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Hetzreden gegen Christen, Homosexuelle und Juden in französischer Moschee

Frankreich schließt die Moschee von Beauvais für sechs Monate

Wegen „Aufrufen zu Gewalt und Hass“ hat die Präfektin des französischen Departements Oise, Corinne Orzechowski, eine Moschee in der nordfranzösischen 56.000-Einwohner-Stadt Beauvais per Verwaltungsanordnung für sechs Monate geschlossen. Zahlreiche regionale und überregionale französische Zeitungen und Fernsehsender haben über diese Verfügung berichtet.

Diese ist seit dem 27. Dezember rechtskräftig, war aber schon zwei Wochen zuvor erlassen worden. In der Zwischenzeit hatte der Moscheeverein Gelegenheit, Einspruch einzulegen, was aber entweder nicht geschehen ist oder nicht erfolgreich war.

Die Einrichtung, um die es geht, wird in einigen Zeitungsberichten als „die große Moschee“ bezeichnet. Trotz dieser Bezeichnung handelt es sich allerdings lediglich um einen provisorischen Gebetsraum, der von den Gläubigen seit vier Jahren genutzt wurde, bis die künftige Bilal-Moschee fertiggestellt ist.

2016 berichtete das Fernsehen über einen Tag der offenen Tür in der Moschee. Islam bedeute, „alle mit offenen Armen zu empfangen“, sagte ein Sprecher des Moscheevereins Espoir et fraternité („Hoffnung und Brüderlichkeit“, kurz: Ascef) damals in dem Fernsehbeitrag.

Hetzreden eines Konvertiten

Das war aber offenbar nicht der Geist aller Predigten, die dort gehalten wurden. Laut Gerald Darmanin, dem französischen Innenminister, soll ein Imam dort Hetzreden „gegen Christen, Homosexuelle und Juden“ gehalten haben. „Ich habe keine zittrige Hand, wenn es um Leute geht, die auf schwere Art unser republikanisches Modell und Frankreich angreifen“, fügte der Minister hinzu.

Bei dem Imam handelt es sich um einen Konvertiten aus der Nachbarstadt Creil, der nach eigenen Angaben an der Islamischen Universität von Medina in Saudi-Arabien studiert hat. Er heißt mit bürgerlichem Namen Eddy Lecocq, nennt sich aber Islem Eddy Abou Ouweys.

Er soll nach außen hin als „gelegentlicher“ Prediger dargestellt, in Wirklichkeit aber der reguläre Imam gewesen sein.

Sein Twitter-Account ist seit Donnerstag nicht mehr öffentlich zugänglich, der Verfasser konnte aber vorher noch einen – flüchtigen – Blick drauf werfen. Es fanden sich keine auf den ersten Blick extremistischen Tweets wie etwa offene Aufrufe zur Gewalt.

Ein Retweet allerdings, der auf einen Vortrag hinwies, dessen Thema die angeblich schädlichen Folgen von Musik für die Gläubigen waren – nicht von bestimmter Musik, sondern von Musik im Allgemeinen – verriet eine radikale Geisteshaltung. Auch radikal-islamische Terrororganisationen wie der IS, die Hamas oder die al-Shabab-Milizen lehnen Musik aus religiösen Gründen ab, deshalb wurden schon Musiker oder Radiomoderatoren ermordet.

In dem Dekret der Präfektin, aus dem die Tageszeitung Le Monde zitiert, wird Lecocq vorgeworfen, den „Dschihad“ zur „Pflicht“ ernannt und „Kämpfer“ als „Helden“ bezeichnet zu haben, die den Islam vor der angeblichen Bedrohung durch westliche Gesellschaften schützten. Diese Gesellschaft bestehe laut Lecocq aus „Islamophoben, Ungläubigen, Vergewaltigern und Mördern“.

Lecocq habe die Gläubigen aufgefordert, sich „auf ihre Identität zu besinnen“ und mit der „Republik zu brechen“.

Zudem soll der Imam „eine rigorose und radikale Praxis des Islam« verteidigt und sich für „eine strikte Anwendung des islamischen Schleiers« ausgesprochen haben, gefolgt von, „diskriminierenden oder sogar gewalttätigen Bemerkungen gegenüber Frauen, die dieser ‚Verpflichtung‘ nicht nachkommen“. Frauen, die den Schleier nicht tragen, habe er als „Bewohner der Hölle“ bezeichnet und ihre Bestrafung gebilligt.

Alle diese Äußerungen könnten „als Provokation von Gewalt, Hass oder Diskriminierung mit dem Ziel angesehen werden, terroristische Handlungen zu provozieren oder solche Handlungen zu billigen“, heißt es in dem Dekret weiter.

Unverständnis der Moscheebesucher

Nach Angaben des Rechtsanwalts Samim Bolaky, der den Moscheeverein vertritt, wurde Lecocq in der Zwischenzeit von seinem Amt vorübergehend suspendiert. Man treffe sich weiter und werde „Beobachtungen“ mitteilen, sagte Bolaky Mitte des Monats gegenüber einem Reporter der Wochenzeitung Oise Hebdo, Nicolas Aubouin.

Von Aubouin befragte Besucher der Moschee äußerten Unverständnis über die Entscheidung. Bemerkungen des Imams seien „aus dem Zusammenhang gerissen“ worden, sagte einer. Ein anderer meinte: „Wenn [der Imam] Blödsinn sagt, ist er derjenige, der zu beurteilen ist. Wenn ein Priester eine pädophile Handlung begeht, verurteilen wir den Priester, nicht die Christen.“

Es bestehe auch Sorge, was als nächstes passieren wird, resümiert Aubouin in seinem Bericht für Oise Hebdo, zumal der Neubau der Moschee im Gange sei. Ein Gebäude, „in das die Gläubigen viel investiert haben“, sagt Hocine Rahmani von der Union des Berbères du Beauvaisis gegenüber dem Reporter.

Der Fall des radikalen Imams sei „für die Stadt erschreckend“, so Rahmani.  „Derjenige, der solche Dinge gesagt hat, ist kein Beauvaisien, er kommt aus dem Mittelalter«, kritisert er. „Wie kannst du Gott anbeten und seine Kinder hassen?“

Aus seiner Sicht ist die Moschee von Beauvais „besudelt, verspottet“ worden. Er sei „besonders traurig“ über diese Affäre, sagt Hocine Rahmani, schließlich sei das Klima zwischen den verschiedenen Religionen in Beauvais „im Vergleich zu anderen Städten des Departements“ ruhiger.

Separatismusgesetz

Als Reaktion auf die Enthauptung des Lehrers Samuel Paty hat das französische Parlament Anfang 2021 ein Gesetz „zur Stärkung des Respekts gegenüber den Prinzipien der Republik“ angenommen, das auch als „Gesetz gegen Separatismus“ bezeichnet wird. „Unser Land krankt an Separatismus. Die schlimmste Art davon, der Islamismus, verletzt unsere nationale Einheit“, sagte Innenminister  Darmanin damals. Man müsse wissen, „wie man die Krankheit benennt“ und „die Arznei finden“.

In Frankreich gibt es nach Angaben des Innenministeriums 2.623 Moscheen und islamische Gebetsräume, von denen in diesem Jahr „99 des Separatismus verdächtigt wurden“. Alle seien „in den letzten Monaten überprüft« worden.

Bei 36 Stätten hätten die Kontrollen ergeben, dass dort „das Recht der Republik strikt eingehalten werde, etwa nach einem Imam- oder Verbandswechsel“, so das Ministerium. 21 Moscheen oder Gebetsräume seien derzeit aufgrund einer behördlichen Anordnung oder einer gerichtlichen Entscheidung geschlossen; sechs weitere unterlägen „einer Anweisung, die es ermöglicht, eine Schließung einzuleiten, in insbesondere auf der Grundlage des Separatismusgesetzes“.

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