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Die Wissenschaft und die Normalität des Genozid-Vorwurfs

Nicht nur auf Demonstrationen, auch auf wissenschaftlichen Konferenze wird der Genozid-Vorwurf gegen Israel lautstark propagaiert. (© imago images/Martin Müller)
Nicht nur auf Demonstrationen, auch auf wissenschaftlichen Konferenze wird der Genozid-Vorwurf gegen Israel lautstark propagaiert. (© imago images/Martin Müller)

In der akademischen Welt wird die Behauptung, Israel begehe einen Genozid, lauthals propagiert. Der Kampf dagegen ähnelt jenem gegen Windmühlen.

Ljiljana Radonić

Verbringt man fünf Tage bei einer unfassbar großen, internationalen wissenschaftlichen Konferenz zum Thema »Memory«, weiß man am Ende ziemlich genau, was aktuelle Trends in den akademischen Debatten sind. Einerseits gibt es zum Beispiel viel Raum für und Solidarität mit ukrainischen Wissenschaftlerinnen, die wahnsinnig würden, wenn sie nicht ab und zu die Mühen der Anreise aus der Ukraine auf sich nehmen würden, um sich mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt über ihre Versuche auszutauschen, inmitten des Kriegs Gedenk- und Erinnerungsprojekte umzusetzen, auch wenn sie dabei oft den Eindruck haben, im Ausland nicht verstanden zu werden.

Ich lerne russische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kennen, die alles riskiert haben, um die russischen Geschichtslügen zu kritisieren und am Tag der Vollinvasion der Ukraine aufgrund einer freundlichen Warnung mit Müh’ und Not aus dem Land entkommen konnten. Andere bitten darum, sie und ihre Präsentation nicht zu fotografieren, weil sie aus einem Militärregime stammen, in dem ihre Familienangehörigen in Gefahr wären, würde ihre Kritik an der Geschichtspolitik des Landes bis zu den jeweiligen Landesbehörden durchdringen.

Diese Leute werden dann unter anderem gefragt, warum sie in ihrer Arbeit nicht auch die »Gewalt gegen mehr-als-Menschliches« berücksichtigen würden, also gegen Wälder, Flüsse und Gärten. Sie nehmen die Frage erstaunlich gelassen. Auf meine danach im Privaten gestellte Frage, ob sie das angesichts ihrer Situation nicht unaushaltbar fänden, antworten sie: Dafür brauchte es nicht erst Krieg, das war schon davor bescheuert. Dass alles Mögliche und Unmögliche bei der Konferenz als »kolonialer Blick« eingestuft wird, brauche ich nicht gesondert zu erwähnen.

Ich sehe aber auch einige Freundinnen und Freunde wieder, die in ihren jeweiligen Heimatländern unermüdlich Geschichtsrevisionismus, verzerrende Holocaustvergleiche, Antisemitismus und Antiziganismus bekämpfen und lerne viel Neues darüber.

Und dann ist da noch Gaza

Aber dann ist da noch »Gaza«. Ganz selbstverständlich fällt immer wieder bei Vorträgen zu an sich wichtigen und spannenden Themen, die jedoch nichts mit dem sogenannten Nahostkonflikt zu tun haben, völlig aus dem Nichts heraus der Satz: »Wie aktuell das ist, sehen wir heute am Genozid im Gazastreifen.« Und dann geht es auch schon weiter im Vortrag, als wäre diese Nebenbemerkung die natürlichste der Welt.

Ich komme mir schon wie ein Marsmännchen, Entschuldigung, Marsweibchen vor, wenn ich danach jedes Mal in der Diskussion etwas dagegen sage. Dabei stehe ich vor einer unmöglichen Aufgabe. Selbstredend muss ich darauf hinweisen, dass es falsch und gelinde gesagt höchst problematisch ist, die Israelis auf diese Weise zu dämonisieren. Zugleich fällt dieser Genozid-Nebensatz blöderweise meist in Vorträgen zu mir ungeheuer wichtigen Themen wie etwa der lange tabuisierten sexuellen Gewalt an Holocaustüberlebenden nach 1945.

Da kann ich – finde ich zumindest – die Diskussion nicht einfach dadurch völlig sprengen, dass ich nach meiner ersten Intervention in der Situation weiterhin unaufhörlich skandalisiere, dass hier über den »Genozid« im Gazastreifen gesprochen wird, aber in einem Panel zu Vergewaltigungen von Jüdinnen nicht über den 7. Oktober 2023 und die sexuelle Gewalt gegen die von der Hamas verschleppten israelischen Geiseln.

Also wiederholt sich meine freundliche, höfliche, aber bestimmte Intervention immer wieder aufs Neue – und mir wird immer übler und übler dabei, weil ich mich gleichzeitig auch dafür verabscheue, dass ich nicht laut aufschreie und gehe. Von den Vortragenden selbst oder aus dem geschätzten Publikum ernte ich das zu Erwartende: Man dürfe über die Situation im Gazastreifen nicht schweigen und müsse gegen die Hegemonie das angeblich »marginalisierte Narrativ« stark machen.

Kaum öffentlicher Widerspruch

In den Pausen kommen dann vereinzelt jüdische Kolleginnen zu mir und bedanken sich. Eine erzählt mir, dass sie die Wissenschaft nun verlässt, weil man ihr zum Beispiel erklärt, sie dürfe als Jüdin nicht über Kolonialismus unterrichten. Dann kommt meine Lieblingskollegin aus der Ukraine zu mir und bedankt sich ebenfalls für meine Worte. Sie hatte mir bei einer früheren Begegnung schon erklärt, wie sehr es sie aufregt, dass sie bei wissenschaftlichen und künstlerischen Veranstaltungen etwa in Deutschland ständig gesagt bekommt, wie ähnlich das aktuelle Schicksal im Gazastreifen und in der Ukraine sei. Sie entgegnet dann: Nein, wir haben nicht terroristisch Russland überfallen, hört auf mit der gefährlichen Gleichsetzung. Wenn ich mit ihr spreche, geht es mir immer etwas besser.

Dann gehe ich zur Mitgliederversammlung im Rahmen der Konferenz. Es soll eine Arbeitsgruppe zu »Gaza« gegründet werden, um auf den »Genozid« aufmerksam zu machen. In meiner betont freundlichen und zurückhaltenden Art, die mich krank macht, antworte ich, dass auch ich es falsch finde, wie wenig Aufmerksamkeit der 7. Oktober 2023 und der Gaza-Krieg bei der Konferenz erfahren haben, man aber vielleicht die Arbeitsgruppe »7. Oktober und Gaza« nennen sollte, weil ja das eine mit dem anderen zusammenhänge.

Besonders schlecht wird mir, als ich dann noch in aller Freundlichkeit sage, dass man über die Frage des Genozids erst in der Arbeitsgruppe diskutieren sollte, weil angesichts der Problematik dieser Behauptung die Verwendung des Begriffs für den Gazastreifen keinesfalls vorab feststehen sollte. Fünf Personen, die sich nach mir zu Wort melden, verteidigen daraufhin die Verwendung der Bezeichnung Genozid. Genauer gesagt, bezichtigt mich eine davon des »Whitewashings«, das vorliege, spräche man nicht von Genozid.

Nur eine Handvoll der rund achtzig anwesenden Leute bedankte sich nachher für meine Worte. Ein Kollege erklärt mir, meine Wortmeldung sei »mutig« gewesen. Ich schlucke meine Wut über das Wort hinunter. Stattdessen gehe ich mit Freunden essen, die nicht dabei waren und denen ich nur zu sagen brauche: »Es ist schon wieder passiert.« Sie verstehen sofort, was ich meine.

Das Erstaunliche dabei ist: Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die »Gaza-Arbeitsgruppe« doch nicht eingerichtet wird, jedenfalls nicht unter diesem Namen. Institutionen pflegen offenbar häufig unerwünschte Initiativen unwidersprochen einfach ins Leere laufen zu lassen. Für mich ist dieser Zugang nicht vorstellbar, aber wenn es funktioniert …

Warum ich mir das alles antue? Weil es keinesfalls Jüdinnen und Juden machen müssen sollten und weil sie, wie mir gerade eine anvertraute, ohnehin als voreingenommen wahrgenommen und nicht gehört werden. Weil einige Jüdinnen wie Nicht-Juden sich weniger alleine gelassen fühlen. Weil eine unbedarfte Handvoll im Raum vielleicht zur Kenntnis nimmt, dass die Normalität des Genozid-Vorwurfs so normal gar nicht ist. Ich sehe diesen täglichen faulen Kompromiss, den ich in aller übelerregenden Freundlichkeit in diesen Tagen mit mir selbst schließe, als meinen Job an.

(Ljiljana Radonić ist Vize-Direktorin des Instituts für Kulturwissenschaften an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Mitglied der österreichischen IHRA-Delegation und unterrichtet am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien Antisemitismustheorie.)

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