Was demographische Daten über die Proteste im Iran verraten

„Dass die Proteste im Iran sich so rasch in konservativen und traditionell unpolitischen Städten ausbreiteten, ist vielleicht das bemerkenswerteste Phänomen. An solchen Orten ist die Teilnahme an Protesten gegen die Regierung mit einem hohen Risiko verbunden. Warum fanden die Proteste in diesen Ortschaften so viel Unterstützung? (…) Um mir einen genaueren Eindruck von den tatsächlichen Gegebenheiten zu machen, habe ich persische Onlinemedien, örtliche Webseiten und Interviews mit Iranern vor Ort ausgewertet. Dabei ergab sich, dass zwischen dem 28. Dezember und dem 3. Januar Demonstrationen in 72 Städten in 29 der 31 Provinzen stattfanden. Diese Karte zeigt die geographische Verteilung der Proteste und die Anzahl der Tage, an denen in dem jeweiligen Bezirk Demonstrationen stattfanden.

Eine der wichtigsten Feststellungen ist, dass die Demonstrationen überwiegend in kleineren Städten stattfanden. Von den betroffenen Städten haben 73 Prozent weniger als 380.000 Einwohner. Ein Viertel der Städte hat weniger als 105.000 Einwohner. Diese Zahlen sind aus drei Gründen ziemlich überraschend. Zum einen sind die kleineren Städte im Iran traditionell unpolitisch. Zum anderen sind die kleineren Städte in der Regel besonders religiös. Daher haben die meisten Einwohner keine Einwände gegen die restriktiven gesellschaftlichen Maßregeln der Islamischen Republik, die eine der Hauptursachen für die Unzufriedenheit der Mittelschicht in den Großstädten sind. Schließlich kennen die Einwohner kleinerer Städte einander und wissen übereinander Bescheid. Daher ist das Risiko, bei der Teilnahme an Protesten gegen die Regierung erkannt und festgenommen zu werden, größer und somit ist das mit solchen Demonstrationen verbundene Risiko in kleineren Städten sehr hoch. (…)

Die Parolen der Demonstranten zeigten, wie sehr die Proteste durch soziale Unzufriedenheit motiviert waren. Infolge der Nostalgie für den vermeintlichen Wohlstand unter der Pahlavi-Dynastie waren monarchistische Parolen zu hören, darunter ‚Reza Shah, Ruhe in Frieden’ und ‚Wir machten die Revolution, was für ein Fehler das war’. Die weit verbreitete Parole ‚Nicht für den Gazastreifen, nicht für den Libanon, für den Iran opfere ich mein Leben’ zeigt, dass die Demonstranten sich gegen die langjährige finanzielle Unterstützung palästinensischer Gruppen und der Hisbollah durch den Iran wandten, mit der die Islamische Republik auf Kosten der iranischen Bevölkerung ihre ideologischen Ambitionen jenseits ihrer Grenzen befördert. (…) Die Angaben legen nahe, dass die Arbeitslosenquote nicht nur ein soziales Problem darstellt, sondern auch politische Implikationen haben kann. Die unerwartete Rolle der kleineren Städte bei den jüngsten Demonstrationen zeigt, wie Arbeitslosigkeit zur Grundlage politischer Handlungen werden und Proteste gegen die Regierung motivieren kann, die das gesamte politische System infrage stellen.“ (Peyman Asadzade: „New data shed light on the dramatic protests in Iran“)

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