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WM in Katar: Antisemitismus, Homophobie, Kollaboration

Wurde in Katar aus dem Stadion verbannt: Iranische Demonstrantin gegen das Regime
Wurde in Katar aus dem Stadion verbannt: Anti-Regime-Demonstrantin aus Iran (© Imago Images / IMAGO / Pro Sports Images)

Dass es falsch ist, in Katar eine Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden zu lassen, stand schon vor dem Turnier fest. Nun, wo die WM läuft, zeigt sich: Es ist alles noch schlimmer als befürchtet.

Einige Monate vor dem Beginn der Fußball-WM in Katar war sich Gianni Infantino ganz sicher: »Es wird einfach die beste Weltmeisterschaft der Geschichte, die größte Show der Welt«, sagte der Präsident der FIFA beim Kongress des Weltfußballverbands Ende März in Doha, der Hauptstadt des Landes. 

Damit trotzte er der vielstimmigen, deutlichen Kritik, die sich gegen die Ausrichtung des Turniers im Emirat richtet und die viele Gründe hat: die Finanzierung des internationalen Terrorismus durch die katarischen Machthaber, den Antisemitismus, die Unterdrückung von Frauen und Homosexuellen, die fehlende Meinungs- und Pressefreiheit, den Umgang mit Minderheiten im Land und nicht zuletzt die grauenvollen, vielfach tödlichen Arbeitsbedingungen für die Arbeitskräfte auf den WM-Baustellen. (Siehe auch das Mena-Watch-Dossier zum Thema.

Bizarre Rede

Einen Tag vor dem Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft hielt Infantino eine nachgerade bizarre Rede, in der er unter anderem sagte: »Heute fühle ich mich katarisch, heute fühle ich mich arabisch, heute fühle ich mich afrikanisch, heute fühle ich mich homosexuell, heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant. Ich fühle mich so, weil ich all das gesehen habe.« 

Die Kritik an Katar sei »reine Heuchelei«, denn anders als im Land des WM-Gastgebers könnten Migranten in Europa nicht rechtmäßig arbeiten. »Wenn ihr euch wirklich um das Schicksal dieser Menschen sorgt, dann bietet das, was Katar macht: Chancen. Legale Chancen. Gebt ihnen Arbeit, gebt ihnen Sicherheit«, so der FIFA-Präsident weiter. Ein Schlag ins Gesicht der geschundenen und ausgebeuteten Arbeiter auf den Baustellen und der Angehörigen jener Arbeitskräfte, die ihre »legale Chance« nicht überlebt haben.

Nun läuft die »beste Weltmeisterschaft der Geschichte«, die »größte Show der Welt« seit etwas mehr als einer Woche, aber die Kritik will, gewiss zum Missvergnügen von Gianni Infantino, einfach nicht verstummen. 

Wenige Tage vor dem Turnierbeginn hatte das ZDF seinen Film »Geheimsache Katar« ausgestrahlt, in dem unter anderem der katarische WM-Botschafter Khalid Salman zu Wort kam, der Homosexualität völlig unverblümt vor laufender Kamera als »geistigen Schaden« und »haram, eine Sünde« bezeichnete. Das wirkte nicht so, als würde der Gastgeber sonderlich viel Wert darauf legen, sich auch nur zum Schein weltoffen zu geben oder zumindest so etwas wie diplomatische Zurückhaltung zu üben.

Regenbogen verboten, »Free Palestine« erlaubt

Rückendeckung bekommt er dabei von der FIFA. Die Mannschaftskapitäne mehrerer europäischer WM-Teilnehmer wollten eigentlich mit einer Kapitänsbinde spielen, auf der ein buntes Herz und die Aufschrift „One Love“ zu sehen ist. Das sollte ein Zeichen gegen Diskriminierungen verschiedener Art und für Menschenrechte sein. 

Doch die FIFA untersagte das, verwies auf die Pflicht, die von ihr zur Verfügung gestellten Kapitänsbinden zu nutzen, und drohte bei Zuwiderhandlung »Sanktionen sportlicher Art« an, offenbar ohne konkreter zu werden. Die Verbände befürchteten gleichwohl drakonische Strafen bis hin zu Sperren oder Punktabzügen – und verzichteten auf die Binde. Dabei wäre es wenig wahrscheinlich gewesen, dass die FIFA bei einem geschlossenen Auftreten dieser Verbände wirklich bis zum Äußersten gegangen wäre.

Wer derweil in Katar als Fan oder Berichterstatter mit regenbogenfarbenen Utensilien als Symbol der LGBTQ+-Community ins Stadion will oder sie im Stadion zeigt, wird aufgefordert, sie abzulegen – andernfalls wird der Zutritt verweigert oder gar die Polizei aktiv. 

So ging es beispielsweise beim Spiel zwischen den Niederlanden und dem Senegal einem deutschen Zuschauer, den nach eigenen Angaben zehn bis fünfzehn Polizisten von seinem Platz führten, bevor sie ihn vor die Wahl stellten, entweder seine Armbinde und sein Schweißband in den Regenbogenfarben abzunehmen oder aus dem Stadion gebracht zu werden. Ähnliches erlebten der amerikanische Journalist Grant Wahl und die frühere walisische Fußballerin Laura McAllister in der Partie zwischen den USA und Wales.

Inzwischen soll die FIFA zwar bekannt gegeben haben, dass Regenbogenflaggen, -binden oder -hüte nunmehr in den katarischen WM-Stadien erlaubt seien. Doch Berichten zufolge untersagt das Ordnungspersonal diese Accessoires nach wie vor. Katar will jedweden sichtbaren Einsatz für LGBTQ+-Menschen rigoros unterbinden, und sei er noch so klein. 

Erlaubt sind dagegen offenbar Armbinden und Banner mit der palästinensischen Fahne und einem Schriftzug wie »Free Palestine«. Wie die ARD-Sportschau berichtet, überlegten die arabischen WM-Teilnehmer vor dem Turnier, diese Binden bei ihren Spielen zu tragen – als Reaktion auf das Vorhaben europäischer Teams, mit der »One Love«-Kapitänsbinde zu spielen.

Feindseliges Verhalten gegenüber Israelis

Diese Binde als Zeichen gegen Diskriminierung einzusetzen, sei auf arabischer Seite als »Provokation« wahrgenommen worden, so die Sportschau weiter. Das FIFA-Verbot für andere Kapitänsbinden als diejenigen des Weltfußballverbands gelte aber auch für die »Palestine«-Armbänder, deshalb würden sie nicht zum Einsatz gebracht. 

Auf den Tribünen dagegen sind sie zu sehen, wie auch beispielsweise palästinensische Flaggen. Die Parole »Free Palestine« ist dabei ein chiffrierter Aufruf zur Zerstörung des jüdischen Staates, denn denjenigen, die sie verwenden, geht es nicht nur um das Westjordanland und Ostjerusalem, sondern um eine Kein-Staat-Israel-Lösung.

Deutlich wird das auch an den vielen feindseligen Reaktionen, denen israelische Journalisten bei der WM in Katar ausgesetzt sind. Mehrere Videos dokumentieren, welche Ablehnung bis hin zum offenen Hass den Israelis entgegenschlägt. Moav Vardi vom Sender Kan etwa wurde von einem Fan angeschrien: »Es gibt kein Israel, sondern Palästina. Sie sind hier nicht willkommen, dies ist Katar, das ist unser Land.« Andere israelische Reporter erlebten Ähnliches. »Auf den Straßen folgen uns Palästinenser, Iraner, Katarer, Marokkaner, Jordanier, Syrier, Ägypter und Libanesen, die uns hasserfüllt anstarren«, sagen etwa zwei Journalisten der Tageszeitung Yedioth Ahronot. 

Katar lässt israelische Staatsbürger normalerweise nicht einreisen, für die WM wird eine Ausnahme gemacht. So kamen nicht nur Journalisten, sondern auch einige tausend israelische Fans ins Land. Die israelische Regierung empfahl ihnen allerdings schon vor dem Beginn des Turniers, ihre israelische Identität im Interesse der persönlichen Sicherheit möglichst wenig zu thematisieren und Symbole zu verbergen, die etwa die israelische Flagge oder einen Davidstern zeigen. Zudem soll Katar die zunächst erteilte Zusage, für jüdische Gäste während der WM eine Grundversorgung mit koscheren Lebensmitteln zu gewährleisten, zurückgenommen haben.

Katars Kollaboration mit dem iranischen Regime

Und während manche den Aufruf zur Vernichtung des jüdischen Staates für eine adäquate Antwort auf den Einsatz gegen LGBTQ+-Feindlichkeit und andere Formen von Diskriminierung halten, hat Katar offenbar Listen mit allen Iranern, die Tickets für die WM-Spiele gekauft haben, an das islamistische Regime in Teheran weitergegeben. Das geht jedenfalls aus Audioaufnahmen hervor, die der wichtige oppositionelle iranische Fernsehsender Iran International veröffentlicht hat

Überdies habe der WM-Gastgeber dem Iran gewährt, die Flaggen und Symbole zu benennen, die Fans während der Weltmeisterschaft in den Stadien mitführen dürfen. Katar habe zugesichert, dafür zu sorgen, dass oppositionelle Symbole und Botschaften außen vor bleiben. 

Tatsächlich hindern die Sicherheitskräfte iranische Fans daran, beispielsweise die alte iranische Flagge mit dem Löwen und der Sonne oder T-Shirts mit regimekritischen Schriftzügen ins Stadion zu nehmen. In mehreren Fällen ist sogar die Polizei eingeschritten und hat etwa Menschen, die ein T-Shirt mit der Aufschrift »Frau. Leben. Freiheit.« trugen, festgesetzt oder aus dem Stadion verbannt. Die FIFA soll zwar Protestsymbole inzwischen erlaubt haben, doch darum schert sich das katarische Personal ganz offensichtlich nicht.

Iranische Fans sorgten derweil nach dem überraschenden 2:0-Sieg des Iran im Spiel gegen Wales für einen Kontrapunkt zu den Reaktionen arabischer Zuschauer auf israelische Reporter: Sie bezogen Uri Levy vom Sender Kan während dessen Live-Bericht nach der Partie in ihre ausgelassene Feier ein. Das gehört zu den wenigen guten Nachrichten von der angeblich »besten Weltmeisterschaft der Geschichte«, die ansonsten aus vielen Gründen sehr zu Recht in der Kritik steht – und die Befürchtungen, die es vor dem Turnier gegeben hat, sogar noch übertrifft.

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