In wenigen Tagen sind große Teile der von den SDF verwalteten Region in Nordostsyrien von Truppen der syrischen Interimsregierung erobert worden. Viele Kurden fürchten nun um ihre Existenz. Unterstützung aus den USA kommt derweil keine.
Jonathan Schmidt-Dominé
Vom montäglichen Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmad al-Sharaa berichtet Amberin ZamaninAl-Monitorunter Berufung auf vertrauliche Quellen, dass al-Sharaa zugesagt habe, seine Soldaten Hasakah, die mehrheitlich von Kurden bevölkerte Hauptstadt der von der Partei der Demokratischen Union (PYD) geführten autonomen Verwaltung in Nordostsyrien (DAANES), nicht betreten zu lassen.
Zu diesem Zeitpunkt sicherten sich die Soldaten der syrischen Armee bzw. der in sie integrierten Milizen nach Gefechten mit den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) bereits die Kontrolle über die Ortschaft Shaddadi im Süden der Provinz Hasakah einschließlich des dort gelegenen Gefängnisses für Kämpfer der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Laut Regierungsangaben sollen dabei am Montag etwa hundertzwanzig, laut SDF rund 1.500 IS-Mitglieder aus dem Gefängnis entkommen sein; laut Regierung wurden einundachtzig wieder festgenommen.
In dem am Sonntag vereinbarten 14-Punkte-Abkommen zwischen SDF-Kommandant Mazlum Abdi und Präsident al-Sharaa war ein sofortiger Waffenstillstand sowie eine sofortige Übergabe der Kontrolle über die Provinzen Deir ez-Zor und Raqqa an die Regierung in Damaskus vorgesehen.
Auch die Integration der SDF-Kämpfer in die syrischen Streitkräfte und die Integration der Verwaltung von Hasakah und Kobane (Ain al-Arab) in den syrischen Staat waren Teil des Abkommens – jedoch ohne eine unmittelbare Übergabe, was in den nächsten Tagen in Hasakah und Kobane (offiziell Teil der Provinz Aleppo) geschehen sollte. Die SDF sollten durch die Posten eines stellvertretenden Verteidigungsministers und des Gouverneurs von Hasakah in die Regierung integriert werden.
Durch den Vormarsch der syrischen Streitkräfte und die Präsenz türkischer Streitkräfte und Milizen in Raʾs al-ʿAin (Serekaniye) ist Kobane jetzt von Hasakah wie zuletzt während der Belagerung durch den IS im den Jahren 2014/2015 abgeschnitten.
In der vom Präsidialamt veröffentlichten Zusammenfassung des Gesprächs mit Trump ist von einem Halt des Vormarschs auf Hasakah und überhaupt vom Konflikt mit den SDF/YPG keine Rede. Das Weiße Haus hüllt sich indes in Schweigen: Mit der unter früheren Präsidenten üblichen Praxis der Veröffentlichung der Telefongespräche mit ausländischen Staats- und Regierungschefs hat Trump bereits in seiner ersten Amtszeit gebrochen.

Seitenwechsel der arabischen SDF-Fraktionen
Anders als es gerade unter linken Kritikern des Bündnisses der SDF/YPG mit den USA lange erwartet wurde, war es nicht einmal ein Verrat der USA, durch den die SDF in den letzten drei Tagen den Großteil ihres Territoriums verloren. Noch am Wochenende drängten die USA auf einen Halt des Vormarschs der syrischen Armee westlich des Euphrats und den Verbleib von Al-Tabqah südlich des Euphrats unter Kontrolle der SDF.
Vielmehr brachen die arabischen Hauptbündnispartner, von sunnitisch-arabischen Stämmen in Deir ez-Zor und Raqqa gestellte Verbände das Bündnis mit den SDF und unterstellten sich der syrischen Regierung in Damaskus. Die YPG hatten im Zuge des Kampfes gegen den Islamischen Staat das Bündnis mit diesen Stammesgruppen gesucht, die teilweise zuvor auch den IS oder die Assad-Regierung unterstützt hatten.
Während die PYD ideologisch eine Neuausrichtung weg von einem exklusiv kurdischen Projekt hin zu einer der nationalen Reinheit und dem Nationalstaat gegenüber kritischer Doktrin vollzog, beruhte das Bündnis mit den arabischen Stämmen auf keiner solchen gemeinsamen politisch-ideologischen Ausrichtung. Kurdische Kader wurden mit der Überwachung der politischen Entscheidungen in den mehrheitlich arabischen Gebieten betraut; gleichzeitig blieb die Durchsetzung des ideologischen Projekts der PYD, etwa hinsichtlich gleichberechtigter Beteiligung von Frauen auf allen Ebenen der Gesellschaft, sehr beschränkt. So wurde selbst das Verbot der Polygamie wegen des stammespolitischen Widerstands kaum umgesetzt.
Konflikte führten bereits in den letzten Jahren zum teilweisen Bruch der Bündnisse, die erst nach Gewalteskalation wiederhergestellt werden konnten. Angesichts des Vormarschs der syrischen Armee Richtung Al-Tabqah entschieden sich die maßgeblichen Stammesführer, nicht mehr Vollstrecker der autoritären Ein-Parteien-Herrschaft der PYD – mit ihren für die arabischen Stämme ideologischen Zumutungen wie Frauenemanzipation und Öcalan-Personenkult – zu sein.
Vielmehr beschossen sie, sich der syrischen Regierung unterzuordnen, deren zentralistisch-autoritäres System allerdings keine politischen Parteien kennt und auf einem religiösem Konservativismus, verbunden mit einem nationalistischen Populismus, für die sunnitisch-arabische Mehrheit aufbaut, in den sich auch die eher konservativen Stämme von Raqqa und Deir ez-Zor gut einfügen können, ohne, anders als Kurden oder christliche Minderheiten, schon aufgrund der Gruppenzugehörigkeit befürchten zu müssen, als fünfte Kolonne zu gelten.
Die Strategie von Teilen der PYD, die arabische Bevölkerung zur Loyalität zu disziplinieren, etwa durch Verhaftungen beim Zeigen der neuen syrischen Nationalflagge oder durch das Verbot von Feiern zum Jahrestag des Sturzes des Assad-Regimes – womit auch ein Widerstand gegen die zugesagte Integration in den neuen syrischen Staat ausgedrückt wurde –, ist gescheitert. Dieser Entwicklung am Boden hätten die USA oder gar Israel mit Luftschlägen nichts entgegensetzen können, allenfalls wäre eine gewisse Verzögerung im Vorfeld denkbar gewesen zu einem Zeitpunkt, als es allerdings so schien, dass eine Rückzugs- und Waffenstillstandsvereinbarung umgesetzt würde.

Abkommen vom März 2025
Als absehbar wurde, dass al-Sharaa, der die Anti-Assad-Offensive der islamistischen HTS-Miliz im Bündnis mit anderen Milizen Ende 2024 angeführt hatte, seine Herrschaft über den Großteil Syriens konsolidieren und seine Regierung international anerkannt würde, unterzeichneten die SDF im März 2025 ein Abkommen mit Damaskus, welches die Integration der SDF und der DAANES in die syrische Armee bzw. den syrischen Staat bis zum Jahresende 2025 vorsah.
Kritische Konfliktpunkte, etwa inwiefern SDF-Einheiten innerhalb der syrischen Armee und die Verwaltung innerhalb des syrischen Staates Eigenständigkeit bewahren könnten, wurden nicht gelöst. Eine Föderalisierung Syriens wurde von al-Sharaa, aber auch von der ihn unterstützenden türkischen Regierung und vom US-Botschafter in der Türkei, Tom Barrack, kategorisch abgelehnt.
Das Abkommen fiel in die Zeit, in der zunächst einige alawitische Assadisten in der Küstenregion, insbesondere Latakia, eine Erhebung versuchten, jedoch blutig niedergeschlagen wurden mit zahlreichen von Regierungskräften bzw. verbündeten Milizen begangenen Racheakten und außergerichtlichen Hinrichtungen an Gefangenen und alawitischen Zivilisten.
Im Juni folgte eine massive Eskalation eines lokalen Konflikts zwischen Drusen und Beduinen in Suwayda. Al-Sharaa mobilisierte Truppen, um Suwayda unter die Kontrolle der Regierung zu bringen, drusische Kräfte nahmen zahlreiche Geiseln, aufseiten der Regierung stehende Bewaffnete verübten zahlreiche außergerichtliche Hinrichtungen an Gefangenen und Zivilisten. Die israelische Luftwaffe bombardierte Regierungskräfte auf dem Vormarsch nach Suwayda und rüstete auch drusische Kräfte am Boden aus.
Die Eskalation führte dazu, dass der auch innerhalb der drusischen Gemeinschaft umstrittene Geistliche Hikmat al-Hijri, der die von seinen Gegnern befürwortete Eingliederung drusischer bewaffneter Kräfte in die neue Regierung immer abgelehnt hatte, eine Kooperation mit Israel suchte, und auch der gewaltsamen Einschüchterung seiner Gegner verdächtigt wird, zur maßgeblichen politischen Führungsfigur der Drusen in Suwayda wurde. Im Zuge der massiven israelischen Intervention versuchte al-Sharaa, eine Deeskalation und eine Trennung zwischen den von den drusischen Milizen kontrollierten Gebieten und mit ihnen verfeindeten lokalen Bewaffneten durchzusetzen.
Die Kriegsverbrechen in Latakia und Suwayda unterliefen das Vertrauen in die syrische Regierung international als auch bei den Unterstützern der SDF. Al-Sharaa versuchte jedoch, sich öffentlich von Verbrechen zu distanzieren und eine stärkere Kontrolle der mit ihm verbündeten Milizen durchzusetzen.
Im Oktober 2025 gelang mit amerikanischer Vermittlung eine Konkretisierung des Abkommens von März. Al-Sharaa erklärte sich bereit, Einheiten der SDF als eigenständige Divisionen, einschließlich eines Frauen-Regiments, in die syrische Armee zu integrieren. Insbesondere die Türkei lehnte diese kollektive Integration der SDF in die Armee ab.
Mazlum Abdi, der das Abkommen für die kurdische Seite unterzeichnet hatte, stieß jedoch ebenfalls auf internen Widerstand gegen den Kompromiss und verlangte Nachverhandlungen über das Rekrutierungsverfahren der SDF-Einheiten sowie über die bereits laut März-Abkommen der Zentralregierung zufallende Kontrolle der Außengrenzen. In der Folge war es nicht möglich, das Abkommen bis zum Jahresende umzusetzen. Auch aus dem US-Militär wurde über Frustration mit YPG-/PYD-Kadern berichtet, die Abdis Verhandlungsposition unterminierten und die Umsetzung verhinderten.

Eskalation in Aleppo
Nach einem mutmaßlichen Drohnenangriff der YPG auf ein Militärfahrzeug bei Deir Hafer am 5. Januar konnten sich die SDF nur unglaubwürdig – das Schadensbild passte nicht zu dem behaupteten Verkehrsunfall – von dem Angriff distanzieren. Daraufhin erfolgte in dem fünfzig Kilometer von Aleppo entfernten Ort zunächst eine Eskalation zwischen Armee- und YPG-Einheiten.
Bei einem weiteren Zwischenfall am 6. Januar töteten kurdische Polizeikräfte in Aleppo einen syrischen Soldaten, am Tag danach mobilisierte Damaskus für eine militärische Lösung in Aleppo. Die isolierten Nachbarschaften in Aleppo, aus denen nach einem Abkommen vom April teilweise auch schon Waffen und Personal der SDF abgezogen worden waren, waren von den Kurden militärisch nicht zu verteidigen. Dutzende Zivilisten starben unter Artillerie- und Gewehrfeuer, beide Seiten warfen sich gegenseitig Kriegsverbrechen vor.
Bereits am 9. Januar verkündete al-Sharaa ein Waffenstillstandsübereinkommen einschließlich eines Abzugs der kurdischen Polizeikräfte aus Ashrafiyah und Sheikh Maqsoud, die von der Regierung als Operationsbasen für Angriffe gegen Regierungskräfte beschrieben wurden. Doch der »Volksrat« der beiden Viertel beschloss, die aussichtslose Verteidigung fortzusetzen, das Abkommen wurde dementiert. Der Widerstand – einschließlich Selbstmordangriffen durch fünf kurdische Kämpferinnen und Kämpfer – endete jedoch einen Tag später mit dem vereinbarten Abzug der Polizeikräfte.
Der Waffenstillstand stabilisierte sich jedoch nicht: Am 13. Januar intensivierte Damaskus seine Kampagne, die YPG aus den Gebieten von Deir Hafer und Maskanah westlich des Euphrats zu vertreiben, woraufhin der Vormarsch Richtung Tabqah folgte, den die USA noch zu stoppen versuchten in der Hoffnung auf den Euphrat als militärisch stabiler Grenze. Diese Hoffnung zerschlug sich jedoch, als sich die arabischen Stämme als illoyal gegenüber den SDF zeigten und zur Zentralregierung überliefen.
Am 19. Januar verhandelte Abdi über fünf Stunden mit al-Sharaa in Damaskus. Nach Darstellung des Präsidialamts versuchte der SDF-Kommandant gegenüber der Vereinbarung vom Vortag wieder nachzuverhandeln bzw. das vorherige Abkommen zu konkretisieren, was die Eigenständigkeit der SDF und der Verwaltung in Hasakah angeht, während der Übergangspräsident auf Präsenz von Regierungspolizeikräften in der Stadt bestand.
Nach Darstellung des Präsidenten scheiterten die Verhandlungen letztendlich, weil Abdi um Aufschub des weiteren Vorgehens um fünf Tage bat, um mit der Führung in Hasakah zu beratschlagen, al-Sharaa diese Verzögerung jedoch ablehnte. Letzterer ist sich zwar offenbar der Schwäche Abdis bewusst, was die Umsetzung von Abkommen in den eigenen Reihen angeht, beharrte aber dennoch auf einer sofortigen Zusage.
Die Angriffe in Richtung der mehrheitlich kurdisch, aber auch von Arabern und aramäischen, armenischen, tschetschenischen, turkmenischen und jesidischen Minderheiten bewohnten Gegenden von Hasakah und Kobane wurden fortgesetzt. Vor einer gewaltsamen Integration dieser nicht-arabischen Gebiete hatten zahlreiche Beobachter im Ausland und selbst ausgesprochene Feinde der SDF wie Robin Yassin-Kassab aufgrund des zu erwartenden Blutvergießens und der nicht-arabischen Bevölkerung, die nach einer solchen Operation die Regierung nur als Besatzung wahrnehmen kann, gewarnt. Ein Vermeiden solchen Blutvergießens schien al-Sharaa jedoch keine Verzögerung von fünf Tagen und das damit verbundene symbolische Nachgeben wert.
Während trotz der vielen getöteten Zivilisten und der geschändeten Leiche einer kurdischen Kämpferin auch kurdische Medien nach der Einnahme von Ashrafiyah und Sheikh Maqsoud trotz anderslautender Gerüchten keine Massaker dokumentierten, häufen sich jetzt zirkulierende Bilder von YPG-Kämpfern, denen die Kehlen durchgeschnitten wurden, und von weiteren Verstümmelungen durch Kräfte der syrischen Regierung.

Antikurdische Botschaft
Noch am Sonntag vor dem Abkommen mit Abdi beschloss al-Sharaa per Dekret die Erhebung des kurdischen Newroz-Festes zum Feiertag, die Staatsbürgerschaft für in Syrien durch jahrzehntelange Ausschlüsse staatenlose Kurden und die Erhebung des Kurdischen zur Nationalsprache – im starken Kontrast zur Übergangsverfassung, die Syrien als ausschließlich arabische Nation definiert. Er suchte mit dem von den kurdischen Parteien begrüßten Beschluss auch, einer kurdisch-nationalistischen Mobilisierung gegen seine Regierung den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Doch ebenfalls am Sonntag mobilisierte das für die Moscheen zuständige Waqf-Ministerium mit einer klar antikurdischen Botschaft: Es erließ ein Rundschreiben an die Moscheen mit der Aufforderung, für den Sieg bei der Eroberung der Gebiete im Osten des Landes zu beten, eingeleitet mit dem Beginn des 9. Vers der Anfal-Sure, in welchem Gott auf das Gebet hin die Unterstützung durch eine Armee von Engeln zusagt. Nach dieser Sure (der Name bedeutet »Kriegsbeute«) benannte Saddam Hussein seine im Zuge des Iran-Irak-Kriegs geführte Operation gegen die kurdische Bevölkerung in den Jahren 1986 bis 1989 – der wohl größten Massenmordkampagne gegen Kurden in der Geschichte mit 50.000 bis 100.000 Opfern, in deren zeitlichen Zusammenhang Saddam Hussein auch Giftgas einsetzen ließ.
Mit dem Ausbleiben einer erfolgreichen Vermittlung beim montäglichen Gespräch zwischen al-Sharaa und Abdi und ihrem Nichteingreifen während der Übernahme der Gefängnisse von Al-Aqtan und Shaddadi in unmittelbarer Nähe einer Militärbasis nehmen die USA nicht einmal mehr ihr Kerninteresse in Nordostsyrien wahr: Die Absicherung der Erfolge im Kampf gegen den IS, für die auch hohe US-Militärs und Senatoren eine starke Bündnisloyalität zu den SDF verspüren. Für die Regierung unter Präsident Trump spielt die Stärkung von Demokratie im Nahen Osten allerdings keine Rolle mehr, wie es auch Tom Barrack klar zum Ausdruck gebracht hat; und Sympathie für die PKK und ihr ideologisches Programm war selbstredend noch nie Motivation der US-Regierung.
Am Dienstag folgte der Abzug der SDF aus dem größten Internierungslager für IS-Frauen und deren Kinder in Al-Hol südöstlich der Stadt Hasakah. Der Bericht vom Telefongespräch zwischen Trump und al-Sharaa legt nahe, dass Trump, schlecht informiert, sein Vertrauen auf Versprechen des syrischen Präsidenten gesetzt hatte, die dieser nicht einhalten konnte oder wollte. Auch eine Eigenständigkeit der nach Hasakah und Kobane vorrückenden Milizen im Siegesrausch ist bei der Einnahme des Lagers und der Vertreibung der SDF als möglicher Faktor zu bedenken. Wie die staatliche Nachrichtenagentur SANA am Mittwoch berichtete, erklärte das syrische Innenministerium Al-Hol und die übrigen von der Regierung übernommenen Lager in der Provinz zur Sperrzone.
Ein Ende der moderierenden Rolle der USA ließe die Hoffnungen auf einen andauernden Waffenstillstand und eine friedliche Lösung des Konflikts noch weiter schwinden. Die PYD hat zur Volksbewaffnung sowie zur Mobilisierung von Kurden aus der ganzen Welt zur Verteidigung der Autonomie in Nordostsyrien aufgerufen. In Irakisch-Kurdistan verbreiten auch ideologisch der PKK nicht nahestehende Stimmen Aufrufe, sich an die Grenze zur Provinz Hasakah zu begeben – mit dem Effekt, dass schon Hunderte Kurden aus der Türkei die Grenze in Qamishli überschritten haben.
Gerade jene Kräfte, die eine Vereinbarung über eine Eingliederung in den syrischen Staat sabotiert haben – begründet mit Furcht vor Massakern und falschen Hoffnungen auf amerikanisches oder gar israelisches Eingreifen (vom SDF-General Sipan Hamo sowie von aus Kandil nach Rojava beorderten PKK-Kadern wird vermutet, dass sie bei der Opposition gegen die Abkommen mit Damaskus eine besondere Rolle spielten) –, sehen sich angesichts des Scheiterns aller Waffenstillstände, des fortgesetzten Blutvergießens und des sich abzeichnenden Überlebenskampfs der auf ein kleines Gebiet zurückgeworfenen SDF jetzt paradoxerweise bestätigt und mobilisieren zu einer Verteidigung, die für militärisch unerfahrene Zivilisten aus dem Ausland nur Selbstopferung bedeuten kann.

Zukunft fraglich
Das Spielen auf Zeit, die Verzögerung der Integration in den Staat, der Bruch von Waffenstillständen, das Hoffen auf fremde Hilfe haben sich ebenso als fatale Sackgasse erwiesen wie das Fehlen jeglicher Perspektiven, wie das künftige Verhältnis zu Damaskus, aber auch zur innerkurdischen Opposition, zu Teilen der eigenen Bevölkerung, die von Wirtschaft und Bildung in den großen Städten Syriens profitieren wollen, und den arabischen Bündnispartnern in Zukunft aussehen soll.
Al-Sharaa, der die Zeit auf seiner Seite hatte und von manchen seiner Anhänger gar für sein Abwarten im Vorgehen gegen die SDF kritisiert wurde, fand in Abdis Schwäche bei jeder Eskalation einen vorzeigbaren Grund für die Wahl der gewaltsamen Option – und ging bislang jedes Mal als Gewinner hervor. Die PYD hatte sich in eine Situation manövriert, in der ihr bei der Unnachgiebigkeit al-Sharaas nur noch die Mobilisierung zu Verzweiflungstaten blieb.
Der PYD nahestehende Medien setzen jetzt die syrische Armee mit dem IS gleich und warnen vor einem Genozid. Während al-Sharaa mittlerweile eher auf der Basis eines besonders die sunnitisch-arabische Mehrheit adressierenden Nationalpopulismus für ein starkes und geeintes Syrien mobilisiert als auf Basis von früheren Vorstellungen von Dschihad gegen die Welt des Unglaubens, hat sich seine Regierung aus US-Sicht als ein glaubhafter und effektiver Partner im Kampf gegen den IS bewährt, auch aufgrund des guten Zugangs zu IS-Insider-Informationen durch Überläufer.
Obwohl der syrische Übergangspräsident also eher einen technokratisch-autoritären und wirtschaftsfreundlichen Regierungsstil unter der staatstragenden Einbindung von konservativer Religion pflegt, in den er auch Mitglieder von Minderheiten einschließen kann, bedeutet dies mitnichten eine Entwarnung für das Gewaltpotenzial der sich in Nordostsyrien entladenden Ideologien und Einstellungen; ob dies nun die lange Feindschaft mit den YPG seitens türkisch unterstützter ehemaliger Einheiten der Syrischen Nationalen Armee (SNA) betrifft oder den sunnitisch-arabischen Nationalismus, die Identifikation der SDF mit dem Assad-Regime oder die Vergeltung für Repression unter den SDF, den Hass auf den PYD-Säkularismus oder gar den salafistisch motivierten Dschihadismus (einschließlich tschetschenischer, uighurischer und anderer ausländischer Kämpfer).
Auch für diejenigen Syrer, welche die SDF aus schlechten Erfahrungen und nicht aus Nationalismus oder Islamismus ablehnen und die Machtübernahme al-Sharaas in Damaskus aus guten Gründen als Befreiung empfunden haben und sich von der Stabilisierung der Regierung einen ersten Schritt in Richtung eines freieren und zumindest in einigen Jahren demokratischen Syriens erhofft haben, wäre ein Einmarsch der Zentralregierung in Hasakah, Qamishli und Kobane (Ain al-Arab) eine schlechte Nachricht. Während die syrische Übergangsverfassung keinerlei Checks and Balances für die Macht des Präsidenten vorsieht, würde mit der gewaltsamen Zerschlagung der SDF und der DAANES ein Hauptgrund dafür wegfallen, dass al-Sharaa dennoch nicht völlig autoritär, sondern auf Basis von Interessenausgleich regieren muss.
Während die Übergangsverfassung der Syrisch-Arabischen Republik nicht al-Sharaas frühere salafistische Überzeugungen verkörpert, ist ein Weg zur Demokratie, zu einer Republik aller Bürger alles andere als garantiert. Die Aufwertung der islamischen Jurisprudenz zur Hauptquelle der Gesetzgebung, die Einschränkung der Religionsfreiheit auf die monotheistischen Religionen und die Abwesenheit von Frauenrechten in der Übergangsverfassung ebenso wie die enge Bindung der Regierung an Katar und die Türkei sowie die Liebelei der Trump-Administration mit dem Regierungssystem der Golfmonarchien sind zumindest Indikatoren für eine mehr als autoritäre Tendenz.
Am Dienstagnachmittag meldete das Präsidialamt, dass den SDF nun doch noch vier Tage Zeit zur Beratschlagung eingeräumt wurden. Zugleich sagte al-Sharaa nun auch öffentlich zu, keine Soldaten in die Städte Hasakah und Qamishli zu senden; der Status von Ain al-Arab bleibt wiederum unklar. Eine diplomatische Intervention der USA nach einem Tag augenscheinlicher Untätigkeit mag hier geholfen haben ebenso wie die Sorge al-Sharaas vor einem Reputationsverlust im Falle weiterer Kriegsverbrechen oder Massaker und die Einsicht, dass eine längerfristige Insurrektion in Nordostsyrien sowie unkontrollierbare Konflikte zwischen Fraktionen seiner Anhänger und PYD-Unterstützern bzw. der kurdischen Bevölkerung und aramäischen, armenischen und jesidischen Minderheiten nicht im Interesse der Absicherung seiner Macht wären.
Dies ist die leicht überarbeitetet Version eines Artikels der ursprünglich beim Jungleblog erschien.






