Mena-Exklusiv

Wie un-islamisch sind Wuff und Bello?

Von Stefan Frank

In Jordanien werden seit Ende Oktober massenhaft streunende Hunde getötet, zum Teil auf tierquälerische Weise. Das berichten Tierschützer und die Zeitschrift The Atlantic. Anlass war der Tod von Malak al-Qaraan, einem zweijährigen Mädchen, das an Tollwut starb, nachdem es von einem streunenden Hund gebissen worden war. Laut ihrem Onkel sei Malak mit ihrer Familie draußen gewesen, als ein Hund auftauchte und sie ins Gesicht biss. Im Krankenhaus habe der Arzt die Wunde genäht, ohne sie zu behandeln. Drei Wochen später war Malak tot.

In einer Radiosendung sagte der jordanische Großmufti, Mohammad Al-Khalaileh, daraufhin, es sei erlaubt, Hunde zu töten, die „Dich, Deine Kinder oder Dein Vieh angreifen“. Menschliches Leben sei wertvoller als tierisches. Wie Alice Su, die jordanische Korrespondentin des Atlantic, schreibt, habe der Radiomoderator, Mohammed al-Wakeel, auf Twitter dann den arabischen Hashtag #Gemeinsam_streunende_Hunde_eliminieren geschaffen. „Innerhalb von Tagen“, so Su, „vergifteten oder erschossen die Behörden Hunderte streunender Hunde überall im Land“. Am 8. November meldeten jordanische Medien die Zahl von 800 getöteten Hunden – allein in dem Ort Karak. In der im Westen Jordaniens gelegenen Stadt, die für ihre Kreuzfahrerburg berühmt ist, leben gerade einmal 20.000 Menschen. Auf Facebook zirkuliert ein Video, das zeigen soll, wie Scharfschützen im Morgengrauen von LKWs aus Hunde erschießen.

Manche Jordanier protestieren gegen die Tötungen, so Alice Su, indem sie selbstgedrehte Videos und Petitionen mit grausigen Fotos verbreiten: „Blutverschmierte Hundeleichen, die auf der Straße aneinandergereiht sind oder auf der Ladefläche eines LKW gehäuft; Hunde, die sich am Boden winden und vom Gift zucken oder mit gläsernen Augen in einer Blutlache liegen; ein von Kugeln getroffener Welpe, dem etliche Zähne fehlen, humpelt über einen Fliesenboden, um an einer Futterschale zu schnüffeln.“

Die jüngste Massentötung streunender Hunde in Jordanien zeige einmal mehr, wie wichtig das „strategische Management streunender Hunde“ sei, sagt Julie Sanders, Direktorin des Departments für Heimtiere bei der Tierschutzorganisation Vier Pfoten International, gegenüber Mena Watch. Vier Pfoten betreibt seit 2010 Projekte für streunende Hunde in Jordanien. „Der unnötige Tod des jungen Mädchens macht uns sehr traurig“, so Sanders. „Doch Massentötungen streunender Hunde können nicht als eine langfristige Lösung betrachtet werden. Die grausame Praxis, zu der das Erschießen, Vergiften und Erschlagen der Tiere gehört, ist inakzeptabel und hat nur einen kurzfristigen Effekt, auf die unmenschlichste Art.“

Auch aus dem Iran kommen immer wieder Berichte über Massentötungen von Hunden. Hundehaltung, die keinem praktischen Nutzen dient – anders als etwa Blinden-, Hüte- oder Wachhunde – ist im Iran verboten; Hundehalter müssen damit rechnen, dass der Staat ihnen ihre Haustiere unter dem Vorwand einer angeblich nötigen Impfung wegnimmt und sie sie nie wiedersehen. Hunde als Haustiere zu halten, gilt den Ayatollahs als „westlich“ und „unislamisch“, es handle sich um „unreine“ Geschöpfe. Manche Iraner betrachten das Ausführen von Hunden als einen Akt des Widerstands gegen das Regime.

In Jordanien aber gebe es keinen „heiligen Krieg gegen Hunde“, schreibt Alice Su. Ahmad al-Hasanat, Generalsekretär der jordanischen Dar al-Iftaa – dem Fatwa-Amt –, habe gesagt, dass die Worte des Muftis nichts als Befehl zum Töten gemeint gewesen seien. „Es ist verboten, Hunde auf diese Weise zu töten.“ Die Fatwa erlaube lediglich das Töten eines Hundes, der jemandes Leben bedroht, so al-Hasanat. „Wenn es Hunde gibt, die auf der Straße leben, dann sagt niemand, dass man sie töten soll.“ Am 12. November hat die Dar al-Iftaa eine neue Fatwa erlassen, in der sie schreibt, dass der Koran zu Mitleid mit Tieren aufrufe; Tiere dürften nur zum Selbstschutz getötet werden und auch dann nur auf humane Weise. „Doch die Tötungen gehen weiter“, schreibt Su, „und werden weitergehen, solange keine rechtliche und gesellschaftliche Lösung gefunden ist“.

Julie Sanders sieht die einzige Lösung mit dauerhaftem Nutzen in einer großangelegten Tollwutimpfungskampagne; außerdem müssten die Hunde kastriert werden. „Die Situation in Jordanien zeigt einmal mehr, dass streunende Tiere in vielen Ländern in einer ernsten Lage sind und mehr Akzeptanz und Verständnis brauchen.“

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