Im Interview mit Stefan Frank spricht der Autor Tuvia Tenebom darüber, wie die deutsche Wochenzeitung »Die Zeit« eine Filmkritik mit Hinweis auf Israels Krieg im Gazastreifen ablehnte.
Tuvia Tenebom stellte uns die von der Zeit abgelehnte Filmkritik mit dankenswerter Weise zur Verfügung. Zum besseren Verständnis des Interviews können Sie die Kritik hier nachlesen.
Stefan Frank (SF): Als wir uns vor fünfzehn Jahren zum ersten Mal trafen, schrieben Sie bereits eine Weile für Die Zeit und Zeit Online. Das war eine ziemlich lange und offenbar glückliche Beziehung.
Tuvia Tenenbom (TT): Ja, über siebzehn Jahre. Es war erfolgreich, offensichtlich, weil die Leser es mochten. Früher konnte man ja die Liste »Meistgelesen« sehen – meine Artikel standen dort meistens. Ich habe bei der Printausgabe der Zeit angefangen und einige Jahre lang auch für Zeit Online geschrieben, als Kolumnist.
SF: Wie hat es begonnen?
TT: Das war 2008, als ich in Saudi-Arabien war. Damals durfte niemand ins Land einreisen, der jüdischer Herkunft war oder in Israel geboren wurde. Ich war dort, weil der amerikanische Präsident George W. Bush eine Reise durch das Land machte, und ich nahm als Journalist an der seiner Delegation teil. Ich schrieb einen Artikel, der auf der Titelseite des italienischen Corriere della Sera erschien. Daraufhin meldete sich jemand von der Zeit, Peter Kümmel, der Theaterkritiker, und fragte mich: »Könnten Sie auch für uns schreiben?« So hat es angefangen.
SF: Wie waren die Reaktionen?
TT: Die Reaktionen der Leser waren überwiegend positiv. Manche sagten: »Jetzt merken wir, was wir im Holocaust verloren haben: den jüdischen Humor.« Sie mochten wohl den Witz. Und das ging dann jahrelang so weiter.
Fadenscheinig
SF: Und jetzt haben die Redakteure der Zeit eine Filmkritik von Ihnen abgelehnt, obwohl sie diese zunächst gelobt hatten.
TT: Der Leiter des Feuilletons, Andreas Lebert, schrieb mir nach Erhalt meiner Rezension eine E-Mail: Wie großartig sie sei, sie liebten sie. »Laura und ich« – seine Co-Redakteurin – »finden sie wirklich wunderbar.« Alles sah gut aus. Dann aber schickten sie den Artikel an ihre Korrespondentin in Tel Aviv. Und weil ich darin einen Besuch in einem Außenposten erwähnte, mit der … wie nennt man sie, Hügeljugend? (Englisch: Hilltop Youth.)
SF: Ja.
TT: So nennt man sie eben. Es ist ja keine Organisation. Jedenfalls schrieb die Korrespondentin in Tel Aviv – eine junge Deutsche, soweit ich weiß, eine freie Mitarbeiterin – eine Mail an die Redaktion der Zeit: »Die Hügeljugend sind [in ironisch übersteigertem verächtlichem Ton] Suprematisten.« Daraufhin sagte ich: Was hat das mit meinem Artikel zu tun?
Sie stellten es so dar, als sei die Hügeljugend wie die Hitlerjugend. Die Hitlerjugend war eine Organisation. Die Hügeljugend ist keine Organisation, so werden sie einfach von den Leuten genannt. Jeder in diesen Siedlungen oder Außenposten im Alter zwischen vierzehn und zwanzig wird so genannt.
Also, Punkt eins: keine Organisation. Man könnte sie nennen, wie man will, Hilltop Spupips oder sonst irgendein Nonsens-Wort. Punkt zwei: Warum sollte ich überhaupt eine Meinung zu den Hilltop Youths äußern? Ob ich ihnen zustimme oder nicht, spielt keine Rolle. Für die Korrespondentin schien es, als sei ich den Juden gegenüber freundlich, aber nicht gegenüber den Arabern, den Palästinensern – und das war aus ihrer Sicht nicht gut.
Auf der anderen Seite gab es den Film No Other Land, der einen Oscar gewonnen hat – einer der ersten Filme, die gewissermaßen ein »Koscher«-Zertifikat dafür bekam, das Schlimmste über Juden zu sagen. In dem Film werden Juden als Mörder und Diebe dargestellt, als die hässlichsten Kreaturen. Ich bin zu dem Ort gefahren, an dem der Film spielt, und hatte Die Zeit vorher darüber informiert. Zusammen mit meiner Frau Isi war ich in Masafer Yatta, wo der Film spielt, und auch in den Nachbargebieten. Wir fanden viele Widersprüche zwischen dem, was der Film behauptet, und der Realität vor Ort.
Die Filmemacher, so stellten wir fest, sind insgesamt nicht besonders wahrheitsliebend. Man kann dem, was sie sagen, nicht trauen. Die Zeit zog den Artikel aufgrund des Kommentars der freien Mitarbeiterin zurück. Ich protestierte und sagte, das habe nichts mit dem Artikel zu tun. Man entschuldigte sich: »Sorry, sorry, sorry – er wird nächste Woche erscheinen.« Er erschien nicht.
SF: Warum?
TT: »Israel hat den Iran angegriffen«, sagte mir der Feuilleton-Chef. »Wir können den Artikel nicht veröffentlichen.» Ich fragte: »Was habe ich damit zu tun? Erstens: zu sagen, ›Israel hat den Iran angegriffen‹, ist so, als würde man sagen, Israel habe einen Krieg begonnen. Das ist ein grober Fehler und eine Lüge. Ich war in Israel, als ihr in Berlin oder Hamburg wart. Und schon lange bevor ›Israel den Iran angegriffen‹ hat, flogen Hunderte iranische Raketen über meinem Kopf. Zweitens: Selbst, wenn Israel den Iran angegriffen hätte, was hat das mit meinem Artikel zu tun, einer Filmkritik?» Er sagte: »Okay, nach dem Krieg veröffentlichen wir ihn. Ich liebe den Artikel und werde stolz sein, ihn zu bringen.«
Als dieser Teil des Kriegs zwölf Tage später vorbei war, sagte ich: »Jetzt können wir ihn veröffentlichen.« Aber dann hieß es: »Es ist noch zu nahe am Krieg.« Und dann kam die Sache mit Maxim Biller [dessen Artikel zuerst veröffentlicht und nachträglich gelöscht wurde; Anm. Mena-Watch]: »Wenn wir deinen Artikel veröffentlichen, würde es aussehen, als entfernten wir uns von unserer …«
SF: … anti-jüdischen Haltung?
TT: Ich sagte: »Moment. Was hat Maxim Biller, egal, was er getan hat oder nicht, mit mir zu tun? Nur weil er Jude ist und ich auch?» — »Lass uns noch ein bisschen warten«, hieß es.
Dann reichte es
SF: Was geschah dann?
TT: Dann hieß es, man könne den Artikel jetzt nicht veröffentlichen wegen »dem, was Israel in Gaza mit den Palästinensern macht«. Ich fragte: »Was hat das eine mit dem anderen zu tun?« Die Antwort: »Jetzt interessiert sich jeder, der die Nachrichten liest, nur für Gaza.« Da sagte ich: »Moment. Ihr seid das Feuilleton, nicht die Nachrichtenredaktion. Das ist eine Filmkritik. Das Feuilleton beschäftigt sich mit Literatur und Film – es sollte nichts mit Gaza zu tun haben, außer, wenn es um ein Buch oder einen Film über Gaza geht.« — »Nein, wir können ihn nicht veröffentlichen.«
Mit anderen Worten: Israel verhält sich schlecht – und weil sie Juden sind und ich auch, bin ich mitverantwortlich. Jeder Jude ist verantwortlich für das, was ein anderer Jude tut. Das ist klassischer Antisemitismus.
Ich sagte: »Ich akzeptiere eure Begründung nicht, denn sie ist klassisch antisemitisch. Der Krieg in Gaza hat nichts mit einer Filmkritik zu tun. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Wenn ihr sie nicht veröffentlicht, sehe ich das als blanken Antisemitismus und werde nie wieder für die Zeit schreiben.« Lebert antwortete: »Okay, ich zeige sie Giovanni di Lorenzo, dem Chefredakteur, und sobald ich seine Meinung habe, schreibe ich dir am Montag.» Am Montag kam die Antwort: »Wir können den Artikel nicht veröffentlichen.« Warum? »Wegen dem, was Israel in Gaza tut.« Punkt. Da sagte ich: »Das reicht.« Und das war’s.
Während der siebzehn Jahre, in denen ich für sie schrieb, habe ich mir nie vorgemacht, Die Zeit wäre eine pro-israelische Zeitung. Aber ich dachte auch nicht, dass sie antisemitisch ist. Leider ist sie es.
SF: Sie haben Ihren Beitrag dann in der Berliner Zeitung veröffentlicht. [Bei Mena-Watch können Sie die Kritik, die uns Tuvia Tenebom dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat, hier nachlesen.]
TT: Zuerst habe ich andere große Blätter versucht – Bild, Welt, sogar die Jüdische Allgemeine. Sie alle lehnten ab – nicht nur, dass sie den Artikel nicht drucken wollten, sie wollten auch nicht über die Ablehnung der Zeit berichten. Niemand im heutigen Deutschland, nicht einmal auf der Rechten, bei den Konservativen – zumindest niemand, den ich kenne –, will sich mit der Zeit anlegen. Am Ende ist Die Zeit ein Gott. Schließlich hat jemand, den ich kenne, den Artikel an die Berliner Zeitung geschickt und dort wurde er veröffentlicht. Die Berliner Zeitung ist, soweit ich weiß, anti-Mainstream, nicht rechts, eher links. Sie waren die Einzigen, die es getan haben. Natürlich hat keine deutsche Zeitung ein Wort darüber verloren.
Einseitiges Bild
SF: Es gibt Parallelen zum Fall Maxim Biller. Sein Artikel für Zeit Online war bereits veröffentlicht, wurde dann aber gelöscht, weil er als zu israelfreundlich galt.
TT: Zumindest, auch wenn ich der Redaktion nicht zustimme, ging es in seinem Artikel um Gaza, der Beitrag war politisch. Ich hingegen schrieb nur über einen Film, einen Beitrag, der nicht veröffentlicht wurde, offenbar weil sie den Film schützen wollten – einen Film, der Juden als die schlimmsten Menschen darstellt: Tiere, teuflisch, Diebe, Mörder. Und der bekommt einen Oscar – und natürlich Unterstützung von der Zeit. Interessanterweise fand ich keinen einzigen Artikel eines deutschen Journalisten, der die Fakten in dieser Dokumentation überprüft hätte, der an den Ort des Geschehens – Masafer Yatta – gefahren wäre, um einfach mal hinzusehen. Niemand.
SF: So funktioniert deutscher Journalismus über Israel immer: Es geht nicht um Fakten, sondern darum, eine große Geschichte zu erzählen – vom israelischen »Unterdrücker« und den palästinensischen »Opfern«. Konsistenz ist das oberste Gebot. Die Erzählung darf keine Widersprüche enthalten.
TT: Ich habe, wie gesagt, seit Langem für Die Zeit geschrieben. Sie kennen mich. Wir hatten eine gute Zusammenarbeit, sonst hätten sie meine Texte nicht veröffentlicht. Und offensichtlich mochten die Leser meine Artikel. Soweit ich weiß, haben sie nichts Persönliches gegen mich. Es geht nicht gegen Tuvia, es geht gegen den jüdischen Feind.
Sie wollen einfach ein sehr einseitiges Bild der Israelis zeigen. So einfach ist das: Die Israelis, also die Juden, sind schlechte Menschen. Die Juden greifen den Iran an – dieses schöne, progressive Land. Sehr progressiv. Die Palästinenser hingegen sind [mit ironisch sanfter Stimme] sehr nette Leute, süß, mit braunen Augen und schönem Lächeln. Sie haben die perfekte Größe und weiche Haut. Die Juden dagegen [in zischendem Ton] sind Tiere – tötet sie!Das ist, was wir vor uns haben: ganz simpler Antisemitismus. Goebbels würde es lieben.
Man darf nicht einmal etwas Kritisches über den Film sagen. Die Deutschen lieben ihn. »Bitte verwirr’ mich nicht mit Fakten.« Der Film ist künstlerisch einer der schlechtesten und langweiligsten, die ich je gesehen habe. Ein Dokumentarfilm ohne Entwicklung: Nach fünf Minuten weiß man alles. Keine Spannung, kein Drama, nichts. Aber er ist [zischend] gut – weil er diese furchtbaren Juden zeigt. Man sieht sie ganz nah, sieht die Zähne von Tieren.
SF: Wie in den Karikaturen des Stürmer?
TT: Das ist leider die Gemeinsamkeit zwischen diesem Blatt und den Zeitungen des heutigen Deutschlands. Das betrifft nicht nur Die Zeit. Ich will kein Teil dieses antisemitischen Trends sein. Diese Leute sind so antisemitisch, dass sie es nicht einmal mehr bemerken. Das ist das Erschreckende. Ich sagte zu Andreas [Lebert]: »Hätte ich dir vor fünf Jahren gesagt, dass du Antisemit bist, hätte dich das veranlasst, innezuhalten, darüber nachzudenken.» Heute aber ist Antisemitismus keine große Sache mehr. Jeder ist es. Das ist, wie ich es sehe, das Ende des ehrlichen Journalismus. Und niemand bemerkt es – sie sind zu sehr damit beschäftigt, Juden zu hassen.






