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Afghanistan, ein Jahr nach dem Sieg der Taliban

Im Afghanistan unter Taliban-Herrschaft ist seit Mai das Tragen der Burka für Frauen wieder Pflicht. (© imago images/photothek)
Im Afghanistan unter Taliban-Herrschaft ist seit Mai das Tragen der Burka für Frauen wieder Pflicht. (© imago images/photothek)

Gäbe es nicht noch Widerstand von Überresten der Nordallianz, könnten die Taliban ungetrübt feiern: Ihr Kalkül ist voll aufgegangen.

Vor einem Jahr standen die Taliban kurz vor Kabul und es war nur noch eine Frage von Tagen, bis sie auch die afghanische Hauptstadt einnehmen und dem Westen eine der wohl schmählichsten Niederlagen bereiten würden, die er bislang erlebt hat. Schon damals warnten kritische Stimmen, dass diese Kapitulation nicht nur für die Menschen in Afghanistan fatale Folgen haben, sondern auch weltweit allerlei Diktatoren und Autokraten in ihrer Annahme bestätigen würde, dass die USA und Europa schwach und erpressbar seien. Vermutlich waren es auch die Bilder von damals, die den Kreml bei seiner Entscheidung beeinflussten, eine militärische Invasion der Ukraine vorzubereiten.

Erinnert sich im Vorfeld dieses unrühmlichen Jahrestages noch jemand an all das Gerede, die Taliban seien moderater geworden und besonders bezüglich von Frauenrechten weit weniger radikal als in den 1990er Jahren? Erinnert sich noch jemand, dass es afghanische Frauenrechtlerinnen waren, die damals warnten, bei den entsprechenden Äußerungen der Taliban handle es sich lediglich um taktische Zugeständnisse, und in Wirklichkeit habe sich nichts geändert?

Beteuerungen nichts wert

Wie zu erwarten war, sollten sie leider Recht behalten. Systematisch werden Frauen nämlich seit vergangenem August (wieder) aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Entgegen anderslautender Versprechen von damals haben die Mädchenschulen nicht wieder geöffnet – und werden es wohl auch nicht mehr, solange die Taliban an der Macht sind.

Dafür verhängten sie im Mai erneut den Zwang, in der Öffentlichkeit Burkas zu tragen. Frauen dürfen innerhalb Afghanistans auch nicht mehr alleine, also ohne die laut Taliban-Vorstellungen passenden männlichen Begleiter, reisen.

Wie ernst es den Taliban mit ihrem Krieg gegen die Frauen ist, demonstrierten sie erneut vor wenigen Tagen: Noch sind in verschiedenen öffentlichen Einrichtungen einige Frauen beschäftigt, einfach, weil sich bislang keine Männer fanden, die sie ersetzen können. Doch nun wurden Angestellte »des afghanischen Finanzministeriums aufgefordert, einen männlichen Verwandten zu schicken«.

Wie im Iran auch, dessen Staatsverständnis auf der nicht verhandelbaren Ungleichbehandlung von Frauen und dem Ziel der Vernichtung Israels beruht, ist auch den Taliban von ganz zentraler Bedeutung, ihr Programm zur völligen Segregation der Geschlechter mit allen Mitteln und gegen alle Widerstände umzusetzen. Dafür sind sie auch bereit, trotz der ohnehin schon humanitären Notlage im Land weitere wirtschaftliche Verwerfungen hinzunehmen.

So stellte Sima Bahous, die Direktorin der United Nations Entity for Gender Equality and the Empowerment of Women (UN-Women) im Mai fest:

»Die derzeitigen Beschränkungen für die Erwerbstätigkeit von Frauen führen Schätzungen zufolge zu einem unmittelbaren wirtschaftlichen Verlust von bis zu einer Milliarde US-Dollar oder bis zu fünf Prozent des afghanischen BIP. In dem Land herrscht fast überall Armut. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist in irgendeiner Form auf humanitäre Hilfe angewiesen, und eine ganze Generation ist von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung bedroht. Die jüngsten Restriktionen erschweren die Bemühungen um einen Wiederaufbau, wenn sie diese nicht sogar unmöglich machen.«

Fast ungetrübter Jahrestag

Die Rechnung der Taliban aus dem Vorjahr ging also auf: Einmal mehr spielten sie auf Zeit, wussten sie doch ganz genau, dass das westliche Gerede über Menschen- und Frauenrechte binnen weniger Wochen verstummen und sich in wenigen Monaten kaum noch jemand um das Schicksal Afghanistans kümmern werde. Solange sie sich nur darauf beschränken, die eigene Bevölkerung zu malträtieren und keine internationalen Terrororganisationen unterstützen, werde man sie in Ruhe lassen. Und auch Hilfsgelder fließen ja schon wieder, die – anders als zuvor angekündigt – an keinerlei Bedingungen mehr gebunden sind.

Wären da nicht diese renitenten Überreste der Nordallianz, die im Pandschir Gebirge weiter Widerstand leisten und in letzter Zeit, obwohl sie keine nennenswerte internationale Unterstützung erhalten, sogar einige Erfolge zu vermelden hatten, könnten die Taliban den Jahrestag ihres großen Sieges über den Westen im vergangenen Jahr ganz ungetrübt feiern.

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