Im MENA-Talk spricht Jasmin Arémi mit der Politikwissenschaftlerin Dastan Jasim über die Lage der Kurden nach dem Sturz des Assad-Regimes, die Verschiebung von Machtverhältnissen in Syrien und die Folgen einer geopolitischen Gleichgültigkeit.
Jasmin Arémi (JA): Frau Jasim, Sie kommen aus einer kurdischen Familie mit einer sehr politischen Geschichte. Können Sie zu Beginn Ihren fachlichen und persönlichen Bezug zu Syrien und insbesondere zu den kurdischen Regionen skizzieren?
Dastan Jasim (DJ): Ich komme aus einer kurdischen Familie, meine Eltern sind als politische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Mein Vater war im Widerstand gegen Saddam Hussein aktiv, meine Mutter stammt aus Halabdscha, jener Stadt, in der 1988 der große Giftgasanschlag verübt wurde. Politische Gewalt und Konflikte waren daher von Beginn an Teil meiner Lebensrealität.
Ich selbst bin in Deutschland geboren, habe aber früh viel Zeit in Kurdistan verbracht und dort die politischen Debatten um die kurdische Frage intensiv miterlebt. Dieses transnationale Aufwachsen hat mein Interesse zunächst akademisch, später auch beruflich geprägt. Als ich 2013 mein Studium begann, verschärfte sich die Lage erneut dramatisch. Mit dem Auftreten des sogenannten Islamischen Staates (IS) im Jahr 2014 wurde ein Raum, in dem sich Kurdinnen und Kurden zuvor grenzüberschreitend bewegt hatten, zu einem transnationalen Kriegsgebiet.
Parallel erlebte ich in Deutschland innermigrantischen Rassismus sowie die Kriminalisierung der kurdischen Freiheitsbewegung. Es wurde deutlich, dass die Konflikte, vor denen meine Eltern geflohen waren, auch hier fortwirken. In meinem Studium habe ich mich deshalb auf sicherheitspolitische Fragen und politische Soziologie in den vier Teilen Kurdistans konzentriert. Ich habe längere Zeit vor Ort geforscht, unter anderem an der American University in Sulaimaniyya. Daraus entstand schließlich meine Doktorarbeit, eine vergleichende Analyse der kurdischen politischen Kultur in allen vier Teilen Kurdistans.
Neues Machtgefüge
JA: Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 hat sich das Machtgefüge in Syrien neu geordnet. Wie hat sich seitdem die Stellung PKK-naher Gruppen innerhalb der kurdischen Bewegung und gegenüber Damaskus verändert?
DJ: Personelle und ideologische Überschneidungen gab es immer. Die PKK war von Beginn an transnational organisiert und die Schriften Abdullah Öcalans bilden bis heute eine zentrale ideologische Grundlage vieler Institutionen in Nordostsyrien. Entsprechend gibt es auch Kommunikation zwischen dem PKK-Zentrum in Kandil und den Akteuren vor Ort.
Zugleich hat sich mit der Gründung der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) im Jahr 2015 Entscheidendes verändert. Die SDF mussten zunehmend eigenständig agieren, militärisch, politisch und organisatorisch. Militärisch bedeutete das einen grundlegenden Lernprozess. Während die PKK-Guerilla auf den Krieg in den Bergen und mobile Operationen spezialisiert ist, kämpften Volksverteidigungseinheiten (YPG) und SDF in flachen Gebieten und Städten, häufig ohne schwere Waffen. Erst die Luftunterstützung durch die Vereinigten Staaten veränderte die Kräfteverhältnisse.
Hinzu kam die gezielte Öffnung der SDF für arabische, assyrische und aramäische Gruppen. Ziel war der Aufbau einer multiethnischen Streitkraft. Dafür wurden zahlreiche Ausnahmen gemacht, etwa bei Wehrpflicht oder der Selbstverwaltung in mehrheitlich arabischen Regionen wie Manbidsch oder Raqqa. Es war klar, dass ein klassisches PKK-Kaderprinzip dort nicht tragfähig gewesen wäre.
Die zugrunde liegende Idee einer »demokratischen Nation« sah vor, dass unterschiedliche Gruppen ihre Autonomie behalten, sich aber politisch koordinieren. Dieses Projekt ist letztlich an einem Faktor gescheitert, dem tief verankerten antikurdischen Rassismus in Teilen der arabischen Bevölkerung. Seine Wurzeln reichen bis in die syrische Baath-Zeit zurück, als Kurden systematisch vertrieben und Araber angesiedelt wurden. Über Jahrzehnte hinweg wurde die Existenz der Kurdinnen und Kurden propagandistisch infrage gestellt.
JA: Welche Rolle spielt dieser antikurdische Rassismus heute?
DJ: Er ist zentral. Die Vorstellung, man könnte mit gemeinsamen Kämpfen wie etwa gegen den IS dauerhaft Vertrauen und politischen Zusammenhalt schaffen, hat sich als Illusion erwiesen. Zahlreiche arabische Milizen, die jahrelang an der Seite der Kurden gekämpft hatten, wechselten später problemlos die Fronten und beteiligten sich an türkischen Militäroperationen gegen kurdische Gebiete. Heute wird diese Haltung von islamistischen Akteuren gezielt instrumentalisiert. Kurdische Autonomiebestrebungen werden als »zionistisch« diffamiert. Schon früh kursierte der Vergleich, ein Kurdistan sei ebenso illegitim wie ein angebliches »Judistan«. Diese Rhetorik ist tief verankert und wirkt bis heute fort.
Für viele Kurdinnen und Kurden ist dies ein Schock. Trotz enormer Opfer mit über 13.000 Gefallenen im Kampf gegen den IS hat sich an ihrer grundlegenden Situation nichts verbessert. Im Gegenteil: Viele erleben derzeit sehr deutlich, dass sie weiterhin als Fremde betrachtet werden.
JA: Können Sie die aktuelle Lage in Syrien seit Januar kurz und verständlich zusammenfassen?
DJ: Nach der Machtübernahme durch Ahmed al-Sharaa und die von ihm geführten HTS-Strukturen wurden zunächst mehrheitlich arabische Gebiete unter Kontrolle gebracht. Die kurdischen Regionen im Nordosten blieben zunächst außen vor. Eine Ausnahme bildeten die kurdischen Stadtviertel Scheich Maksud und Aschrafiyya in Aleppo, historisch gewachsene Viertel mit hunderttausenden Bewohnern. Im Frühjahr 2025 wurden Abkommen zwischen den SDF und der neuen Übergangsregierung geschlossen, die Autonomie und eine begrenzte Integration vorsahen. Diese Zusagen wurden jedoch im Verlauf des Jahres schrittweise ausgehöhlt. Ab November nahmen Desinformation, Drohungen und offene Gewalt deutlich zu.
Im Januar 2026 eskalierte die Situation. HTS-nahe Kräfte drangen in die genannten Viertel in Aleppo ein, es kam zu Drohnenangriffen, Schusswaffengebrauch und massiver Gewalt gegen Zivilisten. Mehr als hundert Menschen wurden getötet, schätzungsweise 150.000 bis 200.000 vertrieben. Viele wurden entführt, ihr Verbleib ist auch aktuell noch ungeklärt. Ganze Viertel wurden faktisch ethnisch gesäubert. Parallel dazu desertierten arabische Einheiten aus den SDF. IS-Gefängnisse gerieten unter islamistische Kontrolle, zahlreiche Kämpfer kamen frei. Die kurdische Selbstverwaltung hat seither rund sechzig Prozent der Gebiete verloren, die sie im Kampf gegen den IS erobert hatte.
JA: Internationale Medien übernehmen häufig die Angaben der syrischen Armee. Wie glaubwürdig sind diese Informationen?
DJ: Man muss fragen, wer in dieser Situation etwas zu gewinnen oder zu verlieren hat. Die Kurden verlieren derzeit Territorium, Sicherheit und ihre Existenzgrundlage. Es gibt keinen rationalen Grund, diese Lage zu überzeichnen. Die Gewalt ist dokumentiert, vielfach georeferenziert und häufig von den Tätern selbst aufgezeichnet worden. Die HTS-Kräfte und ihre Verbündeten dokumentieren ihre Taten offen, legitimieren sie religiös und versuchen zugleich, Zweifel an der Wahrheit zu säen. Dieses Muster ist aus anderen Konflikten bekannt. Ein »Both-Sides«-Narrativ greift hier nicht. Die historische Bilanz islamistischer Herrschaft ist eindeutig. Menschen fliehen – oder sie sterben.
Auffällig ist dabei auch der Blick aus dem Nahen Osten selbst. Während für Palästinenser oft ein hohes Maß an Verständnis aufgebracht wird, begegnet man Kurden nicht selten mit der Frage, warum sie sich nicht »mit ihren Brüdern« arrangieren könnten. Niemand würde sich über ein Jahrhundert hinweg einem derart umfassenden, gewaltsamen und verlustreichen Kampf aussetzen, hätte es eine realistische Alternative zu einem sicheren, würdigen und friedlichen Leben gegeben. Verschwörungserzählungen, nach denen kurdische Autonomiebestrebungen Teil geheimer westlicher Strategien seien, halten einer biografischen oder historischen Prüfung nicht stand. Unabhängig davon, ob man auf die Türkei, den Iran, den Irak oder Syrien blickt.
Das Leben als kurdischer Mensch ist unter den bestehenden staatlichen Ordnungen für viele unerträglich. Vor diesem Hintergrund erscheint Autonomie nicht als ideologisches Projekt, sondern als die einzige verbleibende politische Lösung.
Geopolitische Randfrage geworden
JA: Internationale Agenturen berichten von weiterem Beschuss trotz offiziell verkündeter Waffenruhe. Welche Akteure könnten ein Interesse an einer Fortsetzung der Kämpfe haben?
DJ: In erster Linie die Türkei, die seit Jahren jede Form kurdischer Autonomie zu verhindern sucht. Auch die Vereinigten Staaten haben ein Interesse an stabilisierten »Fakten vor Ort«, um sich vollständig aus Syrien zurückziehen zu können. Für Europa steht vor allem die Abschottung im Vordergrund. Syrien ist geopolitisch zur Randfrage geworden. In diesem Machtvakuum bleiben die Kurden weitgehend allein zurück. Diese Deutungen werden heute maßgeblich in einschlägigen Thinktanks produziert und verbreitet.
Auffällig ist, dass es sich dabei nicht um randständige Stimmen handelt, sondern um regelmäßig zitierte Experten aus dem deutschsprachigen Raum ebenso wie aus dem angelsächsischen und, bemerkenswerterweise, auch aus dem französischen. Seit Jahren investieren diese Institutionen in ein ethno-pluralistisches Narrativ des Nahen Ostens. Die Region sei im Grunde stabil, man müsse sich lediglich zurückziehen, dann würden die Gesellschaften schon zu einem Ausgleich finden.
Damit knüpft man an eine Form linker Drittweltromantik an, wie man sie aus den späten 1960er-Jahren kennt. Exemplarisch lässt sich dies an Michel Foucault festmachen, dem der antiimperiale Kampf per se bedeutsamer erschien als Fragen von individueller Freiheit, etwa der Emanzipation von Frauen. Diese Denkfigur wurde in postmodernen Kontexten weitergeführt und in Teilen bis zur Absurdität radikalisiert. Die Grundannahme lautet häufig: Die Verhältnisse sind, wie sie sind, die betroffenen Gesellschaften sollen sich damit arrangieren, und westliches Eingreifen verschärft die Lage grundsätzlich. Verbunden ist dies mit der Bereitschaft, regionale Hegemonialmächte als notwendiges Übel zu akzeptieren und ihre Gewaltpolitik zu relativieren.
JA: Ist die kurdische Selbstverwaltung gescheitert?
DJ: Gescheitert ist der Versuch, durch Kooperation und Zugeständnisse politische Anerkennung zu erlangen. Nicht gescheitert ist der Wille zur Selbstverteidigung. Für die Menschen vor Ort ist klar, dass es unter islamistischer Herrschaft kein Leben gibt. Entsprechend erleben wir derzeit eine breite Mobilisierung aus allen Teilen Kurdistans. Die Strategie ist defensiv ausgerichtet, es werden Gebiete gesichert, man versucht Grenzen zu halten und Stabilität zu bewahren. Es geht ums nackte Überleben.
JA: Welche Auswirkungen hat die aktuelle Situation und auch der Verlust der Selbstverwaltung auf die europäische Sicherheit?
DJ: Freigelassene IS-Kämpfer werden sich erneut in islamistische Strukturen integrieren. Es droht eine Entwicklung wie im Irak der 2000er-Jahre, mit Anschlägen, Guerillakrieg, chronischer Instabilität. Zugleich sind neue, massive Fluchtbewegungen zu erwarten. Die Kurden stehen erneut vor derselben Alternative wie seit hundert Jahren: Autonomie oder Vernichtung. Diese Realität wird sich auch in Europa nicht dauerhaft ausblenden lassen.






