Was die CNN-Antisemitismusstudie nicht erzählt

Einwanderer nach Israel

„CNN veröffentlichte [dies Woche] eine umfassende Umfrage zu Haltungen Juden gegenüber. (…) Dabei ergibt sich letztlich, dass ein Viertel der Befragten klassische antisemitische Positionen vertritt. (…) Als sei all dies nicht schlimm genug, machen die Antisemiten die Juden auch noch für die Tatsache verantwortlich, dass sie verfolgt werden. Achtzehn Prozent der Befragten gaben an, dass der ‚Antisemitismus in ihren Ländern eine Reaktion auf das alltägliche Verhalten von Juden darstelle‘. Außerdem meinten 28 Prozent der Befragten, dass ‚der Antisemitismus in ihren Ländern überwiegend eine Reaktion auf das Vorgehen Israels darstelle‘. Bedenkt man, dass Israel überhaupt erst 1948 und damit nach dem Völkermord an den Juden in Europa gegründet wurde, stellt diese Annahme eine besonders lächerliche Form der Opfer-Täter-Umkehr dar. (…)

Die Ergebnisse der Umfrage sind alarmierend genug, doch bilden sie nur einen Ausschnitt des Problems ab, und um die Juden und ihr Leben in Europa ist es noch viel schlimmer bestellt. Die folgende Analogie mag dies erhellen. Stellen sie sich vor, sie wüssten, dass ein Viertel der Passagiere in jedem Flugzeug massive Vorurteile gegen sie hegt und dazu neigt, sie und ihresgleichen verbal und körperlich zu bedrängen. Vermutlich würden sie versuchen, so wenig wie möglich zu fliegen und sich so gut wie möglich zu tarnen, sollten sie doch dazu gezwungen sein. Für viele europäische Juden stellt Europa ein derartiges Flugzeug dar und dies prägt ihren Alltag schon seit geraumer Zeit. Es ist erschütternd, wie viele Juden inzwischen in der Öffentlichkeit verbergen, dass sie Juden sind. Viele haben Europa gänzlich den Rücken gekehrt.

Dies ist schon seit längerem bekannt. Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte führte 2013 eine eigene Umfrage durch, um das Ausmaß des europäischen Antisemitismus zu ermitteln. Dabei wurden nicht nur Nichtjuden, sondern auch Juden über ihre Erfahrungen befragt. Die Ergebnisse waren verstörend. Fast 40 Prozent der befragten europäischen Juden gaben an, sie hätten ‚manchmal‘ oder ‚häufig‘ Angst, sich öffentlich als Juden zu erkennen zu geben. (…) Unabhängig von der ohnehin schon besorgniserregenden Zahl der Antisemiten hat der Antisemitismus sich also ohnehin schon massiv auf das Leben der Juden in Europa ausgewirkt. Die Angaben beziehen sich lediglich auf jene Juden, die in Europa geblieben sind. Manche Juden haben das Flugzeug bereits verlassen.

Den vom Pew Research Center 2012 zusammengetragenen Statistiken zufolge neigten die Juden nicht zuletzt aufgrund ihres Auszugs aus Europa weit häufiger als andere Gruppen zur internationalen Migration. Die Pew-Studie verzeichnete 290.000 jüdische Emigranten aus der Ukraine, 270.000 aus Rumänien und 190.000 aus Polen. Hinzu kamen 740.000 jüdische Emigranten aus Russland, das die Studie ebenfalls zu Europa zählt. Seitdem haben tausende Juden Frankreich angesichts des zunehmenden gewalttätigen Antisemitismus in dem Land verlassen. Kurzum: 1945, nach dem Holocaust, gab es in Europa 3,2 Millionen Juden. Im Jahr 2010 waren es nur noch 1,4 Millionen. Es ist kaum überraschend, dass die Mehrheit der von der Pew-Studie erfassten jüdischen Emigranten (2,7 Millionen) nach Israel übersiedelte. Weitere 370.000 zogen in die Vereinigten Staaten und 140.000 nach Kanada. Dort gibt es traditionell und aktuell wesentlich weniger Antisemitismus.“ (Yair Rosenberg: „CNN Finds a Quarter of Europeans Are Anti-Semitic. But the Reality for Europe’s Jews Is Even Worse“)

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