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Wenn ein US-Sondergesandter wie ein Botschafter Erdogans agiert

Kritiker werden US-Sondergesandtem Tom Barrack zu große Nähe zu Erdogan und al-Sharaa vor
Kritiker werden US-Sondergesandtem Tom Barrack zu große Nähe zu Erdogan und al-Sharaa vor (© Imago Images / Anadolu Agency)

In Israel wird das enge Verhältnis des US-Botschafters in der Türkei, Thomas J. Barrack, zum türkischen Präsidenten Erdogan und sein negativer Einfluss auf die Entwicklungen im Nahen Osten mit Sorge verfolgt.

Aus den vielen fragwürdigen Figuren, die im Auftrag der US-Administration von Donald Trump Außenpolitik betreiben, sticht der amerikanische Botschafter in der Türkei und Sonderbeauftragte für Syrien, Thomas J. Barrack, oft durch äußerst seltsame Bemerkungen hervor.

Wie so viele andere aus dem Orbit von Donald Trump pflegte der Gründer und Vorsitzende des milliardenschweren Hedgefonds Colony Capital Inc. schon vor der Ernennung zu seinem Syrien-Amt enge und lukrative Kontakte mit den Golfstaaten und wurde im Jahr 2021 sogar kurzfristig verhaftet, weil er illegale Lobbyarbeit für die Vereinigten Arabischen Emirate betrieben haben soll. Ansonsten zeichnet sich Barrack durch seine engen Beziehungen zur türkischen Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan aus, die so weit gehen, dass das konservative American Enterprise Institute ihm im Sommer vorwarf, er »spiele die Marionette Erdogans«.

Verärgerte Kurden

Der US-Botschafter macht aus seiner Nähe zu Erdogan und den Golfmonarchien auch gar kein Geheimnis; ganz im Gegenteil lobt er sie als Vorbild für andere Staaten im Nahen Osten und stärkt ihnen auch in Syrien den Rücken. Dies gilt ganz besonders in Bezug auf die kurdischen Autonomiebestrebungen für das bis heute unter kurdischer Verwaltung stehende Rojava im Nordosten des Landes. Alle kurdischen Parteien, auch wenn zwischen ihnen Spannungen herrschen, sind sich in einem Punkt einig: Syrien muss künftig in ein dezentrales oder föderales Staatsgebilde transformiert werden. Ähnliche Forderungen stellen inzwischen auch Vertreter der Drusen und Alawiten.

Bislang stoßen sie dabei weitgehend auf taube Ohren in Damaskus, denn Interimspräsident Ahmad al-Sharaa hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass ihm ein zentralistischer Staat unter sunnitisch-islamischer Dominanz vorschwebt. Unterstützer hat er diesbezüglich nicht nur in Ankara, wo man kurdische Autonomiebestrebungen unter Führung einer Schwesterpartei der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) fürchtet, sondern auch in den Golfstaaten, die alle engste Verbündete al-Sharaas sind.

Bislang hatten die USA, die sich ja bis heute in einer gegen den Islamischen Staat gerichteten militärischen Allianz mit den kurdisch geführten Truppen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) befinden, zwar keine föderale Lösung für Syrien offen gefordert, wohl aber auf Selbstverwaltung und starke kurdische Präsenz insistiert. Ganz anders sieht das Barrack, der sich in der Vergangenheit schon mehrmals gegen eine Dezentralisierung in Syrien ausgesprochen hatte. Nun wurde er auf dem Doha Forum in Katar gegenüber dem irakisch-kurdischen Sender Rudaw noch deutlicher: Weder Föderalismus noch Dezentralisierung hätten in der Region je funktioniert.

Diese Äußerung sorgte nicht nur unter irakischen Konferenzteilnehmern für Empörung, die umgehend erwiderten, der Irak sei mit der autonomen Region Irakisch-Kurdistan ein sehr wohl funktionierender föderaler Staat, was auch qua Verfassung so vorgegeben sei. Vielmehr fiel der US-Sondergesandte damit in Zeiten, in denen sich die Verhandlungen zwischen Damaskus und den syrischen Kurden erneut in einer Sackgasse zu befinden scheinen, den Kurden mehr oder weniger offen in den Rücken.

Verärgertes Israel

Mit entsprechendem Entsetzen nahmen syrisch-kurdische Politiker diese Äußerungen dann auch auf, scheinen sie doch al-Sharaa ganz offensichtlich mit seinen zentralistischen Ambitionen zu stärken. Sehr deutlich äußerte sich beispielsweise Faisal Yusuf, Sprecher des Kurdischen Nationalkongresses (KNC): »Die Lösung ist klar und einfach: Demokratie, Dezentralisierung und die Befähigung der Bevölkerung, ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln.« Anders als Barrack suggeriere, wären zentralistische und autoritäre Regime in der Vergangenheit das Problem gewesen und die Ursache für Zerstörung und Unterdrückung.

Aber damit nicht genug: Zusätzlich erklärte der US-Diplomat, Demokratie sei keine brauchbare Gesellschaftsform für die Region, in der es eine solche auch noch nie gegeben habe. Diese Äußerung wiederum kam ganz besonders in Israel nicht gut an. Auf Nachfragen, ob damit wirklich auch der jüdische Staat gemeint sei, antwortete Barrack, Israel könne für sich gerne beanspruchen, eine Demokratie zu sein; Fakt sei aber, dass in der Region nun einmal »mildtätige Monarchien« am besten funktionierten. Natürlich hatte er dabei seine Geschäftspartner am Golf vor Augen, die solche Äußerungen aus dem Munde eines US-Regierungsvertreters nur allzu gerne hören.

In Israel allerdings ist man nicht nur verschnupft über solch despektierliche Äußerungen, mit Sorge verfolgt Jerusalem auch das enge Verhältnis Barracks zum türkischen Präsidenten. Und Barrack liebäugelt nun, was ganz im Sinne der Türkei und Katars ist, mit einer nur graduellen Entwaffnung der Hamas und forderte jüngst, die Türkei solle Teil einer internationalen Schutztruppe im Gazastreifen werden. Für die israelische Regierung ist das ein Worst-Case-Szenario, schließlich sind die Türkei und Katar Länder, die offen die Hamas unterstützen und ihr Unterschlupf gewähren. Entsprechend drastisch fiel die Reaktion eines israelischen Regierungsvertreters aus:

»Das israelische Nachrichtenportal Walla berichtete am Dienstag, ein hochrangiger israelischer Beamter habe erklärt, Tel Aviv sei zutiefst besorgt über Barracks Äußerungen. Der Beamte sagte: ›Barrack agiert wie ein türkischer Botschafter und übt einen negativen Einfluss auf die Entwicklungen im Nahen Osten aus.‹ Er fügte hinzu, dass der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Barrack jemanden sähe, der ›feindselig gegenüber Israel agiere‹, und merkte an, dieser sei ›zu stark von türkischen Interessen in Syrien beeinflusst und verhalte sich wie ein Botschafter, der Ankaras Interessen diene‹.«

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