Was will die Muslimbruderschaft in Europa?

Heinisch: Man kann [das Ziel der Muslimbruderschaft in Europa] in einem Satz wiedergeben, der immer wieder in Milli-Görüs-Predigten auftaucht: ‚Die Sonne wird im Westen aufgehen‘, eine Metapher für den Aufstieg des Islam im Westen. Das mag man als realitätsferne Utopie betrachten, aber das ist dennoch das Ziel aller Gruppen aus dem Spektrum des Islamismus: eine islamische Weltgemeinschaft, regiert von einem Kalifen. Letztlich ist das auch nicht visionärer als etwa der Glaube an eine kommunistische Weltrevolution. (…)

Und ja, man versucht es durchaus mit Dawa, also mit Missionsarbeit, zu erreichen, aber auch durch Aufrufe zu höheren Geburtenraten. Führende Personen propagieren das ganz öffentlich. Auch Erdogan ruft die in Europa lebenden Menschen türkischer Herkunft dazu auf: ‚Macht fünf Kinder, nicht drei, denn ihr seid Europas Zukunft‘. Yusuf al-Qarafdawi, der aktuelle Chefideologe der Muslimbruderschaft sagte einmal: ‚Wir werden Europa dereinst erobern, aber ohne zum Schwert greifen zu müssen.‘

Wenn man manche Aussagen von Ideologen aus dem islamistischen Spektrum liest, müsste man oft nur ein paar Worte austauschen und könnte es dann genauso gut als rechtsradikale Schrift publizieren. Der Betreiber eines islamischen Kindergartens in Wien, Muhammad Ismail Suk, hat 2010 in einer bosnischen Moschee einen Vortrag gehalten. Darin findet sich eine Passage, in der er ‚ausrechnet‘, wie lange es dauern wird, bis in einzelnen Staaten Europas eine islamische Mehrheit gewachsen ist. Dann könnte man ganz demokratisch die Sharia einführen. Das ist leider keine Erfindung rechtsradikaler verschwörungstheoretischer Kreise, sondern die Utopie islamistischer Kreise, die immer wieder offen propagiert wird. Rechtsradikale und Islamisten ergänzen sich hier gegenseitig in ihren Bildern. Als Fazit kann man also sagen, dass Islamisten das Endziel einer Islamisierung verfolgen.

TLP: Stellt es nicht auch ein Problem dar, dass die Strukturen der Muslimbrüder so undurchsichtig sind? Man kann ja keinen Mitgliedsantrag ausfüllen und schon ist man dabei. Gleitet man da nicht sehr schnell in Verschwörungstheorien, den Vorwurf der Kontaktschuld oder Sippenhaftung ab? Die MJÖ (‚Muslimische Jugend Österreichs‘) hat ja auch einmal dagegen geklagt, dass ihr eine Nähe unterstellt wird.

Heinisch: Es wird gerne so dargestellt. Das ist ein häufiger Vorwurf. Dadurch wird das eigentliche Problem aber heruntergespielt, denn es geht keineswegs nur darum, dass man der falschen Person vielleicht einmal die Hand gegeben hat. Interessanterweise kommt dieser Vorwurf, hier würde Kontaktschuld konstruiert ausschließlich, wenn es um Islamismus geht, niemand käme auf die Idee, diesen Vorwurf in Bezug auf das rechte Spektrum zuzulassen. Bei den Fällen, die ich aufliste, geht es ausschließlich um organisatorische Zusammenarbeit und um von ihnen veröffentlichte Texte. (…)

Könnte ich meine Vorwürfe tatsächlich nur mit einigen wenigen zufälligen Kontakten belegen, dann hätte ich vermutlich schon mehrere Klagen ausgelöst. Ich kann das, was ich behaupte jedoch gut belegen. Nehmen wir noch einmal das Beispiel der Frau Shakir: Der Trägerverein ihrer Schule war ein Verein der Muslimbruderschaft und ihr Bruder, eine zentrale Figur der Bruderschaft hat in diesem Verein eine führende Funktion inne. Da lässt sich schlecht argumentieren, sie sei da zufällig hineingeraten.

In der Mitte sitzend Necmettin Erbakan, rechts neben ihm IGGÖ-Chef Ümit Vural, im Hintergrund Mehmet Arslan. Quelle: Youtube.

Oder Ümit Vural, Präsident der IGGÖ: Er war nachweislich in führenden Positionen der Islamischen Föderation tätig, dem österreichischen Ableger der Milli Görüs. Als Necmettin Erbakan, der Gründer der Milli Görüs, 2010 in Wien war, gehörte Vural zu jenen Mitgliedern der Islamischen Föderation, die auf Bildern in unmittelbarer Nähe Erbakans zu sehen sind. Und er war Anfang 2019 auf der erwähnten Konferenz in Köln, auf der auch Ibrahim el-Zayat und weitere führende europäische Muslimbrüder anwesend waren und es ist nicht anzunehmen, dass Vural das nicht wusste. Da ist die Frage berechtigt, was er dort eigentlich getan hat und was er mit den Anwesenden zu tun hat.

Ohne konkrete Beweise würde ich niemanden in die Nähe der Muslimbruderschaft oder des politischen Islam rücken. Die Muslimische Jugend (MJÖ) hat schon öfter erfolgreich dagegen geklagt, mit der Muslimbruderschaft in Verbindung gebracht zu werden. Interessanter sind aber jene Fälle, in denen sie wohlweislich nicht geklagt hat, wie etwa gegen einen sehr gut recherchierten Artikel in der NZZ, in dem etliche Querverbindungen der MJÖ zu Organisationen der Muslimbruderschaft nachgewiesen wurden. Mit dem Vorwurf, Kontaktschuld zu konstruieren, sollen denn auch, so denke ich, diese Netzwerke verschleiert werden.

TLP: Zum Abschluss habe ich noch ein Zitat von Michael Ley: ‚Die Muslimbruderschaft ist gefährlicher als der IS‘. Das bezog sich darauf, dass die Bruderschaft intelligenter, konspirativer und ohne Gewalt vorgeht. Würden sie dieser Aussage zustimmen?

Heinisch: (…) Schaut man sich die Motive der Terroristen an, findet sich neben Ablehnung westlicher Lebensweise, Hass auf die pluralistische Gesellschaft, auf die USA, auf Israel und auf Juden, auch der Wunsch, den Islam zu verteidigen und ein Gemeinwesen auf islamischer Grundlage zu errichten. Nur eine islamische Weltordnung wird als gerecht und erstrebenswert angesehen. All das findet sich aber auch immer wieder in den Predigten diverser islamischer Organisationen in Europa. In vielen Moscheen der türkischen Diyanet-Ableger, der Millî Görüş, der ‚Grauen Wölfe‘ und jenen der Muslimbruderschaft werden Anders- und Nichtgläubige als ‚Ungläubige‘ abgewertet, wird vor westlicher Lebensweise und Moral gewarnt. Im Mainstream-Islam ist die Utopie der Islamisierung der Welt nach wie vor präsent. Der Weg ist verschieden, das Ziel aber ist dasselbe. Legalistisch vorgehende Islamisten treten den Marsch durch die Institutionen an, um dieses Ziel zu erreichen.

Selbst die Theologie des Dschihad ist Bestandteil legalistisch islamistischer Ideologie. Zwar wird zwischen dem großen und dem kleinen Dschihad unterschieden, wobei der Große den Kampf gegen das eigene Ego bedeutet und der Kleine die kriegerische Verteidigung. Zwar wird betont, dass Muslime nur dann die Erlaubnis zum Kampf haben, wenn sie angegriffen werden, aber gleichzeitig werden Muslime in jedem nur denkbaren Zusammenhang als Opfer dargestellt. Jeder einzelne Konflikt wird von ihnen aus der Opferperspektive erzählt: der Nahost-Konflikt, die Vertreibung und Ermordung der Rohingya in Myanmar, Afghanistan und der Irak, die Politik Chinas oder Indiens gegenüber der muslimischen Minderheit, historische Ereignisse wie die Kreuzzüge, die Rückeroberung Spaniens oder die schrittweise Zurückdrängung der Osmanen aus Osteuropa. All diese Ereignisse werden mit individuellen Erfahrungen zu einem Narrativ verwoben, dessen Kern die Verfolgung der Muslime durch alle Zeiten und an allen Orten ist.“ (Auszug aus: „‚Wir werden Europa erobern, ohne zum Schwert zu greifen‘. Heiko Heinisch im Interview über die Muslimbruderschaft“)

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