Die gezielte Ermordung jüdischer Zivilisten am 7. Oktober 2023 verschwindet in großen Teilen des deutschen Kunstbetriebs hinter einer moralisch aufgeladenen Totalformel, die jede Differenz einebnet.
Spätestens seit dem 7. Oktober 2023 hat sich der Blick auf große Teile des deutschen Kulturbetriebs verschoben. Nicht, weil plötzlich neue politische Konflikte sichtbar geworden wären, sondern weil sich gezeigt hat, welche Maßstäbe dort gelten, wenn Israel ins Spiel kommt und welche Formen von »Kritik« nicht nur akzeptiert, sondern geradezu erwartet werden. Der Dresdner Künstler David Adam ist diesbezüglich kein Einzelfall, sondern ein instruktives Beispiel. Eine »Künstlerische Intervention gegen Antisemitismus Dresden« (KIGA) hat darauf nun aufmerksam gemacht.
Adams jüngste Arbeiten unter dem Label »Staatsräson« – unter anderem Plakatwände, die Ruinen im Gazastreifen abbilden – wurden nun durch eine künstlerische Intervention kritisiert. Die KIGA Dresden hat zwei öffentliche Arbeiten von David Adam am Alten Leipziger Bahnhof, einem historischen Ort der Shoah, weitergeschrieben. Adam inszeniert dort Trümmer des Gazastreifens als Spiegel der Dresdner Trümmer aus dem Zweiten Weltkrieg, eine Bildlogik, die deutsche Kriegsfolgen mit der heutigen israelischen Verteidigungspolitik kurzschließt.
Auf eines der Bilder wurde eine Zeichnung geklebt, die Adams Komposition übernimmt, den Protagonisten aber aus der Ruinenlandschaft in eine beschauliche deutsche Vorstadtsiedlung verpflanzt, flankiert von einem Plakat mit einem Zitat Milan Kunderas über das Bedürfnis des Kitschmenschen, sich im Spiegel der beschönigenden Lüge selbst gerührt zu betrachten. Aus der Arbeit »Der Landschaftspfleger« wird so »Der Deutsche«.

Das zweite Bild, »Ein geruhsamer Nachmittag«, wurde von der KIGA mit »Dresden 1945« überschrieben. Die Umbenennung spitzt eine typisch deutsche Haltung zu. Historische Katastrophen wie die Bombardierung Dresdens während des Zweiten Weltkriegs werden oft so inszeniert, dass aus der Erinnerung an Schuld ein selbstmitleidiges Genuss-Theater wird, das eigene Leid wird ästhetisch zelebriert. Indem der Künstler sich selbst entspannt in diese Trümmer setzt, macht er sich zum Sinnbild dieses Musters.

Diese Auseinandersetzung ist nicht als Angriff auf die Kunstfreiheit zu verstehen, sondern als eine notwendige politische Einordnung. Denn Adams Werk steht nicht isoliert, sondern ist eingebettet in einen kulturellen Konsens, der sich seit dem 7. Oktober 2023 zunehmend verfestigt hat. Israel erscheint darin als Chiffre des absolut Bösen und die deutsche Solidarität mit dem jüdischen Staat als Ausdruck autoritären Zwangs oder gar eines neuen Militarismus.
Dabei war Adam nicht immer Teil dieses Konsenses. Als Pegida in Dresden den Opfermythos kultivierte und den 13. Februar 1945 zur Projektionsfläche deutschen Selbstmitleids machte, intervenierte er klug und ironisch im öffentlichen Raum. Seine Arbeiten störten rechte Erzählungen, ohne selbst identitätspolitisch zu erstarren. Erinnerungspolitik war bei ihm kein sakraler Besitzstand, sondern ein widersprüchliches, offenes Feld.
Davon ist wenig geblieben. An die Stelle kritischer Distanz ist die Anpassung an einen kulturellen Mainstream getreten, der sich dissident gibt, während er antiisraelische Deutungsmuster reproduziert. »Staatsräson« fungiert hier als Kampfbegriff, Israel als moralischer Hauptschuldiger. Was als Intervention verkauft wird, ist in Wahrheit Projektion. Die Kritik an nationalistischen Mythen kippt in ihre spiegelbildliche Fortsetzung, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.

Kein Randphänomen
Besonders zynisch wirkt das in Dresden. Dort hatten antifaschistische Bündnisse über Jahre hinweg den Opfermythos der Bombardierung aufgebrochen, stets im Bewusstsein des deutschen Vernichtungskriegs und der Shoah. In Adams Gaza-Kampagne schrumpft der 7. Oktober 2023, in Israel als Pogrom erinnert, zur bloßen Fußnote »asymmetrischer Gewalt«, aufgehend im allgegenwärtigen »Genozid«-Narrativ. Die gezielte Ermordung jüdischer Zivilisten, sexualisierte Gewalt, Entführungen, all das verschwindet hinter einer moralisch aufgeladenen Totalformel, die jede Differenz einebnet.
Der Kulturbetrieb klagt über angebliches »Mundtotmachen« oder einen vermeintlichen »Staatsräson-Zwang«. Dass antisemitismuskritische oder israelsolidarische Künstler real mit Ausschlüssen, Isolation und ökonomischen Risiken konfrontiert sind, bleibt dabei konsequent unsichtbar.
Antisemitismus im künstlerischen Kontext ist kein Randphänomen und kein Kommunikationsproblem. Er verengt Diskursräume, tilgt Perspektivenvielfalt und unterminiert genau jene Freiheit, auf die sich der Betrieb so gern beruft. Betroffen davon sind jüdische Künstler und solche, die Antisemitismus klar benennen. Viele ziehen sich zurück, andere verlassen oft aus Selbstschutz den Kulturbetrieb. Das Publikum wiederum wird entweder antisemitisch sozialisiert oder, wenn es jüdisch oder kritisch ist, faktisch ausgeschlossen.
Die Konsequenzen sind real: Wer sich äußert, riskiert Isolation, Diffamierung als »Angreifer« oder»Zensor« sowie ausbleibende Förderungen. Israelsolidarische Haltungen werden zum Risiko, Hebräischkenntnisse zum Makel. Jüdische Künstler, die bleiben, verbergen ihre Identität, weil Sichtbarkeit Job- und Auftragsverlust bedeuten kann. Auch der Skandal um die documenta fifteen im Jahr 2022 hat daran kaum etwas geändert. Auf verbale Empörung folgte kulturpolitische Untätigkeit. Empfehlungen zur Bekämpfung von Antisemitismus existieren zwar, bleiben aber folgenlos.
Vor diesem Hintergrund ist die »Künstlerische Intervention gegen Antisemitismus Dresden« nicht nur legitim, sondern notwendig. Adams Plakate sind kein neutralen Kunstwaren, sondern Ausdruck einer spezifischen Verflechtung von Israels Delegitimierung und lokaler Erinnerungspolitik. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Kunst widersprochen werden darf, sondern warum dieser Widerspruch im Kulturbetrieb so hartnäckig tabuisiert wird, solange der Antisemitismus im Gewand der »Israelkritik« auf die Bühne tritt.






