis zur Kurier-Redaktion durchgesprochen. Fischer gibt sich verständnisvoll „Ich verstehe die Besorgnisse, die es in Israel und anderen Ländern gibt.“ Wie jeder weiß, folgt auf einen derartigen Satz unweigerlich ein „aber“. So auch in diesem Fall: „Ich kann mich aber nicht dazu durchringen, einen präventiven Atomschlag gutzuheißen“, fährt der Präsident fort. Was bei Günter Grass‘ Israel-feindlichem Gedicht vor wenigen Monaten noch zu Recht als Irrsinn abgetan wurde – die Warnung vor einem vermeintlich bevorstehenden atomaren Erstschlag der Israelis – ist also mittlerweile im politischen Mainstream angekommen.

Dass die Diskussion über das iranische Atomwaffenprogramm hierzulande mit der Realität vielfach höchstens tangential zu tun hat, belegt der Kurier nur wenige Seiten später. Da findet sich nämlich einerseits ein Bericht über „(g)egenseitige Drohungen“, in dem behauptet wird: „Premier Netanjahu drängt immer massiver auf einen Militärschlag“. Wer Netanjahus Rede vor der UN-Generalversammlung mitbekommen hat, wird über diese Aussage einigermaßen überrascht sein. Denn der zentrale Punkt in Netanjahus Rede war, wie eine militärische Auseinandersetzung mit dem Iran noch verhindert werden könnte.

Neben der kontrafaktischen Behauptung über Netanjahu findet sich ein Artikel über einen Iraner und einen Ex-Israeli, die in Niederösterreich „in perfekter Harmonie“ nebeneinander wohnen, als „Antithese zu den Regierungen ihrer ursprünglichen Heimat.“ Es handelt sich um eines jener abgeschmackten Motive, die sich unter Journalisten wohl auch deshalb so großer Beliebtheit erfreuen, weil sie sich ohne größeren gedanklichen Aufwand auf so viele Konflikte übertragen lassen: Kroate neben Serbe, Türke neben Grieche, Amerikaner neben Russe, Hundebesitzer neben Katzenfreund, Sternzeichen Wassermann neben Sternzeichen Krebs, oder in diesem Falle eben Israeli und Iraner, sie alle können friedlich nebeneinander leben. Wie rührend. Aber wer außer Rassisten und sonstigen bigotten Hassern hat all das jemals bezweifelt?

Liest man den Artikel, kann man sich des Eindrucks nicht verwehren, dass Kurier-Journalist Walter Friedl partout verwischen will, worum es in der Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm wirklich geht. Dabei ist „der Jude Samuel“, den Friedl in einem Ort mit dem bezeichnenden Namen Maria Ellend gefunden hat, ganz nach dem Geschmack europäischer Israel-„Kritiker“: Israel stelle die Bedrohung durch den Iran doch nur so in den Vordergrund, „um sich vor der längst überfälligen Lösung der Palästinenserfrage zu drücken“. 2000 Jahre Judenverfolgung seien „eine riesige Katastrophe“ gewesen, aber heute „sind die Israelis die Täter, das kann auch mit der Antisemitismus-Keule nicht mehr zugedeckt werden.“ Wer denn von den Israelis „verfolgt“ werde, wird zwar nicht ausgesprochen, aber man kann es sich schon denken, zumal davor gerade noch von der „Lösung der Palästinenserfrage“ die Rede war – woran erinnert einen das bloß?

„Alle in Nahost“, so resümiert Friedl, „sollten ein gleichwertiges Existenzrecht haben, Juden wie Muslime wie Christen.“ Seltsam nur, dass in dem gesamten Artikel nicht davon die Rede ist, wer denn dieser Friedensvision im Wege steht. Dass der israelisch-palästinensische Konflikt etwas damit zu tun haben könnte, dass den jüdischen Israelis von ihren Nachbarn nach wie vor das „Existenzrecht“ aberkannt wird, verschweigt Friedl jedenfalls genauso, wie man vergebens nach einer Erwähnung der Vernichtungsdrohungen gegen den jüdischen Staat sucht, die ständig aus Teheran verlautet werden. Von „Juden-Verfolgung“ ist nur in der Vergangenheitsform die Rede, so als gehöre diese praktisch wie rhetorisch nicht zur nahöstlichen Gegenwart.

So sieht der Blick des Kurier auf den Nahen Osten aus: In einem klaren Fall von Täter-Opfer-Umkehr firmieren Israelis nur mehr als „Täter“, gewissermaßen als Nazis von heute; der Hass auf den Judenstaat ist aus der Berichterstattung völlig verschwunden; und wenn Israels Premier Netanjahu lange darüber spricht, wie ein Krieg vielleicht vermieden werden könnte, sieht der Kurier darin ein immer massiveres Drängen auf Militärschläge, womöglich gar einen atomaren Erstschlag – es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine verkehrte Welt.


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