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Was hinter den gewaltsamen Zusammenstößen im Irak steckt

Nach den Zusammenstößen von vergangener Woche ist in Bagdad wieder Ruhe eingekehrt
Nach den Zusammenstößen von vergangener Woche ist in Bagdad wieder Ruhe eingekehrt (© Imago Images / Xinhua)

Warum Muqtada al-Sadr seinen Rückzug aus der irakischen Politik bekanntgab und welche Strategie der schiitische Geistliche und Politiker damit verfolgt.

So schnell wie die Auseinandersetzungen in Bagdad begonnen hatten, waren sie auch wieder vorbei: Eine im Fernsehen übertragene Rede des schiitischen Geistlichen und Politikers Muqtada al-Sadr reichte aus, um die Zusammenstöße zwischen seinen Anhängern und den rivalisierenden, vom Iran unterstützten und im Koordinierungsrahmen politisch organisierten Milizen zu beenden.

In seiner Rede gab Sadr seinen Anhängern sechzig Minuten Zeit, um sich aus der Grünen Zone und der Nähe des Parlamentsgebäudes zurückzuziehen und warnte sie vor »Konsequenzen«, falls sie sich nicht entfernen würden. Sadr verurteilte die Gewalt und sagte, er habe gehofft, es würde »friedliche Proteste geben, aber keine mit Waffen«. »Eine Revolution, die von Gewalt und Mord überschattet wird, ist keine Revolution«, sagte er und entschuldigte sich beim irakischen Volk. Wenige Minuten nach Sadrs Rede begannen sich seine Anhänger in Scharen aus der Grünen Zone zurückzuziehen.

Mit seinem Vorgehen stellte Sadr einmal mehr seine herausragende Macht über die rivalisierenden schiitischen Blöcke unter Beweis, nur einen Tag nachdem er seinen »endgültigen Rückzug« aus der Politik verkündet hatte, auch wenn, wie er hinzufügte, dieser Rückzug zumindest kurzfristig Chaos und Instabilität nach sich ziehen könnte – was als wenig verdeckter Aufruf zu Protesten an seine Anhänger interpretiert wurde.

Nadschaf oder Qom?

Der Rücktrittsankündigung ging eine Schlappe voraus, die Sadrs politischen Status untergraben hatte, sodass ihm nur die Flucht nach vorne übrigblieb. Während Sadr seit Anfang Juli seine Anhänger auf der Straße mobilisierte, um seiner Forderung nach Neuwahlen Ausdruck zu verleihen, trat mit Großajatollah Kadhim al-Haeri einer seiner bislang engsten und wichtigsten Verbündeten zurück und kritisierte Sadr dafür, das irakische Volk gespalten zu haben.

Haeri, der ein enger Mitarbeiter von Sadrs verstorbenem Vater, dem hochrangigen Kleriker Mohammed Sadeq al-Sad, war, legte nicht nur seine Funktion als Marja (schiitische religiöse Autorität) in Irans religiösem Epizentrum Qom nieder, sondern rief auch seine Anhänger dazu auf, dem Obersten Führer des Irans, Ajatollah Ali Khamenei, als einzigem Marja zu folgen, was ein schwerer Schlag gegen Sadrs religiöse Legitimität war.

Sadr, der zwar aus einer Familie hochrangiger Kleriker stammt, aber selbst kein Ajatollah ist, hatte bei Haeri ein religiöses Studium abgelegt, nicht zuletzt in der Hoffnung, dessen Autorität als Marja würde auf ihn übergehen; eine Hoffnung, die Haeri mit seinem Rücktritt und seinen Ausführungen zu Khamenei nun zunichte machte, weswegen diese weithin auch als ein vom Iran gesteuerter und erzwungener Schritt angesehen werden.

»Das ist im Grunde eine Exkommunikation, denn es heißt, Muqtada al-Sadr sei nicht der legitime Erbe seines Vaters. Dieser Erbe sei vielmehr [der oberste iranische Führer, Ayatollah Ali] Khamenei«, sagte der ehemalige britische Botschafter im Irak, John Jenkins, zu Haeris Erklärung. »Und das von jemandem, der behauptet, der engste religiöse Verbündete seines Vaters gewesen zu sein. Ich nehme an, dass der Iran massiven Druck auf ihn ausgeübt hat.«

Haeris Aufruf, sich hinter Khamenei zu stellen, konnte demnach nicht unbeantwortet bleiben, denn der Ajatollah stellte damit Sadrs Legitimität direkt infrage. Und in der Tat reagierte Sadr, indem er erklärte, »das heilige Nadschaf« im Irak und nicht das iranische Qom sei »das Zentrum der Marja«, womit er sich auf den irakischen Großajatollah Ali al-Sistani bezog, der der oberste schiitische Marja des Iraks ist.

Diese Dynamik gab jenen Beobachtern recht, die kritisiert hatten, das Schicksal des Iraks werde nicht in einer souveränen Hauptstadt namens Bagdad, sondern in einem der beiden spirituellen Zentren des schiitischen Islams entschieden: Nadschaf im Irak und Qom im Iran. Der ehemalige hochrangige Beamte, Entifadh Qanbar, ging sogar so weit, Haeris Rücktritt und seine Herausforderung Sadrs als einen der entscheidenden Momente in der Geschichte des Iraks nach Saddam darzustellen: »Bevor Muqtadas Vater starb, sagte er den Sadristen, sie sollten al-Haeri als ihrem obersten religiösen Führer folgen. Was heute geschah, war also ein Staatsstreich, mit dem er sich selbst und Muqtada als Führer der Sadristen-Bewegung entmachtet hat. Das ist eine sehr große Sache.«

Schiitischer Bürgerkrieg oder Sadr als Retter?

Haeris Erklärung und die darauffolgenden politischen Entwicklungen lösten dann auch im Irak und in der Region Befürchtungen vor einem schiitischen Bürgerkrieg aus. Der Direktor des Rudaw Research Center, Ziryan Rojhelati, jedoch schreibt in einem lesenswerten Kommentar, entgegen der Ansicht, es könne zu einem großen schiitischen Bürgerkrieg kommen, sei es von Anfang an sehr wahrscheinlich gewesen, dass die Auseinandersetzungen nicht eskalieren würden, da Sadrs Strategie eine andere war.

Waren Sadrs jüngste politischen Entscheidungen der Angst geschuldet, nach Haeris Loyalitätserklärung an Khamenei und Teheran von der politischen Bühne des Irak zu verschwinden, so habe er sich für eine Art Vorwärtsverteidigung entschieden und sich gerade mit der Ankündigung seines »endgültigen Rückzugs« aus der Politik eine Hintertür offengelassen, über die er die Situation weiter kontrollieren wolle: indem er unter Beweis stellt, in welches Chaos das Land ohne ihn rutscht und wie zentral seine Rolle bei der Herstellung von Ruhe und Ordnung ist.

Nachdem der Geistliche seine Anhänger dazu aufgerufen hatte, die Grüne Zone in Bagdad zu verlassen und von Gewalt abzusehen, dankten ihm auch führende irakische Politiker für seine Bemühungen um eine Deeskalation, die dazu führte, dass sich auch die rivalisierenden proiranischen Schiitenmilizen des Koordinierungsrahmens zurückzogen, woraufhin die irakischen Streitkräfte die Ausgangssperre in Bagdad und anderen Provinzen aufheben konnten.

Der irakische Ministerpräsident Mustafa al-Kadhimi lobte Sadr für seinen Aufruf zur Beendigung der Gewalt und sagte, dieser habe »ein Höchstmaß an Patriotismus und den Willen gezeigt, irakisches Blutvergießen zu vermeiden«. Der Sprecher des irakischen Parlaments, Mohammed al-Halbousi, dankte Sadr ebenfalls und meinte: »Ihre Haltung ist so groß wie der Irak.« Und nicht nur der irakische Nationale Sicherheitsberater dankte Sadr in einem Tweet, sondern sogar der Chef der Fatih-Allianz des Koordinationsrahmens, Hadi al-Amiri, der Sadrs Aufforderung zur Beendigung der bewaffneten Gewalt eine »mutige Initiative« nannte, die »Anerkennung und Lob verdient«.

Daran anschließend weist Rojhelati darauf hin, dass der enge Sadr-Mitarbeiter Salih Mohammed al-Iraqi, der sich selbst als Sadrs »Minister« bezeichnet, seinen Twitter-Kanal reaktivierte, nachdem er diesen unmittelbar nach dem Rücktritt des Geistlichen stillgelegt hatte. Diese Rückkehr sei als Botschaft an seine Rivalen zu verstehen, dass Sadr nicht vorhabe, sich in absehbarer Zeit von der politischen Bühne zu verabschieden. Ganz ähnlich schätzte dies auch der Direktor am United States Institute of Peace, Elie Abouaoun, ein, als er der New York Times gegenüber sagte, Sadrs Rücktritt und der Aufmarsch seiner Anhänger in den Straßen könnten auch »ein Mittel sein, um Druck auszuüben und die Menschen dazu zu bringen, ihn zu bitten, seine Entscheidung rückgängig zu machen«.

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