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Welternährung: Die Folgen des Ukraine-Kriegs

Der russische Krieg gegen die Ukraine wird dafür sorgen, dass die Zahl der Menschen ansteigen wird, die an Unterernährung leiden. (© imago images/Michael Gstettenbauer)
Der russische Krieg gegen die Ukraine wird dafür sorgen, dass die Zahl der Menschen ansteigen wird, die an Unterernährung leiden. (© imago images/Michael Gstettenbauer)

Die Welternährungsorganisation warnt vor den Auswirkungen, die der Ukraine-Krieg haben wird – auch und nicht zuletzt im Nahen Osten.

Der russische Krieg gegen die Ukraine ist nicht nur für die Betroffenen eine Katastrophe, sondern hat weit über die Landesgrenzen hinausgehende Konsequenzen. Das trifft nicht zuletzt auch auf den internationalen Handel mit landwirtschaftlichen Produkten zu, einem Markt, auf dem die Ukraine und Russland insbesondere in den Bereichen Nahrungs- und Düngemittel eine große Rolle spielen. Beobachter warnen gar vor regelrechten Hungersnöten, die über einige arme und von Importen aus den beiden Ländern abhängige Staaten hereinzubrechen drohen.

Wollen wir uns ein genaueres Bild von dieser Gefahr machen, gilt es in einem ersten Schritt, die Stellung der Ukraine bzw. Russlands auf den relevanten Märkten zu betrachten und sich anzusehen, welche Staaten besonders auf ukrainische bzw. russische Produkte angewiesen sind. Im zweiten Schritt müssen wir uns die verschiedenen Wege vor Augen führen, auf denen der Krieg in der Ukraine nachteilige Wirkungen entfalten kann. Als Grundlage kann eine Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) dienen, die am 5. März, also einige Tage nach Beginn des Kriegs, veröffentlicht wurde.

Die Stellung auf den Märkten

Die Ukraine und Russland gehören zu den wichtigsten Produzenten landwirtschaftlicher Güter weltweit. Allein Russland produziert 18 Prozent der Weizen- und Mengkornexporte, die Ukraine immerhin auch noch zehn Prozent. Eine wichtige Rolle spielen die beiden Länder auch beim Handel mit Gerste und Mais. Noch wichtiger sind sie für den Handel mit Ölsamen: Mehr als die Hälfte des weltweit produzierten Sonnenblumenöls stammt aus der Ukraine und Russland, und auch bei Rapsöl gehören sie zu den zehn größten Exporteuren der Welt. Russland ist darüber hinaus der weltweit größte Exporteur von Stickstoffdüngemittel und der nach China zweitwichtigste von Phosphat- bzw. Kaliumdüngern.

Was die Abnehmerländer betrifft, sind die Ukraine und Russland vor allem für viele nordafrikanische sowie west- und zentralasiatische Staaten von großer Bedeutung. Laut der FAO beziehen fast 50 Länder weltweit mehr als 30 Prozent ihrer Weizenimporte aus diesen beiden Staaten, manche aber auch deutlich mehr. Im Fall von Eritrea etwa kommt er zur Gänze aus Russland (53 Prozent) und der Ukraine (47 Prozent), in Somalia sind es über 90 Prozent, in der Türkei über 80 Prozent, in Ägypten und im Libanon über 70 Prozent, in Libyen und Pakistan über 60 Prozent, und auch im Jemen und in Saudi-Arabien sind es immer noch über 40 Prozent. Zwar ist die Ukraine kein wichtiger Exporteur von Düngemitteln, Russland im Gegensatz dazu aber sehr wohl, insbesondere für viele osteuropäische und asiatische Staaten.

Auf vielen der angesprochenen Märkte waren bereits in den letzten Jahren vor der Verschärfung der Ukraine-Krise deutliche Preissteigerungen zu verzeichnen. Allein im Jahr 2020 waren die Preise für Weizen und Gerste um fast ein Drittel gestiegen, auf dem Märkten für Düngemittel wurden zum Teil Allzeithöchstpreise erzielt.

Ein kompletter Ausfall oder zumindest Einschränkungen bei den Exporten aus der Ukraine (als direkte Folge des Kriegs) und aus Russland (als Folge von Sanktionen) werden für viele Länder u. a. in Nordafrika und im Nahen Osten Lebensmittelknappheiten ausbrechen oder aber die Kosten für die notwendigen Importe von anderswo exorbitant in die Höhe schießen. Das trifft auf reiche Länder wie Israel zu, das im vergangenen Jahrzehnt den Großteil seiner Getreideimporte aus der Ukraine bezog, wird aber für weniger wohlhabende Staaten noch weit größere Auswirkungen haben – man denke etwa an den Libanon, der mehr als die Hälfte seines importierten Weizens aus der Ukraine bezieht und dessen Wirtschaft schon ganz ohne negativen Folgen des russischen Kriegs gegen die Ukraine im Kollabieren begriffen war. Ganz zu schweigen von Kriegsgebieten wie Syrien oder dem Jemen, die von internationalen Hilfslieferungen abhängig sind, die bislang auch zu beträchtlichen Teilen aus ukrainischem Getreide bestanden.

Direkte Folgen

Direkte Folgen haben die Kriegshandlungen selbstverständlich auf die landwirtschaftlichen Aktivitäten in der Ukraine. Welche Ausmaße diese annehmen werden, hängt in erster Linie davon ab, wie lange der Krieg anhalten wird. Wäre er in kurzer Zeit vorüber, wären die Folgen für die Exportmärkte spür-, aber einigermaßen überschaubar. Zieht er sich im Gegensatz dazu aber über Wochen oder Monate hin, werden sich die Effekte viel ausgeprägter bemerkbar machen.

Katastrophale Auswirkungen drohen für das bereits ausgesäte Wintergetreide, bei dem Ende März eigentlich die Düngezeit beginnt und das im Juni geerntet werden muss. Beide Tätigkeiten werden nur eingeschränkt oder gar nicht möglich sein, sei es, weil die Felder aufgrund des Kriegsgeschehens nicht zugänglich sind, sei es, weil durch die Flucht von Millionen Menschen und die Rekrutierung der wehrfähigen Männer schlicht die Arbeitskräfte fehlen, die benötigt würden.

Der Wegfall des Pestizid- bzw. Düngemitteleinsatzes wird eine Schmälerung der Ernteerträge zur Folge haben, der Teilausfall der Ernte klarerweise ebenso. Die FAO rechnet aktuell damit, dass rund ein Fünftel der Felder des Wintergetreides nicht geerntet werden können, auf den übrigen erwartet sie Ertragseinbußen von rund zehn Prozent. Vom übrigbleibenden Rest wird sicherlich noch ein Teil für den Bedarf im eigenen Land behalten werden. Irgendwie muss schließlich auch die Lebensmittelversorgung der eigenen Bevölkerung inmitten des Kriegs gewährleistet werden können – kein Wunder also, dass die Ukraine bereits weitreichende Exportverbote verhängt hat.

All das bezieht sich wie gesagt auf das Wintergetreide, massive Rückgänge wird es zwangsläufig aber auch bei Pflanzenarten wie Sonnenblumen und Mais geben, deren Aussaat im April beginnen sollte – ob und in welchen Gebieten des Landes das möglich sein wird, kann momentan niemand genau sagen.

Beeinträchtigungen wird es darüber hinaus durch kriegsbedingte Zerstörungen von Lagereinrichtungen und bei verarbeitenden Betrieben sowie durch Schäden am Verkehrsnetz und sonstiger Infrastruktur geben. Und schließlich ist unklar, auf welchem Weg landwirtschaftliche Produkte für den Export, sollte es diese geben, überhaupt außer Landes gebracht werden können. Güterverkehr auf der Schiene steht aktuell nicht zur Verfügung und ist aufgrund der fehlenden Kompatibilität des ukrainischen Schienensystems mit dem europäischen ohnehin keine wirklich brauchbare Alternative. In den beiden großen Häfen von Odessa und Mykolajiw ist der kommerzielle Schiffsverkehr eingestellt worden.

Die russische Landwirtschaft weist keine solchen direkten Schäden und Beeinträchtigungen auf, aber auch sie bekommt den Krieg in der Ukraine zu spüren. Exporte werden aufgrund von Sanktionen bzw. fehlenden Zahlungsmöglichkeiten unmöglich, höhere Energiepreise führen zu stark gestiegenen Produktionskosten für die landwirtschaftlichen Betriebe.

Indirekte Auswirkungen

Produkte, die gar nicht erst hergestellt werden oder aber nicht ausgeführt werden können, fehlen auf dem Exportmarkt. Das verminderte Angebot erhöht die Preise von Produkten anderer Anbieter, die für Länder zur Verfügung stehen, die sich um Alternativen für ausbleibende Lieferungen aus der Ukraine und Russland kümmern müssen. Steigende Energiepreise machen sich selbstverständlich auch in Form von steigenden Transportkosten zusätzlich bemerkbar.

Die höheren Energiekosten haben noch einen anderen indirekten Effekt, der vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist: Wenn fossile Treibstoffe teurer werden, steigt der Bedarf nach im Vergleich preislich attraktiver werdenden Biotreibstoffen. Das wiederum erhöht den Anreiz für den Anbau von Pflanzenarten, die zu Biotreibstoffen verarbeitet werden können. Dadurch wird freilich das Angebot an agrarischen Lebensmitteln noch kleiner und der Preis noch weiter in die Höhe getrieben.

Teurere alternative Anbieter stehen freilich nur jenen zur Verfügung, die sich diese auch leisten können. Doch viele der in besonderem Maße von ukrainischen und russischen Importen abhängige Staaten zählen zu der Gruppe der am wenigsten entwickelten und ärmsten Ländern der Welt. Für sie waren schon die Teuerungen von Agrarprodukten der vergangenen Jahre eine mittlere Katastrophe – eine nochmalige Preisexplosion als Folge des Ukraine-Kriegs können viele von ihnen schlicht nicht stemmen.

In ärgere Probleme könnten auch Regime in Ländern wie Ägypten geraten, die schon bisher viel Geld ausgegeben haben, um wesentliche Lebensmittel wie Brot durch kostspielige staatliche Subventionierungen für weite Teile der eigenen Bevölkerung erschwinglich zu halten. Die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs manövrieren solche Staaten in eine schier ausweglose Sackgasse: Sie können es sich nicht erlauben, die Subventionierungen einzuschränken, weil ihnen sonst Hungerrevolten bis hin zu Revolutionen drohen. Gleichzeitig können sie es sich aber auch nicht leisten, die Belastung des Staatshaushalts ungebremst steigen zu lassen, die sich durch die steigenden Kosten für lebenswichtige Importe ergeben.

Anstieg der Unterernährung

Die FAO hat Schätzungen über die Folgen des russischen Kriegs gegen die Ukraine auf die Ernährungslage der Weltbevölkerung angestellt. Je nach den Annahmen über den weiteren Verlauf und die Dauer des Kriegs geht sie davon aus, dass die Zahl der Menschen, die unter Unterernährung leiden, um zwischen 7,5 Mio. und 13 Mio. Menschen anwachsen wird.

Die am meisten betroffenen Regionen werden der asiatisch-pazifische Raum, das sub-saharische Afrika sowie der Nahe Osten und Nordafrika sein. Zu den Ländern aus dieser letzten Region, die am meisten von ukrainischen bzw. russischen Exportausfällen betroffen sein werden, zählt die FAO Ägypten, die Türkei, den Iran, den Libanon, Tunesien, den Jemen und Libyen.

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