Die Entwicklungen der letzten Jahre haben den zuvor so monolithisch erscheinenden Block der Golfstaaten gespalten und Saudi-Arabien veranlasst, sich Katar und der Türkei anzunähern.
Shimon Sherman
Premierminister Benjamin Netanjahu äußerte sich diese Woche zu Berichten über eine strategische Wende in der Außenpolitik Riads. Als er am Dienstag während einer Pressekonferenz in Jerusalem zu Saudi-Arabiens jüngster Hinwendung zur Türkei und zu Katar befragt wurde, antwortete Netanjahu mit ungewöhnlicher Entschiedenheit hinsichtlich der zukünftigen Beziehungen zum Golfkönigreich.
»Wir erwarten von jedem, der eine Normalisierung oder Frieden mit uns anstrebt, dass er sich nicht an Bemühungen beteiligt, die von Kräften oder Ideologien gesteuert werden, die das Gegenteil von Frieden wollen«, sagte er und charakterisierte diese Ideologien als solche, die »die Legitimität des Staates Israel ablehnen« und »alle Arten von Kräften fördern, die den Staat Israel angreifen«.
Die derzeitige Abkühlung der Beziehungen zwischen Jerusalem und Riad steht in krassem Gegensatz zu der optimistischen Stimmung des Jahres 2020. Nach der Unterzeichnung des Abraham-Abkommens wurde der Nahe Osten durch eine binäre Brille betrachtet – als ein einheitlicher sunnitischer Monolith unter der Führung Saudi-Arabiens, der sich geradezu natürlich Israel annähere, um einem erstarkenden Iran entgegenzuwirken.
Analysten beschrieben die Beziehungsnormalisierung der Vereinigten Arabischen Emirate mit Israel damals als Testlauf für Saudi-Arabien und gingen davon aus, dass eine regionale Allianz nur eine Frage der Zeit sei. Nach dem von der Hamas angeführten Massaker vom 7. Oktober 2023 ist der Nahe Osten jedoch zunehmend zersplittert.
Anstelle der einfachen geopolitischen Landkarte von 2020 existiert nun ein komplexeres Geflecht, in dem auf der einen Seite der unterstellte Monolith am Golf zerbrochen ist, und stattdessen ein aufstrebender Block radikaler sunnitischer Staaten an Einfluss gewinnt, während auf der anderen die Koalition des Iran in Stücke zerfallen ist, was zu unberechenbaren Regimes im Libanon, in Syrien und im Irak führt. Inmitten dieser Instabilität positioniert sich Saudi-Arabien zunehmend als »Mittelmacht« und nicht mehr als Vorreiter einer von den Westmächten angeführten Integration.
Die Abkehr Saudi-Arabiens von Israel
Die Annäherung Riads an die Achse Türkei-Katar hat sich von stiller Diplomatie zu einer formellen strategischen Allianz durch massive Infrastruktur- und Militärverpflichtungen gewandelt. Ende 2025 unterzeichneten der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman und der katarische Emir Tamim bin Hamad Al Thani eine Reihe wegweisender Abkommen über Verteidigung und Informationsaustausch, wodurch die Feindseligkeiten der Blockadezeit von 2017 endgültig begraben wurden.
Darüber hinaus schlossen Riad und Doha ein wegweisendes Abkommen über den Bau einer 785 Kilometer langen Hochgeschwindigkeits-Elektrobahnverbindung zwischen den beiden Hauptstädten, ein Projekt, das wirtschaftliche Auswirkungen in Höhe von über 25,5 Milliarden Euro haben dürfte.
Diese Infrastruktur wird durch einen explosionsartigen Anstieg des bilateralen Handels gestützt, der zwischen 2021 und 2024 um über 600 Prozent gestiegen ist. Diese wirtschaftliche Verflechtung spiegelt sich in einer grundlegenden Neukalibrierung der saudischen Militärstrategie wider. So unterzeichnete Riad im September 2025 ein strategisches gegenseitiges Verteidigungsabkommen mit dem atomar bewaffneten Pakistan, ein Pakt, der mit seinen Formulierungen zur kollektiven Verteidigung signalisiert, dass ein Angriff auf einen der beiden Staaten als Angriff auf beide betrachtet werde.
Bis zum Ende des Jahres hatten sich die Diskussionen in Richtung eines trilateralen Sicherheitsrahmens unter Einbeziehung der Türkei verschoben, wodurch effektiv eine »islamische Sicherheitsalternative« geschaffen wurde, die die von Israel und den USA geführten Strukturen umgeht. Dieser Wandel umfasst große Beschaffungsverträge mit türkischen Rüstungsfirmen wie Baykar für die Produktion fortschrittlicher Drohnen sowie Kooperationen mit der katarischen Barzan Holdings zur Finanzierung und Entwicklung eigener Marineplattformen und Sensoren, die die regionale Verteidigung von den traditionellen amerikanischen Lieferketten abkoppeln sollen.
Auf diplomatischer Ebene hat die saudische Rhetorik gegenüber dem Iran ebenfalls eine überraschend versöhnliche Wendung genommen. Anstatt in der Rolle des wichtigsten regionalen Gegners der Islamischen Republik zu verharren, haben saudische Beamte eine Reihe ebenso öffentlich wie Unterstützung signalisierender Erklärungen gegenüber dem iranischen Regime abgegeben, in denen sie die nachbarschaftliche Zusammenarbeit und die gemeinsame Stabilität betonten.
Während des Gipfeltreffens der Arabischen Liga in diesem Monat lobte das saudische Außenministerium ausdrücklich die »Widerstandsfähigkeit« des iranischen Staates. Das jüngste Verhaltensmuster deutet darauf hin, dass Mohammed bin Salman, der den iranischen Ayatollah Ali Khamenei einst als »den neuen Hitler des Nahen Ostens« bezeichnete, davon ausgeht, dass die gemeinsame Bedrohung durch die iranische Achse nicht mehr ausreichend ist, um Riad in die Arme Israels zu treiben.
Die Aussicht auf eine Normalisierung ist nun auf Eis gelegt, was sich in einer deutlichen Verhärtung der saudischen öffentlichen Linie äußert. Während frühere Verhandlungen unter den Regierungen von Joe Biden und Donald Trump auf transaktionale Sicherheitsgarantien hindeuteten, hat die saudische Führung seitdem die Zielvorgaben geändert.
In diesem Monat erklärte Außenminister Faisal bin Farhan Al Saud, dass diplomatische Beziehungen ohne die »unumkehrbare« Gründung eines souveränen palästinensischen Staates mit Ostjerusalem als Hauptstadt »nicht zur Debatte stehen«. Diese Haltung spiegelt die Äußerungen von Mohammed bin Salman während seines Treffens mit US-Präsident Donald Trump im November 2025 wider, bei dem er auf einer »klaren und zeitgebundenen Roadmap« als nicht verhandelbarer Voraussetzung bestand.
Diese diplomatische Kehrtwende spiegelt sich auch in den staatlich kontrollierten saudischen Medien wie Al-Sharq al-Awsat und Okaz wider, die von der Diskussion über die »Vorteile der regionalen Integration« dazu übergegangen sind, scharfe Kritik am »Unilateralismus« des israelischen Militärs zu veröffentlichen und die derzeitige israelische Regierung als Quelle regionaler Instabilität darzustellen.
Faktoren, die Normalisierung verhindern
Die traditionelle Logik des gemeinsamen Feindes wurde durch die inneren und äußeren Probleme des iranischen Regimes grundlegend verändert. Nach Israels zwölftägiger Operation Rising Lion gegen den Iran im vergangenen Juni und der darauffolgenden innenpolitischen Instabilität hat sich die Fähigkeit des Teheraner Regimes zu anhaltender regionaler Aggression erheblich verringert. Der Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 und die erhebliche Schwächung der iranischen Stellvertreter, Hisbollah und Hamas, haben die »Achse des Widerstands« effektiv zerschlagen und damit die Bedrohung verringert, die einst die Sicherheitszusammenarbeit mit Israel zu einer dringenden Notwendigkeit für Riad gemacht hatte.
Der Vorsitzende des Misgav Institute for National Security Asher Fredman erklärte in einem aktuellen Bericht, dass sich mit dem Nachlassen dieses unmittelbaren existenziellen Drucks auch die saudische Kalkulation für eine Normalisierung der öffentlichen Beziehungen verschoben habe. Anstatt einen militärischen Pakt gegen den Iran anzustreben, verfolgt Riad nun eine Politik der diplomatischen Eindämmung, eine Absicherungsstrategie, die darauf abzielt, regionale Risiken durch diplomatische Manöver zu bewältigen. Diese Verringerung der iranischen Bedrohung hat in Riad zu einem neuen strategischen Paradoxon geführt: der Sorge, dass das daraus resultierende Machtvakuum durch eine militärische und nachrichtendienstliche Vorherrschaft Israels gefüllt wird, die die arabischen Interessen in den Hintergrund drängen könnte.
Der ehemalige Präsident des Jerusalem Institute for Strategy and Security, (JINSS) Efraim Inbar erklärte, dass Saudi-Arabien die derzeitige regionale Architektur zunehmend als eine von israelischen Militäraktionen dominierte Struktur betrachtet. »Die militärischen Erfolge Israels machen den Saudis Angst. Sie wollen nicht, dass Israel zur stärksten Macht im Nahen Osten wird«. Anstatt zum wichtigen Partner in einer neuen Allianz aufzusteigen, befürchte Riad, in einem neuen Sicherheitsrahmen für den Nahen Osten in eine geschwächte Rolle gedrängt zu werden. »Viele der Aktionen Israels während des Krieges wurden in Saudi-Arabien als Zeichen dafür wahrgenommen, dass Israel zu einer regionalen Hegemonialmacht wird, die daran interessiert ist, ihren Einfluss und ihre Kontrolle auszuweiten«, stimmte Fredman den Einschätzungen Inbars zu.
Die Abneigung gegen eine Beziehungsnormalisierung mit Israel und das Streben nach stärkeren Bindungen in der sunnitischen Welt werden zusätzlich durch eine wahrgenommene »Relevanzkrise« verstärkt, die aus dem mangelnden Erfolg Saudi-Arabiens bei der Ausübung seiner regionalen Macht resultiert. Trotz Investitionen in Milliardenhöhe ist es dem Königreich nicht gelungen, seine primären politischen Ziele in mehreren Bereichen zu erreichen, was zu einer Phase strategischer Frustration geführt hat. »Die Saudis waren in den letzten Jahren nicht sehr einflussreich. Sie haben es nicht geschafft, ihre Interessen im Libanon, im Irak, im Sudan und im Jemen durchzusetzen, und sie wurden in der Gaza-Frage weitgehend an den Rand gedrängt«, erklärte Inbar.
Dieses Gefühl der Leistungsschwäche werde durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten verschärft, mit denen das große saudische Entwicklungsprojekt »Vision 2030«zu kämpfen hat. »Angriffe auf Israel waren schon immer ein guter Ausweg, um von innenpolitischen Misserfolgen abzulenken«, bemerkte Fredman. Während das saudische Projekt im Jahr 2026 in seine »dritte Phase« eintritt, hat die Regierung ein Haushaltsdefizit von 165 Milliarden Riyal (37 Milliarden US-Dollar) prognostiziert, wobei Finanzminister Mohammed Al-Jadaan betont, dass es zu einer Reduzierung früherer Megaprojekt-Ambitionen kommen wird.
Das Schwinden der saudischen Dominanz zeigt sich auch in der Spaltung des einst so einheitlich auftretenden en sunnitischen Monolithen, wie die sich verschärfende Konkurrenz zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten zeigt. Diese Rivalität, die durch offene Meinungsverschiedenheiten über Ölförderquoten, konkurrierende Wirtschaftszentren und divergierende Interessen in regionalen Konflikten wie denen im Sudan – wo Riad sich auf die Seite der Streitkräfte zu stellen scheint, während die VAE auf der Seite der Schnellen Eingreiftruppen stehen -und im Jemen gekennzeichnet ist, ist ein deutlicher Indikator für die Schwierigkeiten der Saudis, die lokale Macht zu konsolidieren.
Indem er sich von den Abraham-Abkommen distanziert, kann Mohammed bin Salman seine aud die arabischen Staaten ausgerichtete Politik der engen strategischen Annäherung der VAE an Israel gegenüberstellen. In einer fragmentierten Golfregion ermöglicht es Riad, seine Führungsrolle wieder zu behaupten, indem es sich aus dem einfluss- und Sicherheitsbereich Israels zurückzieht. »Sie sind nicht glücklich darüber, dass die VAE stärker werden und sich zu einer regionalen Macht entwickeln, die eine unabhängigere und robustere Außenpolitik verfolgt, die nicht mit Saudi-Arabien abgestimmt ist«, beobachtete Fredman.
Experten zufolge haben auch die wechselnden Signale aus Washington ungünstige Bedingungen für eine Normalisierung geschaffen. Die traditionelle amerikanische Forderung, dass die Normalisierung der Beziehungen Saudi-Arabiens mit Israel der wichtigste Schlüssel zu einer »besonderen Beziehung« mit Washington sei, wurde effektiv aufgegeben. Die Trump-Regierung hat gezeigt, dass strategische Übereinkommen auf höchster Ebene nicht mehr von einem Friedensvertrag mit Jerusalem abhängig sind. Trotz der offenen Unterstützung Dohas für islamistische Bewegungen und der lautstarken Feindseligkeit Ankaras gegenüber der aktuellen israelischen Regierung bleiben beide Länder für die regionale Architektur der USA von zentraler Bedeutung.
Im Dezember 2025 bekräftigte US-Außenminister Marco Rubio die »dauerhafte strategische Partnerschaft« mit Katar und lobte das Land als »Vorbild für Frieden durch Stärke«, während er sowohl Katar als auch die Türkei in den Rahmen des Friedensrats für Gaza integrierte. »Die Saudis beobachten Katar und die Türkei und sehen, dass die Amerikaner sie ohne die Forderung nach guten Beziehungen zu Israel akzeptieren, und sie sehen keinen Grund, warum sie sich an andere Regeln halten sollten«, erklärte Inbar.
Darüber hinaus hat die Aussicht auf ein von den USA unterstütztes Atomprogramm für das Königreich seine Wirksamkeit als Anreiz für eine Normalisierung verloren. Zwar unterzeichneten die beiden Nationen Ende 2025 ein Abkommen über zivile nukleare Zusammenarbeit, doch die USA halten weiterhin an strengen Standards zur Nichtverbreitung fest. US-Energieminister Chris Wright bestätigte, dass »die Urananreicherung nicht Teil des Abkommens ist«, und lehnte damit eine zentrale Forderung Saudi-Arabiens rundweg ab.
Da Washington signalisiert, dass nukleare Zugeständnisse nicht zur Debatte stehen, hat Mohammed bin Salman weniger Grund, den »großen Deal« der Beziehungsnormalisierung mit Israel anzubieten. »Die Saudis sind enttäuscht darüber, dass es ihnen nicht gelungen ist, die USA davon zu überzeugen, ihnen die Entwicklung ihrer nuklearen Optionen zu gestatten. Die Amerikaner haben deutlich gezeigt, dass sie nicht bereit sind, den Saudis das zu geben, was sie wollen, und deshalb ist der Normalisierungsprozess teilweise eingefroren«, erklärte Inbar.
Zukünftige Trends
Fredman merkte an, dass zwar derzeit mehrere Faktoren einer Beziehungsnormalisierung mit Israel im Wege stehen, es aber auch erheblichen Druck auf Riad gibt, sich vom radikalen sunnitischen Block zu distanzieren. »Ich denke, wir sollten die Sache nicht überbewerten. Ich glaube nicht, dass Saudi-Arabien eine langfristige Allianz mit Staaten eingehen wird, die enge Beziehungen zur Muslimbruderschaft aufgebaut haben. Es mag zwar taktische Bündnisse mit Ländern wie Syrien oder der Türkei geben, aber zwischen diesen Ländern herrscht auch ein tiefes und seit langem bestehendes Misstrauen.
Wenn er eine langfristige Prognose abgeben müsste, fuhr Fredman fort, würde er sagen, dass Saudi-Arabien, wahrscheinlich innerhalb des »westlicheren, gemäßigteren Flügels im Nahen Osten« bleiben wird. Unabhängig von der zukünftigen Haltung Saudi-Arabiens zur Normalisierung müsse Israel seinen eigenen Sicherheitsbedürfnissen Vorrang einräumen. »In der Welt nach dem 7. Oktober muss Israel zuerst die Sicherheit seiner Bürger gewährleisten Die Abraham-Abkommen sind sehr wichtig, und Frieden mit Saudi-Arabien wäre wunderbar, aber Israel kann keine großen Risiken eingehen oder Sicherheitszugeständnisse machen, selbst wenn diese den Preis einer regionalen Normalisierung nach sich ziehen.«
Inbar ging näher auf diesen Punkt Fredmans ein und merkte an, dass der Wert der Normalisierung mit Riad nicht überbewertet werden sollte. »Eine saudische Botschaft in Tel Aviv ist keine Nuklearisierung Riads wert. Es ist nicht so schlimm, den Normalisierungsprozess einzufrieren, wenn die saudischen Forderungen zu hoch sind. Auf jeden Fall gibt es Geschäfte unter der Hand, sodass die wirtschaftliche Entwicklung weitergeht. Israel sollte pragmatisch sein und in die Normalisierung nicht mehr investieren, als sie wert ist.«
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)






