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Wie die Israelboykottbewegung BDS palästinensische Künstler schikaniert

Der palästinensiche Rapper Emsallam wird von BDS unter Druck gesetzt
Der palästinensische Rapper Emsallam wird von BDS unter Druck gesetzt (Quelle: YouTube)

Der Fall des palästinensisch-jordanischen Rappers Emsallam zeigt, dass BDS nicht so sehr auf Überzeugung, sondern vor allem auf Repression beruht.

Ein palästinensisch-jordanischer Rapper leidet darunter, dass die Anti-Israel-Boykottkampagne BDS reglementiert, wo er auftreten darf und wo nicht, und bei Zuwiderhandlung seine Karriere zerstören würde. Das ist das Thema eines Beitrags, der vor einigen Tagen in der israelischen Tageszeitung Haaretz erschien (hinter einer Bezahlschranke). Verfasst hat ihn Sheren Falah Saab, die bei Haaretz für arabische Kultur zuständig ist.

Der Künstler, um den es geht, heißt Msallam Hdaib, genannt Emsallam. Der 30-jährige Musiker wurde in der jordanischen Hauptstadt Amman geboren. Mit 14, so berichtet die Autorin, begann er seine Musikerkarriere mit dem Schwerpunkt Hiphop und betätigt sich nebenbei als bildender Künstler.

2020 beendete er sein Kunststudium an der Stroganov-Akademie für Design und angewandte Kunst in Moskau mit dem Examen. Danach blieb er in Moskau.

Drei Alben habe er bislang veröffentlicht, so die Journalistin; in ihnen öffne er »ein Fenster für die dritte und vierte Generation palästinensischer Flüchtlinge in Jordanien, ihren Kampf mit dem Leben in Armut, ihr Bedürfnis, eine nationale Identität zu bilden und ihre Sehnsucht nach einer Selbstverwirklichung, die nicht konform ist mit dem nationalen Narrativ«.

Emsallam spreche einen jordanischen Dialekt des Arabischen, gemischt mit palästinensischen Wörtern. »Seine Texte enthalten viele Begriffe und Bilder, die außerhalb der Welten der West-Bank-Städte Hebron und Dschenin unvertraut sind; dem fügt er kulturelle Symbole von Ländern der gesamten Region hinzu.« In einem Lied mit dem Titel »Deswegen« verwende er etwa die Klänge der irakischen Trommel.

Wie Emsallam in Konfrontation mit BDS geriet

2018 gab Emsallam Konzerte in Haifa, in den Golanhöhen und in der West Bank. Die Haaretz-Autorin schreibt:

»Sein Auftritt in Israel weckte die Wut der BDS-Aktivisten, die auf der offiziellen Facebookseite der Bewegung argumentierten, ein solcher Akt sei es wert, von der palästinensischen und arabischen Welt mit einem Boykott belegt zu werden, da er die Beziehungen zu Israel normalisiere.

›Msallam Hdaibs Auftritte sollten boykottiert werden, niemand sollte sie besuchen‹, schrieben sie und legten damit die Art von Druck an den Tag, die sie auf palästinensische Musiker in der arabischen Welt ausüben, um sie daran zu hindern, sich an der Normalisierung der Beziehungen zu Israel zu beteiligen.«

Emsallam sagte seine Konzerte nicht ab und schwor auch nicht, sich in Zukunft den Drohungen zu beugen. »Seit diesem Vorfall«, so Sheren Falah Saab, »leidet er weiter unter der Verfolgung durch BDS-Aktivisten. Bei seiner derzeitigen Tournee trat er in Kairo, Beirut und Amman auf, aber Haifa steht nicht mehr auf dem Programm.«

Wie die Autorin schreibt, ist er nicht der einzige arabische Künstler, der ins Visier von BDS geriet:

»Der Sänger und Komponist Aziz Maraka, der 2019 in Kafr Yasif auftrat und damals von Haaretz interviewt wurde, war danach in der arabischen Welt einem summarischen Boykott ausgesetzt. Er tritt kaum noch irgendwo auf, und seine musikalische Aktivität ist stark beschränkt.«

Auch Emsallam wurde schwerer Schaden zugefügt. »Die Verfolgung durch BDS hat ihn persönlich geschädigt, und jeglicher weiterer Aufritt innerhalb der Grenzen Israels wird ihn seine Karriere kosten, alles zerstören, was er bislang erreicht hat«, sagt eine von der Journalistin zitierte anonyme »Quelle aus dem jordanischen Musikgeschäft«.

Selbst wenn Emsallam noch einmal in Israel würde auftreten wollen, »wird es nicht passieren, weil das wirklich seine Karriere beenden würde«.

Haaretz-Autorin Sheren Falah Saab ist wohlgemerkt keine erklärte Gegnerin der BDS-Kampagne. Sie fragt in ihrem Beitrag, »ob BDS mehr schadet als nützt«, und das scheint für sie tatsächlich eine Frage zu sein, die noch einer Antwort harrt.

Was sie umtreibt, ist nicht etwa der antisemitische Charakter von BDS, sondern „was passiert, wenn der Boykott selbst eine geschwächte Minderheitsgruppe trifft, selbst wenn diese nicht Teil des Unterdrückungsunternehmens ist“.

Im Klartext: Sie sorgt sich um den Kollateralschaden, dass auch Palästinenser bzw. Jordanier wie der Rapper Emsallam unter der Boykottkampagne zu leiden haben. Sein Ziel sei es, habe dieser einmal geschrieben, »den politischen Konsens zu brechen, der an einem kulturellen Boykott festhält, der Palästinenser in der West Bank und in 1948 eroberten Gebieten (d.h. Israel) der Besatzung wegen isoliert«.

Barghouti: »Israel kann kein normaler Teil der Region« sein

Tatsächlich kann man argumentieren, dass die Palästinenser, gemeinsam mit den Juden in der Diaspora, die Hauptopfer von BDS sind.

Die Juden, die nicht in Israel leben, werden geschädigt, weil die BDS-Kampagne weltweit den Antisemitismus befeuert und sie damit in noch größere Gefahr bringt, Opfer von antisemitischer Beleidigung, Ausgrenzung, Körperverletzung oder sogar Mord zu werden.

Die Palästinenser sind Opfer von BDS, weil dieses repressive Regime all ihre Schritte überwacht, sie daran hindert, Kontakte zu Israelis zu pflegen oder dazu zwingt, diese Kontakte geheim zu halten – also ein Doppelleben zu führen – oder die Konsequenz zu tragen, geächtet und ausgestoßen zu werden; sie erleiden wirtschaftliche Verluste oder können womöglich ihren Beruf gar nicht mehr ausüben.

Im Interview mit einem Moderator des linksgerichteten französischen Pro-BDS-Blogs Paroles d’Honneur schwärmte BDS-Chef Omar Barghouti kürzlich davon, dass »dreihundert« Musiker, Regisseure und Intellektuelle einen Boykottaufruf gegen das Festival Arabofolies des Pariser Institut du Monde Arabe unterzeichnet hätten.

Der Hass hatte sich daran entzündet, dass dort mit Neta Elkayam auch eine arabischsprachige Sängerin aus Israel auftrat. In dem besagten Interview betonte Barghouti, wie richtig dieser Boykott gewesen sei: Israel könne »kein normaler Teil der Region« sein und auch »kein normaler Teil eines Festivals, bei dem arabische Musik gefeiert wird, wie es das Institut du Monde Arabe getan hat«.

Die BDS-Kampagne basiert auf zwei Fiktionen, die von jenen, die sie unterstützen, für wahr gehalten werden müssen.

Die eine ist, dass es ein Makel sei, boykottiert zu werden. Wenn das für israelische Juden und arabische Musiker gilt, gilt es dann nicht auch für BDS selbst? In einigen Ländern der Welt, vor allem in den USA, sind es die BDS-Hetzer, die boykottiert werden. Macht sie das gemäß ihrer eigenen Logik zu aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßenen, verächtlichen Wesen?

Die andere Fiktion ist, dass alle Musiker, die geplante Konzerte in Israel absagen oder ihre Unterschrift unter Boykottaufrufe wie den von Barghouti erwähnten setzen, dies aus freiem Willen täten und sich damit mit dem Ziel von BDS – der Zerstörung Israels – einverstanden bzw. »solidarisch« erklären würden.

Der Fall des Rappers Emsallam zeigt, dass BDS nicht so sehr auf Überzeugung, sondern vor allem auf Repression beruht. Wenn Musiker nicht oder nicht mehr in Israel auftreten, muss das keine politische Stellungnahme sein, sondern zeigt erst einmal nur, dass die von BDS benutzten Taktiken der Einschüchterung und Bedrohung wirken.

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