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Geht der Antisemitismus in Deutschland tatsächlich zurück?

„In der jüngsten Leipziger ‚Mitte-Studie‘ mit dem Titel ‚Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland‘ fällt der Antisemitismus unter die Fünf-Prozent-Grenze. ‚Die Zustimmung zum Antisemitismus ist in der Tendenz insgesamt rückläufig‘, schreiben die Autoren mit Blick auf die zurückliegenden Mitte-Studien, die alle zwei Jahre erscheinen. Es gibt nur ein Problem: Die Studie misst nicht tatsächlich vorkommenden Antisemitismus, sondern nur sogenannten klassischen Antisemitismus. (…)

Andere Formen des Antisemitismus werden außen vor gelassen. Zum modernen Antisemitismus findet sich keine einzige Frage. Dabei ist Antisemitismus – gerade in Deutschland – eine enorm flexible und wandelbare Ideologie. Der moderne Antisemitismus projiziert auf Israel, was er früher auf die Juden projizierte, hetzt gegen Banker, wo er früher nur Juden sah, und verfällt in ein verschwörungstheoretisches Geraune über ‚die da oben‘, anstatt über ‚die Juden an den Machthebeln‘ zu schwadronieren. Der klassische Antisemitismus ist weit weniger verbreitet als andere Formen des Antisemitismus. Dadurch, dass die Studie sich auf diesen beschränkt, gelingt es ihr nicht, das reale Ausmaß des Antisemitismus aufzuzeigen. Andere Studien, die mit ihrem Fragenkatalog auch modernen Antisemitismus erfassen, kommen zu deutlich höheren Werten.“

(Alexander Nabert: „Das Problem mit der ‚Mitte Studie‘ und dem Antisemitismus“)

 

„Weil der Fokus der Untersuchung in diesem Jahr aber auf der Islamfeindlichkeit in Deutschland gelegen habe, hätten sich die Leipziger bei den Fragen zum Antisemitismus auf die klassischen Ressentiments beschränkt. ‚Unsere Studie darf deshalb aber keinesfalls als Entwarnung in Hinsicht auf den Antisemitismus in Deutschland gewertet werden‘, warnt der Extremismusforscher [ und Studienverfasser Oliver Decker].

Besonders häufig sind dabei anti-zionistische Ressentiments – also etwa Vergleiche der Politik Israels mit den Verbrechen der Nationalsozialisten oder das Abstreiten des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung. ‚Mit der Israel-Ablehnung verbindet sich oftmals eine Täter-Opfer-Umkehr: Wer Israel unterstellt, rassistisch zu agieren, kann damit die eigenen historischen Schuldgefühle ausblenden‘, sagt Salzborn [Antisemitismusforscher an der Universität Göttingen]. Und diese Ressentiments finden sich nicht nur am rechten Rand unserer Gesellschaft. Im Gegenteil: Antisemitismus ist häufig der Ort, wo lechts und rinks sich treffen: Das zeigt eine Studie, die Salzborn bereits 2011 vorgelegt hatte. ‚Antisemitismus speist sich dort aus einer anti-imperialistischen Tradition, die ihren Ursprung in den K-Gruppen der 70er-Jahre findet‘, heißt es darin.“

(Johannes C. Bockenheimer: „‚Mitte‘-Studie der Uni Leipzig. Sterben die Antisemiten wirklich aus?)

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